Matthäus 5,21–26
Eigene Übersetzung
- Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht morden! Wer aber mordet, wird dem Gericht verfallen sein.
- Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, wird dem Sanhedrin verfallen sein. Wer aber sagt: Narr!, wird der Gehenna des Feuers verfallen sein.
- Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,
- dann lass deine Gabe dort vor dem Altar, geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder; danach komm und bring deine Gabe dar.
- Sei schnell bereit, dich mit deinem Ankläger zu versöhnen, solange du mit ihm auf dem Weg bist, damit der Ankläger dich nicht dem Richter übergibt und der Richter dich dem Gerichtsdiener übergibt und du ins Gefängnis geworfen wirst.
- Amen, ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du die letzte Geldeinheit bezahlt hast.
Kommentar
Hier zeigt sich deutlich, wie Jesus das Gesetz nicht abschafft, sondern zuspitzt und vertieft. Er greift das sechste Gebot der Zehn Gebote auf: „Du sollst nicht morden.“ Indem Jesus dieses Gebot aufnimmt und dann sagt: „Ich aber sage euch“, erhebt er einen außergewöhnlichen Autoritätsanspruch. Er beansprucht die Vollmacht, das von Gott gegebene Gesetz verbindlich auszulegen und zu radikalisieren.1
Der Text wirft jedoch zunächst Fragen auf. Die angedrohten Konsequenzen für Zorn oder Beleidigungen wirken unverhältnismäßig hart. Warum sollte bereits Zorn unter Gericht fallen?
Jesus verwendet hier bewusst jüdische Bilder seiner Zeit. Der Sanhedrin war das höchste jüdische Gericht, und die Gehenna bezeichnete das Hinnomtal südlich von Jerusalem. Dort wurde Müll verbrannt, und auch die Leichen hingerichteter Verbrecher wurden dort im Feuer entsorgt.2 Für die ersten Hörer dürfte dies ein sehr konkretes Bild gewesen sein. Jesu Worte konnten so verstanden werden, dass jemand, der seinen Bruder derart verachtet, im messianischen Reich selbst der Todesstrafe verfällt.
Viele Christen lesen diese Aussagen heute primär als Hinweise auf Strafen im Jenseits. Zwar werden Begriffe wie „Gehenna“ an anderen Stellen tatsächlich auch symbolisch für das Gericht nach dem Tod verwendet. An dieser Stelle ist es jedoch plausibel, zunächst von einem irdisch verstandenen Gerichtshorizont auszugehen.
Das nächste Bild greift den Tempelkult auf. Wer ein Opfer darbringt, soll vor Gott rein stehen. Versöhnung hat Vorrang vor religiöser Handlung – ein Gedanke, der Jesu Hörern zur Zeit des noch bestehenden Tempels sehr vertraut gewesen sein dürfte.
Bemerkenswert ist dabei die Formulierung: „wenn du dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat“. Es geht nicht nur darum, eigenes Fehlverhalten zu bereinigen, sondern aktiv Frieden zu suchen. Im Kontext der vorangegangenen Aussagen erhält dies zusätzliche Tiefe: Wer weiß, dass sein Bruder etwas gegen ihn hat, weiß auch, dass dieser in der Gefahr steht zu zürnen und damit selbst schuldig zu werden. Versöhnung dient hier also nicht nur der eigenen Reinheit, sondern auch dem Schutz des anderen.3
Das letzte Bild verschiebt den Fokus in einen rechtlichen Kontext. Es geht nicht mehr um Anbetung, sondern um praktische Lebensklugheit. Wer frühzeitig eine Lösung sucht, schützt sich davor, vor Gericht zu geraten. Dieser Abschnitt appelliert weniger an Moral als an Weisheit und Selbstschutz.
Insgesamt erfüllt der Text mehrere Funktionen zugleich:
- Er zeigt, dass Jesus das Gesetz keineswegs auflöst, sondern es radikal zuspitzt.
- Er fordert dazu auf, vor Gott in innerer Reinheit zu leben.
- Er ermutigt zu weisem Handeln, um menschlichem Gericht zuvorzukommen.
Dass dieser Abschnitt zunächst das irdische Leben und bekannte jüdische Gerichtsvorstellungen im Blick hat, schließt nicht aus, dass seine Prinzipien auch auf die Ewigkeit angewendet werden können. Wenn unter dem Messias bereits auf der Erde so strenge Maßstäbe gelten, wie viel mehr gilt dies für das endgültige Himmelreich. Zumal Jesus in den Versen davor auch mehrfach vom Himmelreich gesprochen hat. Es ist daher legitim, diesen Text auch im Hinblick auf göttliches Gericht und das Reden von Hölle auszulegen.4
Gleichzeitig ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Jesu Worte zuerst innerhalb eines konkreten historischen Rahmens gehört wurden – mit Bildern von Gerichten und Strafen, die seinen Hörern vertraut und unmittelbar vorstellbar waren.
Fragen zum Nachdenken
- Warum formuliert Jesus hier so harte und scheinbar unerreichbare Maßstäbe?
- Inwiefern hilft dir eine zunächst irdische Auslegung, den Text besser zu verstehen?
- In welchem Maß trägst du Mitverantwortung, wenn du deinen Bruder reizt und ihn zur Sünde führst?
- Warum steht mitten in einem moralisch-rechtlichen Abschnitt ein Beispiel, das vor allem dem Selbstschutz dient?
Quellen
- Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 153.Jesus beginnt hier mit dem gewaltigen »Ich aber sage euch«. Kein Hörer und kein Leser, der wirklich nachdenklich ist, kommt an der Frage vorbei: Welcher Mann hat das Recht, so zu reden? Denkt man daran, daß Mose dem Volk das Gesetz überbrachte, dann muß Jesus mindestens dieselbe Autorität haben wie Mose. Jesus und Mose, das Verhältnis und Zusammenspiel beider, das Johannes im sog. »Prolog« seines Evangeliums (1, 1–18) so zentral beschrieb, ist für alle Evangelisten ein eindrückliches Thema gewesen. Zwei falsche Deutungen müssen beim »Ich aber sage euch« sofort abgewiesen werden. Erstens wäre es ein Fehlschluß, das »Ich« im Sinne des autonomen Ich des modernen Menschen zu verstehen. Jesus ordnet sich ja gerade Gottes Willen völlig unter. Das zeigte seine Taufe (3, 15) aber auch die Versuchung (4, 10), und sein Wort von der Erfüllung des Gesetzes (5, 17). Also nicht der autonome, von Gott gelöste Mensch redet hier. Sondern der Mann, der völlig aufgeht in seinem Auftrag (vgl. Joh 4, 34). Zweitens wäre es ein Fehlschluß, Jesus in einen Gegensatz zum AT zu bringen. Er hebt ja nach 5, 17 das AT eben nicht auf, sondern vollendet es. Sein »Aber« ist nicht das »Aber« eines menschlichen Rebellen oder diabolischen Gegners, sondern das »Aber« der Enthüllung. Die Hörer von damals haben das begriffen, wenn sie sich am Schluß der Bergpredigt entsetzten, weil »er lehrte mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten« (7, 28f.). Im »Ich aber sage euch« liegt die indirekte Offenbarung Jesu als Gottessohn. Nur der erlösende Messias und Gottessohn konnte seine Autorität über die des Mose stellen. Der Sinn der Eingangsworte ist: »Als der Messias aber sage ich euch.«
↩︎ - Walter A. Elwell und Barry J. Beitzel, „Gehenna“, in Baker encyclopedia of the Bible (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1988) 844.↩︎Gehenna. English transliteration of the Greek form of an Aramaic word which in turn is derived from the Hebrew phrase “the Valley of [the son(s) of] Hinnom.” The name properly designates a deep valley delimiting the territories of the tribes of Benjamin and Judah (Jos 15:8; 18:16). It is commonly identified with the Wādi er-Rabābi which runs from beneath the western wall of the Old City, forming a deep ravine south of Jerusalem.
The place became notorious because of the idolatrous practices which were carried out there in the days of Judah’s kings Ahaz and Manasseh, especially involving the heinous crime of infant sacrifice associated with the Molech ceremonies (2 Kgs 16:3; 21:6; 2 Chr 28:3; 33:6; Jer 9:26; 32:35). The spiritual reformation of King Josiah brought an end to these sinister proceedings (2 Kgs 23:10). The prophet Jeremiah referred to the valley in picturing God’s judgment upon his people (Jer 2:23; 7:30–32; 19:5, 6).
Subsequently, the valley appears to have been used for the burning of the city’s refuse and the dead bodies of criminals. Interestingly, a well-established tradition locates the scene of Judas’ suicide and the consequent purchase of the Potter’s Field on the south side of this valley. - Maier, Matthäus-Evangelium, 157.↩︎Die Fortsetzung gibt darüber Aufschluß: »Und geh zuerst hin, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bringe deine Gabe herbei.« Der Bruder hat also Anlaß zur Klage, und zwar rechtmäßig. Das zeigt u. a. der Vergleich mit Mark 11, 25. Der Zusammenhang legt nahe, an eine Verletzung des Bruders durch ein böses Wort zu denken. Aber das wäre wiederum nur ein Beispiel für die vielen Fälle, wo ich meinen Bruder zu einer Antihaltung veranlaßt habe. Was Jesus sagen will, ist nun völlig klar: Ich verstoße gegen das 5. Gebot, wenn ich meinen Bruder zornig werden lasse, ihn also zum Schuldner des 5. Gebots mache. Fiier kommt eine positive Auffassung des 5. Gebots in den Blick, die ganz ungewöhnlich ist, nämlich die Bewahrung des Nächsten vor Zorn und damit vor Gesetzesverstoß. Nicht nur ich selbst soll mich nicht verschulden, sondern ich soll auch das Mögliche tun, damit mein Bruder nicht schuldig wird.
- Kim Papaioannou, The Geography of Hell in the Teaching of Jesus: Gehenna, Hades, the Abyss, the Outer Darkness Where There Is Weeping and Gnashing of Teeth (Eugene, OR: Pickwick Publications, 2013), 63–64.↩︎Now, we consider again 5:21–22 and try to offer some comments on the role Gehenna plays. 5:21 obviously refers to the death sentence, as this was the punishment decreed for any murderer. The death sentence would be passed by an earthly court, yet “judgment” is not so much a reference to the local court itself, as it is to the sentencing decreed by God. By way of comparison, then, 5:22a must also refer to the death sentence, this time as the judgment of God. This is the point that Jesus was trying to make after all—that anger is in the same category as murder, and therefore deserves a similar punishment. Furthermore, it becomes obvious that ῥακά and μωρέ are outward expressions of anger and should therefore call forth the same sentence, if not from humans, then certainly from God. This is specifically stated in 5:22c where the one calling his brother μωρέ will face God’s judgment in Gehenna. Despite the ambiguity of 5:22b, it is nonetheless obvious that we have an interesting interplay between the death sentence of 5:21 and the sentence God will pronounce in the Day of Judgment in 5:22a and 22c.
The implications for Gehenna are obvious. In Matthew 10:28 we have observed that Gehenna is a synonym for the Day of Judgment when God will destroy the wicked. The picture here is essentially the same. In 10:28 we saw that the verb ἀπόλλυμι referred to both body and soul to indicate that God will annihilate rather than everlastingly torture the wicked. Here the comparison with the death sentence of 5:21 points in a similar direction. Keeping this thought in mind, we may proceed to examine the other two Gehenna texts unique to Matthew: Matthew 23:15 and 23:33.
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