Matthäus 6,14–15
Eigene Übersetzung
14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Sünden vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben;
15 wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euer Vater eure Sünden auch nicht vergeben.
Kommentar
Im Vaterunser fordert Jesus uns auf zu bitten: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.“Diese Bitte begründet er unmittelbar im Anschluss an das Gebet damit, dass wir von Gott nur dann Vergebung erwarten können, wenn wir selbst bereit sind, unseren Mitmenschen zu vergeben.
Dabei fällt auf, dass Jesus unterschiedliche Begriffe verwendet. Im Vaterunser spricht er von Schulden – also von etwas, das man einander schuldig ist. Der Begriff kann durchaus im Sinne eines Schuldenerlasses verstanden werden. Zwar sind damit nicht nur finanzielle Schulden gemeint, doch schwingt die Vorstellung mit, dass ein Anspruch auf Wiedergutmachung besteht.
In den hier vorliegenden Versen hingegen ist ausdrücklich von Sünden bzw. Verfehlungen die Rede. Ob die ersten Hörer diesen Bedeutungsunterschied bewusst wahrgenommen haben, lässt sich nicht sicher sagen; dennoch wirkt der Begriff „Schulden“ allgemeiner. Man kann jemandem etwas schulden, ohne zwingend moralisch schuldig geworden zu sein. Verfehlungen hingegen bezeichnen eindeutige Fehltritte. Vergebung meint daher nicht nur den Verzicht auf berechtigte Ansprüche, sondern ausdrücklich auch das Erlassen tatsächlicher Schuld. ES sei jedoch angemerkt, dass manche Kommentatoren hier volle Synonyme sehen, die auf Aramäische zurückgehen.1
Besonders zugespitzt wird die Aussage dadurch, dass Jesus die Vergebung unter Menschen unmittelbar mit der Vergebung durch Gott verknüpft. Das Neue Testament macht an vielen Stellen deutlich, dass das ewige Leben nur durch die Vergebung der Sünden möglich ist.2 Wenn Jesus hier sagt, dass wir Gottes Vergebung nur empfangen, sofern wir anderen vergeben, dann wird Vergebungsbereitschaft zu einer notwendigen Voraussetzung für den Eintritt in das ewige Leben.
Gleichzeitig wäre es falsch, daraus zu schließen, man könne sich den Himmel durch Vergebung verdienen.3 Die Schrift ist eindeutig: Das Heil ist Geschenk, nicht Verdienst. Dennoch erfordert dieses Geschenk, das wir auch entsprechend darauf reagieren um es annehmen zu können.4
Der Text fügt sich damit schlüssig in den Höhepunkt der Bergpredigt ein, wo Jesus fordert: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Wir sind dazu berufen, Gottes Charakter widerzuspiegeln.5 Nur wer Gott im eigenen Wesen ähnlich wird, kann Anteil an seinem Reich haben. Und wenn Gott ein Gott ist, der uns unsere Sünden unverdient vergibt, dann kann sein Charakter nur dort sichtbar werden, wo auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind.
Fragen zum Nachdenken
- Wie hilft dir die erfahrene Vergebung Gottes dabei, selbst vergeben zu können?
- Warum greift Jesus gerade das Thema der Vergebung als entscheidendes Kriterium heraus?
- Was verändert sich in dir, wenn du deinen Mitmenschen vergibst?
Quellen
- Walter C. Kaiser Jr. u. a., Hard sayings of the Bible (Downers Grove, IL: InterVarsity, 1996), 387.↩︎In the Aramaic language which Jesus spoke the word for “sin” is the same as the word for “debt”; hence “every one who is indebted to us” means “everyone who has sinned against us” (NIV). In the parallel petition of Matthew 6:12 this use of “debt” in the sense of “sin” occurs twice: “Forgive us our debts, as we also have forgiven our debtors” (RSV) means “Forgive us our sins, as we for our part have forgiven those who have sinned against us.” This wording implies that the person praying has already forgiven any injury received; otherwise it would be impossible honestly to ask God’s forgiveness for one’s own sins. Immediately after Matthew’s version of the prayer this is emphasized again: “For if you forgive men their trespasses, your heavenly Father also will forgive you; but if you do not forgive men their trespasses, neither will your Father forgive your trespasses”
- Friedhelm Jung, Glaube kompakt: Grundzüge biblischer Dogmatik, Vierte, verbesserte und erweiterte Auflage. (Bornheim; Bonn: Lichtzeichen Verlag, 2018), 72–73.↩︎Obwohl auf Golgatha die Schuld der Welt objektiv vergeben worden ist (Röm 5,10; 2 Kor 5,19), werden dennoch nicht alle Menschen gerettet. Denn auf die objektive Versöhnung muss die subjektive folgen. Nur wer seine Schuld einsieht, bereut und in Christus als gerichtet glaubt, dem wird die Gerechtigkeit Christi zugerechnet (Joh 3,16; Röm 5,1). Darum ruft Paulus, nachdem er in 2 Kor 5,19 die am Kreuz von Golgatha vollbrachte objektive Versöhnung erwähnt hat, einen Vers später zur subjektiven Versöhnung auf: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2 Kor 5,20). Wer gerettet werden will, muss also die am Kreuz objektiv geschehene Versöhnung Christi im Glauben als für sich selbst geschehen ergreifen.
- J. N. Geldenhuys, Bruce F. F., „Lord’s Prayer, The“, in New Bible dictionary, hg. von D. R. W. Wood u. a. (Leicester, England; Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1996), 696.↩︎The words ‘as we also [hōs kai hēmeis, ‘in the same way also as we’] have forgiven [aorist] our debtors’ (Mt. 6:12) and ‘for we ourselves forgive [present indicative] every one who is indebted to us’ (Lk. 11:4) do not mean that we are to ask forgiveness on the ground of our forgiving those who sin against us. We can receive forgiveness through grace alone. But in order to pray to God for forgiveness in sincerity and without hypocrisy, we must be free from all spirit of hatred and revenge. Only when God has given us the grace truly to forgive those who sin against us can we utter a true prayer for forgiveness.
- Paul Zeller, Hrsg., „Vergeben, Vergebung“, in Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert (Calw; Stuttgart: Verlag der Vereinsbuchhandlung, 1912), 782.↩︎Schon im Alten Testament wird sie von Josef geübt, 1Mos. 50, 17, vollends aber im Neuen Testament fließt sie mit Notwendigkeit aus der Erfahrung der eigenen Sündenvergebung, Matth. 18, 23, die eine unvergleichlich größere Schuldenlast weggenommen hat, sie muss daher in unbegrenzter Ausdehnung geübt werden; wer nicht vergeben will, auf den fällt die zuvor erlassene Schuld wieder zurück, nicht als wäre die Vergebung durch menschliches Tun zu erkaufen, sondern weil ein Herz, das nicht vergeben will, also in der Sünde beharrt, nicht fähig ist, Gottes Gnade zu empfangen und zu behalten. Darum hat auch der Herr ins Vaterunser die Erinnerung an die Vergebungspflicht, ohne deren Übung man gar nicht um Vergebung bitten kann, aufgenommen, Matth. 6, 12. Matth. 6, 14f. Er selbst hat noch am Kreuz ein Vorbild gegeben, Luk. 23, 34. Auch Paulus schärft diese Pflicht mit gleicher Begründung ein, Kol. 3, 13; Eph. 4, 32.
- David Arthur deSilva, An introduction to the New Testament: contexts, methods and ministry formation (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2004), 268.↩︎Matthew writes to those who have received God’s gift of forgiveness, acceptance into God’s family and access to God’s favor. Matthew calls for the righteousness that “exceeds that of the scribes and Pharisees” as a response to the gift and calling of God, a gift represented by the Beatitudes that precede Matthew 5:17–20. This righteousness is only a reflection of the righteousness of God that first touched the disciples. The love and forgiveness disciples are called to show, for example, responds to and reflects the love and forgiveness that God had first extended to them (Mt 5:38–48; 18:23–35).
The first cardinal teaching of the Sermon on the Mount, which is then echoed throughout Matthew’s special material, is that the family of God is called to reflect the character of God.[…]
The basis for Jesus’ teaching against retaliation of any kind—not returning hate for hate or injury for injury—is the character of God, who extends favor to all. Just as God sends the blessings of rain and sun on the whole world, so God’s children are to participate in God’s work of bringing blessing, extending favor and mercy as God extends them.