Genesis 6,1–4

Eigene Übersetzung

  1. Und es geschah, als die Menschen sich auf dem Erdboden zu mehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden,
  2. da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, dass sie gut waren, und sie nahmen sich von allen zu Frauen, welche sie sich erwählten.
  3. Da sprach Jahwe: Mein Atem soll nicht für immer im Menschen wohnen, denn er ist ja Fleisch; und seine Tage sollen einhundertzwanzig Jahre sein.
  4. Die Nephilim waren in jenen Tagen auf der Erde – und auch danach noch –, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen kamen und sie ihnen Kinder gebaren. Das sind die Helden der Vorzeit, Männer von Namen.

Kommentar

Vier kurze Verse, die jedoch schon in der zwischentestamentlichen Zeit große Aufmerksamkeit erregten und stark ausgeschmückt wurden – vor allem im henochischen Buch der Wächter, im Buch der Riesen und im Jubiläenbuch.1Vgl. Robin Routledge, „The Nephilim: A Tall Story?: Who Were the Nephilim and How Did They Survive the Flood?“, Tyndale Bulletin (2015), 66:1:34.

Das erste Henochbuch beschreibt, wie 200 Engel vom Himmel fielen, die schönen Töchter der Menschen sahen und mit ihnen Beziehungen eingingen, wodurch eine Nachkommenschaft von halbgöttlichen Riesen entstand.2Brian Neil Peterson, „Nephilim“, in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).

Diese Geschichte, die etwas an mythologische Erzählungen von Halbgöttern wie Herakles oder Achilles erinnert, übt bis heute Faszination aus und ist vielen bekannt, die sonst wenig aus der Bibel wissen.

Allerdings gibt es aus biblischer Sicht einige Probleme mit dieser Theorie.

Zum einen stimmt es zwar, dass der Begriff „Söhne Gottes“ an manchen Stellen Engel bezeichnen kann (Vgl. Hiob 1,6), er wird aber an anderen Stellen auch für Gottes Nachfolger verwendet (Vgl. Hosea 2,1). Viele Kommentatoren argumentieren deshalb, dass die „Söhne Gottes“ Menschen aus der gläubigen Linie Seths waren, während die „Töchter der Menschen“ aus der Linie Kains stammten.3Vgl. Dennis McCallum, Lessons from Genesis: A Study Companion (New Paradigm Publishing, 2020).

Ein weiteres Argument gegen die Engeldeutung ist Jesu Aussage, dass Engel nicht heiraten (vgl. Matthäus 22,30).

Ein noch größeres Problem ergibt sich daraus, dass der Text klar sagt, wer sündigt und wer bestraft wird. Die Sünde wird von den Söhnen Gottes begangen – sie sehen und nehmen, was sie als gut erachten (eine bewusste Anspielung auf den Garten Eden, wo Eva die Frucht sah, als gut bewertete und nahm). Bestraft werden jedoch die Menschen, deren Lebenszeit verkürzt wird.

Wären die Söhne Gottes Engel, würde der Text implizieren, dass Gott die Menschen für die Sünde der Engel bestraft. Doch die Bibel betont immer wieder, dass der Sünder selbst bestraft werden soll, nicht der Unschuldige (Vgl. .

Weiter heißt es, dass sie sich die Frauen „zu Frauen nahmen“ – ein Ausdruck, der im Hebräischen ausnahmslos für Heirat verwendet wird.4Vgl. Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über die Bücher Mose’s: Genesis und Exodus … (Leipzig: Dörffling und Franke, 1878), 104. Nie wird er für außerehelichen Geschlechtsverkehr benutzt. Die Sünde war also nicht sexuelle Unmoral, sondern dass sie heirateten, wen immer sie wollten – ungeachtet des Glaubens oder Charakters.

Biblisch passt das zu den mehrfachen Warnungen, dass Gottes Nachfolger keine Götzendiener heiraten sollen (vgl. Exodus 34,12–16). Solche Verbindungen führten häufig dazu, dass Gläubige Kompromisse eingingen (z. B. im Leben Salomos). Das könnte gut erklären, warum die Zahl der Gottesfürchtigen immer kleiner wurde und die Bosheit der Menschheit so sehr zunahm, dass am Ende nur acht Menschen in die Arche kamen.

Eine zweite Alternative besagt, dass die „Söhne Gottes“ mächtige Herrscher vor der Flut waren. Im antiken Nahen Osten war es üblich, Herrscher als „Söhne Gottes“ zu bezeichnen.5Vgl. Walter C. Kaiser Jr. u. a., Hard Sayings of the Bible (Downers Grove, IL: InterVarsity, 1996), 108. Auch die Bibel verwendet diese Sprache (Psalm 82,6). Dann würde es um ein ausartendes Königtum gehen, in dem die Herrscher jede Frau nahmen, die sie wollten. Oft war das Volk moralisch nicht besser als seine Könige, was in den Königs- und Chronikbüchern immer wieder betont wird.

Wer waren dann die Nephilim?

Oft werden sie mit „Riesen“ übersetzt – und dort, wo sie nach der Sintflut erwähnt werden, werden sie auch mit Riesen gleichgesetzt (Numeri 13,33). Das Wort leitet sich von der Wurzel „fallen“ ab, doch in welcher Weise sie „Gefallene“ waren oder andere „zu Fall brachten“, bleibt spekulativ.

Interessant ist die Formulierung in Vers 4. Solche Hinweise werden manchmal genutzt, um die Zeit einer Erzählung zu markieren (vgl. Richter 17,6). Dann würde der Vers eher bedeuten: „Diese Geschichte passierte zur Zeit, als die Nephilim auf der Erde waren“, ohne zwingend zu sagen, dass sie nur die Nachkommen der beschriebenen Verbindungen waren.

Das passt auch zur Beschreibung als „Helden der Vorzeit“. Auch in den sumerischen Königslisten6Fritz Rienecker u. a., Lexikon zur Bibel …, 50–51. und bei den zehn babylonischen Urkönigen wird von Menschen vor der Flut berichtet, die sehr lange lebten.7J. Frohnmeyer, „Seth“, in Calwer Bibellexikon …, 689. Laut Josephus sollen auch griechische und ägyptische Schriftsteller von Menschen mit außergewöhnlich hohen Lebensaltern berichtet haben.8Josephus, Ant. 1.3.8–9.

Es gibt also Hinweise darauf, dass es allgemein bekannt war, dass es einst Riesen gab, die als Helden der Vorzeit angesehen und von manchen sogar verehrt wurden. In dieser Zeit spielt auch die Geschichte, dass die Söhne Gottes (Nachkommen der gläubigen Linie) sich die Töchter der Menschen (die Gott nicht nachfolgten) nach ihrem Belieben nahmen und sich vermischten.

Manche vertreten die Theorie, die Riesen seien das Ergebnis genetischer Vermischung gewesen. Interessant – aber der Text verlangt diese Deutung nicht. Es ist durchaus denkbar, dass Menschen, die fast 1000 Jahre alt wurden, generell größer waren als heutige Menschen.

Eine gewisse Unsicherheit bleibt. Die mythologische Theorie einer Vermischung zwischen Engeln und Menschen hat erhebliche biblische Probleme. Die alternativen Erklärungen sind stimmiger, aber auch nicht sicher beweisbar.


Fragen zum Nachdenken

  1. Warum üben gerade solche Theorien so starke Faszination aus – auch außerhalb des Christentums?
  2. Wie stehst du zu einer Ehe zwischen Gläubigen und Ungläubigen?
  3. Was hat das Muster der Sünde in Genesis – „Sie sahen, dass es gut war, und nahmen, was sie wollten“ – mit uns heute zu tun?

  • 1
    Vgl. Robin Routledge, „The Nephilim: A Tall Story?: Who Were the Nephilim and How Did They Survive the Flood?“, Tyndale Bulletin (2015), 66:1:34.
  • 2
    Brian Neil Peterson, „Nephilim“, in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).
  • 3
    Vgl. Dennis McCallum, Lessons from Genesis: A Study Companion (New Paradigm Publishing, 2020).
  • 4
    Vgl. Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über die Bücher Mose’s: Genesis und Exodus … (Leipzig: Dörffling und Franke, 1878), 104.
  • 5
    Vgl. Walter C. Kaiser Jr. u. a., Hard Sayings of the Bible (Downers Grove, IL: InterVarsity, 1996), 108.
  • 6
    Fritz Rienecker u. a., Lexikon zur Bibel …, 50–51.
  • 7
    J. Frohnmeyer, „Seth“, in Calwer Bibellexikon …, 689.
  • 8
    Josephus, Ant. 1.3.8–9.

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