Matthäus 2,19-23

Eigene Übersetzung

19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien ein Engel des Herrn dem Joseph in Ägypten im Traum
20 und sprach: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter mit dir und zieh in das Land Israel; denn die, welche dem Kind nach dem Leben trachteten, sind gestorben.
21 Er aber stand auf, nahm das Kind und seine Mutter mit sich und zog in das Land Israel.
22 Als er aber hörte, dass Archelaus anstelle seines Vaters Herodes König über Judäa war, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und nachdem er im Traum eine Weisung empfangen hatte, zog er in die Gegend von Galiläa.
23 Und er kam und wohnte in einer Stadt, die Nazareth genannt wird, damit erfüllt würde, was durch die Propheten gesagt ist: Er wird Nazoräer genannt werden.


Kommentar

Hier erscheint Joseph zum dritten und vierten Mal ein Engel – wiederum im Traum (vgl. hier und hier). Sowohl Maria als auch Zacharias hingegen begegnen Engeln am Tag und in wacher Wahrnehmung. Joseph jedoch empfängt in allen vier Fällen die göttliche Weisung ausschließlich im Traum.

Der Text selbst gibt keine explizite Erklärung dafür, warum Joseph durch Träume angesprochen wird, während anderen Personen Engel unmittelbar erscheinen. Dass sich dieses Muster bei Joseph jedoch viermal in derselben Weise wiederholt, legt nahe, dass es sich nicht um bloße statistische Varianz handelt, sondern um einen Zusammenhang, der mit der Person Josephs selbst zu tun hat.

Generell ist direkte Kommunikation Gottes in der Bibel vergleichsweise selten. Es gibt einzelne Ausnahmen, etwa Mose oder Elia, die wiederholt unmittelbare göttliche Weisungen empfangen. In den meisten Fällen jedoch wird selbst bei als gerecht beschriebenen Personen nur wenig oder gar keine direkte Kommunikation erwähnt.

Es scheint, dass Gott mit Menschen unterschiedlich umgeht. Häufig erwartet er offenbar, dass Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen im Einklang mit seinem Gebot getroffen werden. Erst wenn eine Situation besondere Klarheit erfordert, die nicht allein aus der Schrift oder aus allgemeinen Umständen gewonnen werden kann, greift Gott kommunikativ ein. Auch dann geschieht dies oftmals auf eine Weise, die zunächst natürlich erscheint. Bei manchen Menschen – wie hier bei Joseph – erfolgt diese Kommunikation ausdrücklich auf übernatürliche Weise.

Bemerkenswert ist zudem, dass die Inhalte der göttlichen Weisung an Joseph zumindest teilweise auch auf anderem Weg hätten bekannt werden können. Insbesondere die Information vom Tod des Herodes hätte Joseph wohl auch aus menschlicher Quelle erfahren können.

Wie bereits bei der Aufforderung zur Flucht nach Ägypten folgt auf den Befehl unmittelbar die Tat. Der Imperativ lautet: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh“, und unmittelbar darauf heißt es: „Er stand auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog“. Joseph wird hier als jemand dargestellt, der ohne Widerrede und ohne Verzögerung das ausführt, was ihm gesagt wird.

Josephs Furcht vor der Rückkehr nach Judäa erscheint ist nachvollziehen, da Archelaus in die brutalen Fußstapfen seines Vaters trat.1 In Galiläa hingegen herrschte Herodes Antipas, dem wir später in den Evangelien erneut begegnen, etwa im Zusammenhang mit der Hinrichtung Johannes’ des Täufers. Auch er war kein vorbildlicher Herrscher, doch im Gegensatz zu seinem Bruder bemühte er sich, die religiösen und kulturellen Gepflogenheiten seiner Untertanen zu respektieren, und seine Herrschaft war vergleichsweise stabil.2

Der vierte Hinweis auf die Erfüllung prophetischer Rede stellt eine besondere exegetische Herausforderung dar. Anders als bei den vorhergehenden Zitaten lässt sich keine konkrete alttestamentliche Stelle identifizieren, die davon spricht, dass der Messias – oder irgendeine andere Person – „Nazoräer genannt werden“ sollte.3 Dass Matthäus diese Formulierung dennoch verwendet, lässt vermuten, dass sie für ihn selbst und für seine ersten Leser nachvollziehbar war. Für heutige Leser bleibt jedoch nur die Möglichkeit, über den ursprünglichen gedanklichen Hintergrund zu reflektieren.


Fragen zum Nachdenken

  1. Warum begegnen die Engel Joseph konsequent im Traum?
  2. Auf welche Weise kommuniziert Gott mit dir?
  3. Wie lernen wir, Gottes Weisungen zu erkennen und ihnen ohne Widerrede zu folgen?

Quellen

  1. H. W. Hoehner, „Herod“, in The International Standard Bible Encyclopedia, Revised, hg. von Geoffrey W Bromiley (Wm. B. Eerdmans, 1979–1988) 694.
    IV. Archelaus (4 b.c.–a.d. 6)
    Archelaus, the son of Herod the Great and Malthace (a Samaritan), was born ca 22 b.c. His killing of about three thousand people at the Passover before he left for Rome, combined with the prolonged revolt at the feast of Pentecost that spread to the countryside of Judea, Galilee, and Perea, made a bad beginning of Archelaus’s rule. His treatment of the Jews and Samaritans was one of brutality and tyranny (BJ ii.7.3 [111]), as substantiated by Matthew (2:20–23), who states that when Joseph, Mary, and Jesus returned from their flight to Egypt, Joseph heard that Archelaus was ruling over Judea and was afraid to go there.
    ↩︎
  2. Frank Dicken, „Herod Antipas“, in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).
    Herod the Great died in 4 bc after changing his will to state that the kingdom would be divided between three of his sons (Archelaus, Philip, and Antipas) and his sister (Salome). In a previous will, Herod had named Antipas as the sole heir to the kingdom (Antiquities 17.188; Jewish War 1.620–646). This last minute change angered Antipas and Archelaus, who both traveled to Rome in order to contest the will. Many people traveling with Archelaus supported Antipas, not because they wanted him to be king, but because they did not want Archelaus to be king (Josephus, Antiquities 17.193–249; Jewish War 2.14–38, 80–100; Jensen, Herod Antipas, 102–03). Caesar Augustus upheld Herod the Great’s last wishes, and Antipas was made tetrarch of Galilee and Peraea (Jos. Antiquities 17.317–21; Jewish War 1.668; 2.93–94; see also Luke 3:1).
    Antipas ruled as tetrarch for 43 years. An astute politician, he was more temperate than either Herod the Great or Archelaus, though he was often indecisive. His rule was peaceful, and like many other Herodian rulers, Antipas became known as a builder (Hoehner, Herod Antipas, 264–65). He is credited with building walls around the cities of Sepphoris and Betharanphtha and renaming the cities “Autokratoris” and “Livias,” respectively, in honor of Emperor Augustus and his wife (Josephus, Antiquities 18.27; Kokkinos, Herodian Dynasty, 234; Braund, Friendly King, 107–08).
    ↩︎
  3. William MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament, übers. von Christiane Eichler, 7. Auflage. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018), 30–31.
    Matthäus macht uns nun zum vierten Mal in diesem Kapitel darauf aufmerksam, dass sich eine Prophezeiung erfüllte. Obwohl er keinen der »Propheten« namentlich erwähnt, hatten sie nach seinen Worten vorhergesagt, dass der Messias »Nazoräer genannt werden« wird. Kein Vers des AT sagt das direkt. Viele Gelehrte schlagen vor, dass Matthäus sich hierbei auf Jesaja 11,1 bezieht: »Und ein Spross wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.« Das hebräische Wort, das mit »Spross« übersetzt wird, lautet nezer, obwohl der dadurch geschaffene Zusammenhang nicht unmittelbar einleuchtet.
    Eine wahrscheinlichere Deutung besteht darin, dass mit »Nazoräer« jemand gemeint ist, der aus Nazareth stammt – einer Stadt, die von der übrigen Bevölkerung verachtet wurde. Nathanael drückt das durch die damals sprichwörtliche Frage aus: »Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?« (Joh 1,46). Der Spott, mit dem diese »unbedeutende« Stadt bedacht wurde, traf auch ihre Einwohner. Wenn es deshalb in Vers 23 heißt: »Er wird Nazoräer genannt werden«, heißt das, dass er verachtet werden würde. Auch wenn wir keine Prophezeiung finden können, der zufolge Jesus Nazoräer genannt werden würde, so gibt es doch eine, die von ihm sagt, dass er »verachtet und von den Menschen verlassen« werden würde (Jes 53,3). In einer anderen Stelle heißt es, er sei ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk (Ps 22,7). Die Propheten benutzten also nicht die genauen Worte, wie sie hier stehen, doch dem Sinn nach entspricht V. 23 diesen Prophezeiungen.
    Es ist erstaunlich, dass der allmächtige Gott, als er zur Erde kam, einen schmachvollen »Spitznamen« erhielt. Diejenigen, die ihm folgen, haben das Vorrecht, seine Schmach zu tragen (Hebr 13,13).
      ↩︎

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