Matthäus 9,14-17
Bibeltext (Menge Übersetzung)
- Damals traten die Jünger des Johannes an ihn heran mit der Frage: »Warum fasten wir und die Pharisäer, während deine Jünger es nicht tun?«
- Jesus antwortete ihnen: »Können etwa die Hochzeitsgäste* trauern, solange der Bräutigam noch in ihrer Mitte weilt? Es werden aber Tage kommen, wo der Bräutigam ihnen genommen ist: dann werden sie fasten.
- Niemand setzt aber ein Stück ungewalkten Tuches (= neuen Stoff) auf ein altes Kleid; denn der eingesetzte Fleck (= das Flickstück) reißt doch von dem Kleide wieder ab, und es entsteht ein noch schlimmerer Riß.
- Auch füllt man neuen (= jungen) Wein nicht in alte Schläuche; sonst werden die Schläuche gesprengt, und der Wein läuft aus, und auch die Schläuche gehen verloren; nein, man füllt neuen Wein in neue Schläuche: dann bleiben beide erhalten.«
Kommentar
Die Frage „Warum fasten deine Jünger nicht?“ könnte wie ein Vorwurf wirken. Käme diese Frage von den Pharisäern oder Schriftgelehrten, würde vermutlich auch eine Anklage mitschwingen. In diesem Kontext bin ich mir da jedoch nicht so sicher. Generell scheinen die Jünger des Johannes ehrlich Interessierte zu sein, die wirklich verstehen wollen.1
Es schwingt auch eine religiös-kulturelle Praxis der damaligen Zeit mit. Im Judentum war regelmäßiges Fasten üblich. Viele Pharisäer fasteten ein- bis zweimal pro Woche (Jesus spricht auch an anderen Stellen darüber), und vermutlich hatten auch die Jünger des Johannes ein ähnliches regelmäßiges Fasten praktiziert.2
Jesus und seine Jünger taten dies nicht. In seiner Antwort spricht Jesus davon, wann seine Jünger fasten werden. Es scheint jedoch, als würde er damit nicht direkt die erwartete Frage beantworten. Wenn Jesus sagt, dass die Jünger fasten werden, sobald der Bräutigam weggenommen ist, spricht er wahrscheinlich vom Trauerfasten. Es ist eine natürliche Reaktion des Menschen, dass er bei großer Trauer oder Angst oft die Lust am Essen verliert.
Auch sonst finden wir im Neuen Testament kein einziges Gebot zum Fasten. Es wird häufig davon gesprochen, wie wichtig das Gebet ist, aber Fasten wird nie als Gebot formuliert. Selbst dort, wo es erwähnt wird, handelt es sich oft um spätere Abschriften und selten um die ältesten Textüberlieferungen.3
In seinen beiden Bildern – vom Flicken des Kleides und vom neuen Wein in alten Schläuchen – spricht Jesus das religiöse System an. Das Fasten, wie es damals praktiziert wurde, war Teil eines Systems, das vermutlich nach dem Exil in Babylon entstand und Frömmigkeit auf diese Weise zum Ausdruck brachte.4 Jesus bewertet dieses Fasten an dieser Stelle jedoch nicht grundsätzlich negativ. Er sagt nicht, dass rituelles Fasten an sich schlecht sei5 (in der Bergpredigt kritisiert er vielmehr, dass es oft zur Selbstdarstellung genutzt wird).
Doch selbst wenn es nichts Schlechtes ist, passt es nicht zu dem Neuen, das Jesus bringt. Das Leben im Reich Gottes, das Jesus verkündigt, braucht solche religiösen Praktiken nicht, um zu funktionieren. Tatsächlich könnten sie eher verhärten als helfen. So wie viele Gemeinden (und auch andere Gruppen) mit der Zeit unflexibler werden, hätte ein übermäßiges Festhalten an jüdischen Bräuchen und Traditionen die Bewegung versteift und vermutlich die Mission behindert.
Junger Wein (Most) hat etwas Lebendiges in sich: Er entwickelt sich weiter, gärt und baut dabei Druck auf. Würde man ihn in alte, nicht mehr flexible Schläuche füllen, würden beide Schaden nehmen.
Anwendung
Überlege, wo du Dinge, die dir religiös wichtig sind, anderen auferlegt hast, obwohl sie nicht unbedingt notwendig sind. Überlege auch, wo du selbst religiösen Strukturen folgst, weil sie dir so beigebracht wurden, ohne dass du jemals geprüft hast, ob sie wirklich notwendig sind. Tun sie dir gut, oder wäre es besser, Jesus die Möglichkeit zu geben, hier neuen Wein in neue Schläuche zu füllen?
Fragen zum Nachdenken
- Wie denkst du über Fasten und andere religiöse Bräuche? Was prägt deine Vorstellung?
- Hast du schon einmal Fasten erlebt, das sich natürlich ergeben hat? Wo liegt der Unterschied zwischen natürlichem und regelmäßig vorgeschriebenem Fasten?
- Warum verlangt Jesus keine religiösen Übungen wie das Fasten?
Quellen
- H. D. M. Spence-Jones, Hrsg., St. Luke, Bd. 1 of The Pulpit Commentary (London; New York: Funk & Wagnalls Company, 1909), 131–132.↩︎It was in no carping spirit that the disciples of John came to Jesus. We do not detect a trace of ill will in their question. It was a spirit of surprise and perplexity that dictated it. They had always thought that fasting was an essential feature of true piety. Their master John had encouraged them in this idea; but they looked in vain for this feature in the doctrine of Christ. What could it mean? Our Lord met this inquiry in a very, different way from that in which he might have done so. He might have said, “Where, in the books of Moses, is fasting enjoined on the people of God? On what day in all the year, excepting the Day of Atonement, is this practice prescribed? Is it not a tradition of men rather than a commandment of God?” But Jesus did not meet them thus. He said that his disciples did not fast because fasting on their part would be untimely, unsuitable, and therefore unacceptable. “Can the children of the bridechamber,” etc.?
- R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 355–356.↩︎We know nothing specifically of John’s teaching about fasting, but an ascetic régime would fit John’s own lifestyle (3:4) and his dour popular image (11:18, with specific mention of John’s own fasting); cf. the ascetic lifestyle of Bannus and his disciples in the wilderness a few years later (Josephus, Life 11–12). They may well have adopted the Pharisaic pattern of fasting twice a week (Luke 18:12; Did 8:1), which went far beyond anything the OT required.
- R. Banks, „Fasting“, in Dictionary of Jesus and the Gospels, hg. von Joel B. Green und Scot McKnight (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1992), 234.↩︎Fasting in the Early Church
In line with the secondary place accorded fasting by Jesus, the Apostolic Fathers fail to cite any saying or action of Jesus as a justification of fasting as a religious discipline. Though other references to fasting occur on Jesus’ lips (Mk 9:29; Mt 17:21), textual critics are now satisfied that this is due to an early gloss. Such additions also exist outside the gospels and indicate the importance of fasting among some early Christians (Acts 10:30; 1 Cor 7:5). Even so, with the New Testament epistles there is no reference to fasting among Gentile Christians, not even in passages where ascetic practices are mentioned (e.g., Col 2:15–22). However, Jewish Christians, Paul among them, when enduring physical deprivation (e.g., 2 Cor 6:5; 11:27) or engaging in specific prayer (e.g. Acts 13:3; 14:23) seem to have engaged in fasting as it is found in the Old Testament. - Fritz Rienecker u. a., Hrsg., „Fasten“, in Lexikon zur Bibel: Personen, Geschichte, Archäologie, Geografie und Theologie der Bibel (Witten: SCM R. Brockhaus, 2017), 332.↩︎II) Das Fasten in der Zeit nach dem Exil
1) Nach der Gefangenschaft wurde das F. der Juden bald vielfach stark veräußerlicht und verlor dadurch viel von seiner Bedeutung. In Babylon selbst wurden von den Israeliten jährlich vier Fastentage gehalten, und zwar der neunte Tag des vierten Monats, an dem Jerusalem von den Chaldäern eingenommen wurde (Jer 52,6ff); der zehnte Tag des fünften Monats, an dem die Stadt und der Tempel verwüstet wurden (Jer 52,12ff); ein Tag im siebten Monat zum Gedenken an den Tod Gedaljas (Jer 41,1ff) und der zehnte Tag des zehnten Monats, als die Belagerung Jerusalems einsetzte (Jer 52,4). Nach der Rückkehr wurde dieses F. zunächst weiter gehalten (Sach 7,3.5), in prophetischer Vorausschau wird aber von einer Zeit gesprochen, in der das Volk Gottes die Fastentage in Festtage verwandeln wird (Sach 8,19). Vergeblich mühten sich die Propheten, den zunehmenden Charakter einer verdienstlichen Werkgerechtigkeit des F.s zu bekämpfen (Jes 58,5ff; Sach 7,5ff).
2) Solche Art des F.s hielten in ntl. Zeit besonders auch die Pharisäer. Sie fasteten meist zweimal in der Woche, also viel öfter, als vom Gesetz vorgeschrieben war (Lk 18,12; vgl. Mt 9,14), und zwar am Donnerstag, da Mose an diesem Tag den Sinai bestieg, und am Montag, an dem er den Berg wieder herabkam. Jesus kritisiert in diesem Zusammenhang ein F., das geübt wird, um gesehen zu werden (Mt 6,16). - Walter L. Liefeld, „Luke“, in The Expositor’s Bible Commentary: Matthew, Mark, Luke, hg. von Frank E. Gaebelein (Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1984), 885.↩︎Jesus neither affirms nor denies the value of fasting, and he does not mention prayer here at all. He teaches rather that he has not come merely to add devotional routines to those already practiced, for what he brings is not a patch but a whole new garment.