Matthäus 6,16–18

Eigene Übersetzung

16 Wenn ihr aber fastet, dann werdet im Aussehen nicht wie die Heuchler! Sie verstellen ihre Gesichter, damit die Menschen sehen, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits empfangen.
17 Wenn du aber fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,
18 damit du den Menschen nicht zeigst, dass du fastest, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dich belohnen.


Kommentar

Beim Thema des Fastens greift Jesus noch einmal dieselbe Begründung auf wie beim Gebet und beim Almosengeben: Geistliche Aktivitäten sollen für Gott im Verborgenen geschehen und nicht (bewusst) so, dass andere sie sehen und dafür Anerkennung aussprechen.

Ein möglicher Unterschied zum Gebet liegt darin, dass Fasten auch heute in unserer Gesellschaft durchaus positiv wahrgenommen wird. Zwar meist im Kontext von Gesundheits- oder Intervallfasten, doch nichtsdestotrotz kann man sich auch heute noch mit Durchhaltevermögen oder Selbstdisziplin beim Fasten rühmen, während öffentliches Gebet – zumindest außerhalb kirchlicher Kreise – in der Regel wenig Anerkennung einbringt.

Die schwierigere Frage ist jedoch, wie Fasten überhaupt einzuordnen ist. Es gibt viele Aufforderungen zum Gebet in der Bibel, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Im Neuen Testament hingegen findet sich keine direkte Aufforderung zum Fasten.1 Auch im Alten Testament geschieht dies meist nur in konkreten historischen oder geistlichen Situationen, etwa wenn Esther vor ihrem Gang zum König ein Fasten ausruft oder der König von Ninive nach der Predigt Jonas ein allgemeines Fasten anordnet.

Eine klare, allgemeingültige Aufforderung zum Fasten existiert nicht. Die einzige Stelle im Alten Testament, die im Judentum als verpflichtender Fastentag verstanden wurde, ist die Anweisung zum großen Versöhnungstag, an dem das Volk seine Seele demütigen sollte (Leviticus 23,27).

Ob der ursprüngliche Ausdruck „die Seele demütigen“ tatsächlich ausdrücklich Fasten einschließen sollte, ist allein aus der Bibel nicht zu belegen.2 Fest steht jedoch, dass es auch zur Zeit Jesu im Judentum nur einen verpflichtenden Fastentag gab.

Darüber hinaus praktizierten manche Juden – insbesondere aus dem Umfeld der Pharisäer – freiwilliges Fasten ein- oder zweimal pro Woche (vgl. Lukas 18,12). Obwohl Jesus an keiner Stelle gebietet, in dieser Regelmäßigkeit zu fasten, bewertet er diese Praxis nicht grundsätzlich negativ. Seine Kritik richtet sich lediglich gegen das Fasten aus falscher Motivation.3

Was bedeutet das nun für Christen? Jesus macht deutlich, dass Fasten, wenn es aus religiösen Gründen geschieht, nicht zur Selbstdarstellung dienen darf. Manche christliche Gruppen sind, ähnlich wie die Juden zu Jesajas Zeit,4 überzeugt, dass häufiges Fasten notwendig sei und Gebete dadurch verstärkt würden. Die wenigen neutestamentlichen Texte, die dies scheinbar bestätigen, sind jedoch textkritisch problematisch, da das Fasten dort erst in späteren Handschriften erscheint und in den frühesten Zeugen fehlt.

Auch wenn Jesus sagt, dass seine Jünger fasten werden, wenn er nicht mehr bei ihnen ist, scheint er eher auf die Trauer anzuspielen, die zum Fasten führt, als auf das Fasten als religiöse Pflicht.5

Eine interessante Theorie zum Fasten habe ich vor Kurzem gehört: Demnach ist Fasten weniger eine geplante religiöse Aktivität als vielmehr eine natürliche Reaktion auf überwältigende Ereignisse und starke Emotionen.6 Meiner eigenen Erfahrung nach nimmt bei tiefgreifenden Erlebnissen das Interesse an Nahrung oft stark ab. Für viele biblische Situationen, in denen gefastet wird, passt diese Beobachtung gut. Begegnungen mit Gottes Herrlichkeit, Angst und Trauer scheinen dabei die häufigsten Auslöser zu sein.

Aus diesem aktuellen Erkenntnisstand würde ich schließen, dass Fasten als religiöse Übung nicht notwendig ist. Wenn man es dennoch praktiziert, sollte es bewusst für Gott geschehen und nicht zur Ehre vor den Menschen.

Die Herausforderung für diese Ansicht ist jedoch, das Jesus selbst fastete.7


Fragen zum Nachdenken

  1. Welche Erfahrungen hast du selbst mit Fasten gemacht?
  2. Warum gibt es kein ausdrückliches Gebot zum Fasten, sondern nur Anweisungen, wie man es nicht tun soll?
  3. Welchen geistlichen Wert könnte Fasten auch heute noch haben?
  1. Stuart K. Weber, Matthew, vol. 1 of Holman New Testament Commentary (Nashville, TN: Broadman & Holman Publishers, 2000), 84.
    In the Old Testament, fasts were required only occasionally. In the New Testament, we find no instructions pertaining to frequency, duration, or any other details about fasting. The only didactic New Testament teaching on fasting is in this passage, which focuses not on the fasting, but on the motive. Some people might even argue that Jesus chose this “act of righteousness” as one of three examples because of its practice among the Jews, not because he expected it to be a major part of the Christian’s life (Pharisees fasted twice a week). In fact, he may have chosen an “act of righteousness” that was known to be above and beyond the requirement of the law to heighten the contrast between the hypocrite and the person who was truly righteous.
    ↩︎
  2. Charles L. Feinberg, “Atonement, Day Of,” in Baker Encyclopedia of the Bible (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1988) 233.
    The Day of Atonement became so central to Judaism that it survived the destruction of the temple in ad 70 and the end of the sacrificial system. It is the highest holy day of Judaism today. Although nowhere in the books of Moses is there an explanation of “afflicting the soul” required on the Day of Atonement (Lv 23:27, 29, 32 kjv), the Jews have continuously interpreted it as referring to fasting (cf. Ps 35:13; Is 58:3, 5, 10).
    ↩︎
  3. Clarence B. Bass, “Fast, Fasting,” in Baker Encyclopedia of the Bible (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1988) 781.
    Jesus’ words about fasting in the Sermon on the Mount constitute a radically different approach to voluntary fasting. In condemning the type of fasting which seeks favor with men by an ostentatious display of outward piety, Jesus taught instead a robust faith that sought genuineness of relation to God through a pure heart. Jesus does not condemn fasting as such, nor does he forbid it. He does, however, give it a new meaning. Fasting is service to God.
    ↩︎
  4.  H. A. G. Belben, “Fasting,” in New Bible Dictionary, ed. D. R. W. Wood et al. (Leicester, England; Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1996), 364.
    Some came to think that fasting would automatically gain man a hearing from God (Is. 58:3–4). Against this the prophets declared that without right conduct fasting was in vain (Is. 58:5–12; Je. 14:11–12; Zc. 7).
    ↩︎
  5. Geo. B. Eager, “Abstinence,” in The International Standard Bible Encyclopaedia, ed. James Orr et al. (Chicago: The Howard-Severance Company, 1915) 26.
    In Mt 9:14–17 (║ Mk 2:18–22; Lk 5:33–39) in reply to the question of the disciples of John and of the Pharisees, Jesus refuses to enjoin fasting. He says fasting, as a recognized sign of mourning, would be inconsistent with the joy which “the sons of the bridechamber” naturally feel while “the bridegroom is with them.” But, he adds, suggesting the true reason for fasting, that the days of bereavement will come, and then the outward expression of sorrow will be appropriate. Here, as in the Sermon on the Mount, Jesus sanctions fasting, without enjoining it, as a form through which emotion may spontaneously seek expression.
    ↩︎
  6. Vgl. H. D. M. Spence, Daniel, The Pulpit Commentary (London; New York: Funk & Wagnalls Company, 1909), 299.
    Strong emotion destroys natural bodily appetite. Sorrow, especially, has this purely physical effect. Thus fasting is often a natural result of certain religious emotions.
    ↩︎
  7. Stephen R. Miller, Nahum-Malachi, ed. Max Anders, Holman Old Testament Commentary (B&H Publishing Group, 2004), 231.
    For New Testament believers, fasting is always voluntary. Still Jesus himself fasted and seems to imply that believers would fast on occasion. Through fasting we are able to commune with God more deeply, receive guidance, protection, power, answers to prayer, and many other blessings. Calls for national days of fasting are biblical as well.
    ↩︎

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