Matthäus 9,1-8
Bibeltext (Menge Übersetzung)
- Er stieg nun in ein Boot, fuhr über den See zurück und kam wieder in seine Stadt.
- Dort brachte man ihm einen Gelähmten, der auf einem Tragbett lag. Weil nun Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: »Sei getrost, mein Sohn: deine Sünden sind (dir) vergeben!«
- Da dachten einige von den Schriftgelehrten bei sich: »Dieser lästert Gott!«
- Weil nun Jesus ihre Gedanken durchschaute, sagte er: »Warum denkt ihr Böses in euren Herzen?
- Was ist denn leichter, zu sagen: ›Deine Sünden sind (dir) vergeben‹ oder zu sagen: ›Stehe auf und gehe umher!‹?
- Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn die Vollmacht besitzt, Sünden auf der Erde zu vergeben« – hierauf sagte er zu dem Gelähmten: »Stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim in dein Haus!«
- Da stand er auf und ging heim in sein Haus.
- Als die Volksmenge das sah, gerieten sie in Furcht und priesen Gott, daß er den Menschen solche Macht gegeben habe.
Kommentar
Nach der Befreiung der Besessenen geht es wieder zurück nach Hause. Die Beschreibung weckt den Eindruck, dass Jesus nur für den Besessenen (oder die zwei Besessenen) ans andere Ufer gefahren ist, um gleich wieder zurückzukommen.
Die Wortwahl „seine Stadt“ ist ebenfalls interessant. Auch wenn Jesus viel unterwegs war und er an einer Stelle sogar einem Schriftgelehrten, der ihm folgen wollte, sagte, dass er keinen Ort habe, wo er sein Haupt niederlegen könne, hatte er dennoch einen Ort, der als seine Stadt bezeichnet wird. Hier ist Kapernaum gemeint, der Ort, aus dem auch Petrus und einige der anderen Fischer stammten.
Da es jedoch seine Stadt ist, erinnert es an Jesu Worte, dass ein Prophet nichts in seinem eigenen Haus gilt (Markus 6,4). Dies hat er allerdings in Nazareth und nicht in Kapernaum gesagt. Tatsächlich tat er viele Wunder in Kapernaum;1 das Problem scheint also nur dort zu bestehen, wo er als Kind aufgewachsen ist.
Es scheint sich hier um die recht bekannte Begebenheit zu handeln, die in anderen Evangelien so beschrieben wird, dass das Dach abgedeckt wurde, um den Kranken hinabzulassen.2 Matthäus erwähnt dieses Detail nicht, obwohl es eine so schöne und starke Geschichte ist: Die Freunde konnten nicht zu Jesus gelangen, deckten das Dach ab und ließen den Mann hinunter.
Es ist natürlich möglich, dass es eine andere Begebenheit war. Schließlich wird es wohl Hunderte oder gar Tausende Wunder gegeben haben, die Jesus getan hat, die aber nicht in der Bibel aufgezeichnet sind. Da sich jedoch die synoptischen Evangelien so sehr ähneln, scheint es wahrscheinlich, dass es tatsächlich dasselbe Wunder ist und Matthäus sich entschieden hat, es kürzer zu beschreiben. Vielleicht erwartet er auch, dass jeder die Geschichte bereits kennt. Was sehr stark für Letzteres spricht, ist das Detail, dass auch hier davon gesprochen wird, dass er ihren(!) Glauben sah.3 Jesus sah den Glauben der Freunde und sprach dann zu dem Gelähmten.
Wir haben auch einige andere Stellen, in denen jemand geheilt wird, weil ein anderer für ihn glaubte (z. B. der Hauptmann, der glaubte, dass sein Knecht geheilt wurde, oder die Mutter, die glaubte, dass ihre Tochter geheilt wurde). Hier heißt es jedoch, dass Jesus ihren Glauben sah und dann dem Mann die Sünden vergab.
Natürlich schließt dies nicht aus, dass der Lahme selbst glaubte; vermutlich sah Jesus den Glauben der Freunde und des Gelähmten, aber eben auch den Glauben der Freunde, der (mit-)bewirkte, dass dem Gelähmten Vergebung zugesprochen wurde.4
Vielleicht könnte dieser Text uns tatsächlich zu einer ähnlichen Reaktion führen wie die der Schriftgelehrten (und vielleicht ist es auch das Ziel von Matthäus, es so zu formulieren). Sie sagten, es wäre Gotteslästerung, dass er ihm die Sünden vergibt. Für manche heute wäre es vielleicht Häresie zu sagen, dass jemand die Sünden vergeben bekommt, weil ein anderer glaubt, betet etc., ohne dass der Mensch es selbst tut.
Wie soll die rhetorische Frage ›Was ist leichter: zu sagen: „Dir sind deine Sünden vergeben“ oder zu sagen: „Steh auf und geh umher!“‹ beantwortet werden? Die Kommentatoren sind sich hier nicht ganz einig; ich schließe mich jedoch der Mehrheit an: Es ist leichter zu sagen, dass die Sünden vergeben sind, da dies unsichtbar geschieht. Weil Jesus jedoch auch das Wunder vollbringen kann, hat er offenbar auch die Vollmacht zu Ersterem.5
Anwendung
Jesus war bereit, eine Reise über den See Genezareth zu machen, um zwei Menschen dort zu heilen und wieder zurückzufahren. Dies nahm sicher viele Stunden in Anspruch. Die Freunde nahmen sich die Zeit, ihren Freund zu tragen und ein Dach abzudecken; auch das kostete sicher viel Zeit und Kraft. Jesus und den Freunden war es wichtig genug, auch Bequemlichkeit und Zeit aufzugeben für die, die ihnen wichtig waren und die Hilfe brauchten.
Überlege, für wen du der Freund sein kannst, der ihn zu Jesus bringt. Nur weil seine Freunde ihn getragen haben, konnte der Kranke hören: „Deine Sünden sind dir vergeben“, und nur deshalb konnte er geheilt werden. Wen kannst du heute zu Jesus bringen? Wen kannst du in deinem Gebet zu ihm tragen? Nimm dir bewusst vor, bereit zu sein, eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, um ein Segen zu sein – so wie sowohl Jesus als auch die Freunde es taten.
Bitte in diesem Zusammenhang auch Jesus, dich offen dafür zu machen, dass er dich überraschen kann. Die Schriftgelehrten konnten sich nicht vorstellen, dass Jesus so etwas tun darf. Manchmal können auch wir uns schwer vorstellen, dass Gott das eine oder andere tun würde. Dennoch überrascht uns das Wort Gottes immer wieder mit ungewöhnlichen Situationen. Sei offen dafür, dass Gott dir heute etwas zeigen könnte, das gegen deine Erwartungen geht – vor allem, wenn es um andere Menschen geht. Viel zu schnell verurteilen wir in unserem Herzen, obwohl Gott nicht verurteilt.
Fragen zum Nachdenken
- Wie weit bist du bereit zu gehen, um jemandem ein Segen zu sein?
- Wieso ist es in der einen Stadt Jesu nicht möglich, Wunder zu tun, während die andere reich an Wundern ist?
- Warum denkst du, lässt Matthäus die Geschichte mit dem Dach weg?
- Wen kannst du heute zu Jesus tragen?
- R. H. Mounce, „Capernaum“, in The International Standard Bible Encyclopedia, Revised, hg. von Geoffrey W. Bromiley (Wm. B. Eerdmans, 1979–1988) 609.↩︎In Mt. 9:1 Capernaum is called “his own city.” At least three of Jesus’ disciples came from there. Peter and Andrew, originally from Bethsaida (Jn. 1:44), had apparently moved to Capernaum (Mk. 1:29). It was from a tax office in the same city that Matthew rose to follow Jesus (Mt. 9:9). Many miracles were performed in and around Capernaum: e.g., the paralyzed servant of the centurion was healed (Mt. 8:5–13); a paralytic, carried to Jesus by four friends and let down through the roof, picked up his bed and walked (Mk. 2:1–12); and Peter’s mother-in-law was cured of a fever (Mk. 1:29–31).
- Charles L. Quarles, Matthew, hg. von T. Desmond Alexander, Thomas R. Schreiner, und Andreas J. Köstenberger, Evangelical Biblical Theology Commentary (Bellingham, WA: Lexham Academic, 2022), 231.↩︎Matthew’s account of this healing is considerably briefer than Mark’s and Luke’s. Matthew omits details about the great effort made by the paralyzed man’s four friends (Mark 2:1–4; Luke 5:17–20). This keeps the focus completely on Jesus’s power to heal and authority to forgive.
Jesus saw the faith of the paralytic and his friends who carried him to Jesus. “Their faith” likely includes the faith of the paralytic since Jesus addressed the man as “son” (τέκνον), a term of endearment and one which rabbis used to address their disciples. - Stuart K. Weber, Matthew, Bd. 1 of Holman New Testament Commentary (Nashville, TN: Broadman & Holman Publishers, 2000), 123.↩︎All three Gospel writers note that Jesus saw their faith—not just the faith of the paralytic but the faith of the man’s friends. This is significant today. We must realize that our faith or lack of faith has an impact upon the lives of others.
- Craig S. Keener, Matthew, Bd. 1 of The IVP New Testament Commentary Series (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1997), Mt 9,1–2.↩︎Jesus Is Moved by Our Faith, Even on Behalf of Others (9:1–2) The paralytic was not alone in his faith; his friends who brought him believed too. Thus this account teaches us about intercession: we may pray for others, not merely for ourselves. Mark’s fuller narrative recounts the character of the friends’ faith: they were so persistent and determined to reach Jesus, so confident that their friend would be healed if they reached him, that they dug through the roof (Mk 2:4). Faith is not simply working up a feeling or suppressing doubts, but demonstrated commitment to getting to the One on whose power we stake our trust.
- Richard C. Blight, An Exegetical Summary of Luke 1–11, 2nd ed. (Dallas, TX: SIL International, 2008), 202.↩︎QUESTION—Which of the two statements in the rhetorical question is presumed to be easier to say?
1. It is easier to say ‘Your sins have been forgiven you’ [AB, Alf, Arn, BECNT, Gdt, ICC, MGC, NIBC, NICNT, TG, TH]: it is easier to say ‘Your sins have been forgiven you’, than to say ‘Get up and walk’. Most who take this interpretation focus on the verb ‘to say’. ‘Your sins have been forgiven you’ is easier to say since there is nothing concrete that would prove that it didn’t happen. But to say ‘Get up and walk’ is much harder since a visible miracle would have to happen if Jesus actually had such power to heal [AB, Arn, TG]. It is easier to claim the power to forgive sins than to claim the power to heal since only the latter can be subjected to a test. So Jesus will prove his right to forgive sins by doing the harder act of healing [Alf]. Neither act is easy, but it is easier to convict a man of imposture who falsely claims to heal than one who falsely claims authority to pardon sin [Gdt]. It is easier to say something that cannot be visually substantiated, so from the opponent’s point of view it is easier for Jesus to claim to forgive sins since there is nothing concrete to disprove his authority to do so. But it is impossible to falsely claim to be able to heal the man since there would be visible proof that it didn’t happen [BECNT]. It is a question of whether or not Jesus had authority to do either and if he has authority to heal the man, it will show that he has authority to forgive sin [Arn, TG].
2. It is easier to say ‘Get up and walk’ [NAC, TNTC]: it is easier to say ‘Get up and walk’, than to say ‘Your sins have been forgiven you’. The question is addressed to theologians who recognized that only God could forgive sin (5:21) and who knew of OT healings and the many healings already done by Jesus (5:15). Since only God can forgive sin and many people were known to have performed healings, it was easier for a man to heal than to do the impossible act of forgiving sin [NAC]. Probably Jesus meant that it was harder to pronounce forgiveness than to pronounce a word of healing since he was doing more than the healers of that time could do [TNTC].
3. Jesus implied that both are equally impossible for a man and possible only for God [Lns, NIGTC, NIVS, NTC, Su, WBC; NET]. The focus is not on ‘to say’ since both alternatives are pronouncements that equally require the authority of God, making it impossible to give any answer [Lns]. There isn’t a clear answer since both alternatives needed to have divine authority to accomplish their effects. [WBC]. To forgive sins is impossible for man since it is God’s prerogative alone and to heal is impossible for a man since it can be done only by God’s power [NIGTC].
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