Matthäus 10,5-8
Bibeltext (Menge Übersetzung)
- Diese Zwölf sandte Jesus aus, nachdem er ihnen folgende Weisungen gegeben hatte: »Den Weg zu den Heidenvölkern schlagt nicht ein und tretet auch in keine Samariterstadt ein,
- geht vielmehr (nur) zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
- Auf eurer Wanderung predigt: ›Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!‹
- Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus: umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst sollt ihr’s auch weitergeben!
Kommentar
Jesus sendet seine Jünger mit einem klaren Auftrag aus. Jedoch beginnt sein Auftrag nicht positiv mit dem, was sie machen sollen, sondern negativ mit dem, wohin sie nicht gehen sollen. Für einen Juden mag es natürlich erschienen sein, erst einmal nur zu den Juden zu gehen. Da wundert es ein wenig, dass Jesus hier explizit anspricht, nicht in die Orte der Heiden und Samariter zu gehen.
Die Jünger haben jedoch vorher schon erlebt, wie Jesus bei Samaritern und bei Heiden unterwegs war und diese ihn aufgenommen haben, während unter den Juden auch immer wieder Widerstand bestand. Vielleicht wäre es deshalb gar nicht so unwahrscheinlich gewesen, dass sich ein paar der Jünger entschieden hätten, diesen scheinbar einfacheren Weg zu gehen.1
Die Samariter scheinen hier explizit erwähnt zu sein, da diese schwerer einzuordnen sind, sie stammen aus einer Vermischung von Juden und Heiden und wurden deshalb keiner Gruppe so ganz zugeordnet. Wenn man genau liest, fällt jedoch auf, dass Jesus nicht davon spricht, dass sie keinem Heiden oder Samariter die Botschaft verkündigen sollen, sondern dass sie nicht an ihre Orte gehen sollen. Hier könnte es sich auch primär um eine örtliche Einschränkung auf Galiläa beziehen: Die Jünger sollten in der näheren Umgebung im jüdischen Gebiet Galiläas verkündigen und nicht in die schon recht nah gelegenen heidnischen oder samaritanischen Gebiete gehen.2
Die Botschaft, die sie verkündigen sollen, ist dem Leser nicht mehr neu. Bereits Johannes der Täufer hat sie verkündigt, und auch Jesus verkündigt sie. Es bestand kein Drang, etwas originell Neues oder eine besonders klingende Botschaft zu bringen. Es ist ein einfaches: Das Himmelreich ist nahe. Für ein Volk, das unter fremder Besatzung stand und den Messias erwartete, der es befreite, war diese Botschaft klar und erhofft. Als Johannes es predigte, fügte er „Tut Buße“ hinzu. Hier wird es nicht explizit erwähnt. Entweder war die Botschaft wirklich nur ein „Der Messias ist nah“, um Jesu weiteren Dienst vorzubereiten. Es ist jedoch auch möglich, dass es für die Jünger klar war, dass die Botschaft auch enthalten muss: „Bereitet euch darauf vor, reagiert auf die Nähe des Königreichs dadurch, dass ihr umkehrt und euer Leben ändert.“3
Wenn im jüdischen Kontext vom Himmelreich gesprochen wurde, war sicher einer der ersten Texte, die den Hörern in Erinnerung gerufen wurden, die Szene aus Daniel 9,13-14. Sie steht im Kontext der unterdrückenden Mächte, zu denen auch Rom gehörte, bezeichnet aber auch klar den Menschensohn als den, der die göttliche Herrschaftsmacht im Himmel über die ganze Erde bekommt. Jesus, der sich selbst als Menschensohn bezeichnet,4 bestärkte diese Verbindung noch mehr.5
Der weitere Befehl, Wunder zu tun, ist hier etwas spezieller. Den Jüngern wird hier sehr große Vollmacht gegeben, welche die Vollmacht Jesu widerspiegelt und sogar das Auferwecken von Toten beinhaltet.6 Manche – vor allem in charismatischen Kreisen – wollen hier einen Befehl sehen, der für alle Christen gilt. Der Kontext gibt das aber nicht wirklich her. Zuvor heißt es, nicht über die Grenzen Galiläas hinaus zu Heiden oder Samaritern zu gehen. Diese Eingrenzung der Mission wurde klar durch den späteren Missionsbefehl am Ende von Matthäus aufgehoben. Da dieser größere, allgemeine Missionsbefehl die Heilungswunder jedoch nicht enthält, ist es nicht klar zu sagen, dass diese für alle gelten müssen.7
Auch die frühe Kirchengeschichte zeigt nur wenige Hinweise auf solche Wunder.8 Dies passt gut dazu, dass auch im Alten Israel solche Wunder sehr selten waren und sich generell nur um besonders wichtige Ereignisse bündelten – im AT bei Mose und bei Elia und Elisa, im NT hier bei Jesus und den Jüngern.9 Paulus bezeichnet die Wunder auch explizit als Zeichen der Apostel (2Kor 12,12). Gott hat natürlich zu jeder Zeit die Macht, Wunder zu tun, und vereinzelt tut er sie gewiss auch heute. Aber wer aus Matthäus 10 ableiten möchte, dass es einen generellen Befehl für Christen gibt, ihre Mission durch Wundertaten zu unterstreichen, muss hier einige Annahmen dem Text hinzufügen, die der Text eigentlich nicht bestätigt.10
Dass Jesus die Jünger dann auffordert, alles kostenlos weiterzugeben, scheint dem heutigen Zeitgeist zu widersprechen. Noch sind die meisten Gottesdienste kostenlos zu besuchen, aber wenn man gute Bibelkommentare oder selbst Bibelübersetzungen haben möchte oder Lobpreislieder singen möchte, sind diese häufig hinter Copyright verschlossen. Da ich für die Zeichen und Wunder argumentiere, dass der Befehl spezifisch an die Jünger ging, muss auch hier der Disclaimer angebracht werden, dass diese Anweisung spezifisch an die Jünger in dieser Zeit gerichtet war und deshalb nicht unbedingt allgemeingültig sein muss.
Man könnte hier jedoch auch zusammen mit Vertretern des Dorean-Prinzips11 argumentieren, dass es hier dennoch um ein allgemeines Prinzip geht. Hier gibt es ja auch eine Begründung: Die Jünger sollen kostenlos weitergeben, weil sie selbst kostenlos von Gott empfangen haben. Auch wir haben die Segnungen der Erlösung kostenlos empfangen. Wäre es da nicht logisch, diese auch völlig kostenlos weiterzugeben?12
Anwendung
Jesu erster Auftrag an die Jünger war es, im nächsten Umfeld zu verkündigen. Sie sollten nicht in die weite Welt hinausziehen, sondern in der direkten Nähe wirken. Sicher sind hier auch theologische Gründe mit drin, warum die Botschaft zuerst an die Juden gehen sollte. Dennoch können auch wir uns die Frage stellen, was unser natürliches, nächstes Umfeld ist und wie wir dieses erreichen.
Auch war die erste Botschaft, welche die Jünger ihren Volksgenossen gaben, eine schöne und einfache Botschaft, die dennoch durch die nötige persönliche Vorbereitung herausfordernd und ernst war. Überlege dir, welche Botschaft du in der heutigen Zeit in deiner Umgebung verkündigen könntest, die auch recht einfach zu verstehen ist, perfekt in die heutige Zeit passt und erst einmal positiv ist, ohne völlig seicht und verwaschen zu sein.
Fragen zum Nachdenken
- Hat sich die Botschaft generell verändert, oder ist heute, so kurz vor der Wiederkunft, die gleiche Botschaft wie die, welche die Jünger hatten, wieder relevant?
- Warum waren Wunder damals so essenziell Teil der Botschaft?
- Gibt es so kurz vor der Wiederkunft auch wieder einen speziellen Missionsauftrag? Wie sieht dieser aus? Ist zu erwarten, dass dieser auch besondere Begleiterscheinungen hat?
- Wie ist deine Reaktion darauf, dass du kostenlos empfangen hast?
Quellen
- Vgl. Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 563.↩︎Die deutliche Anweisung Geht nicht! wäre unnötig gewesen, wenn nicht der Gang zu den Heiden oder Samaritanern für die Jünger nahegelegen hätte. Die bisherige Tätigkeit Jesu, die gelegentlich Heiden (Mt 4,25; 8,5ff.28ff) oder Samaritaner einschloss (Joh 4,5ff),
- R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 381–382.↩︎The geographical terms used here (“way of Gentiles,” “town of the Samaritans;” cf. “towns of Israel,” v. 23) indicate a restriction on the area to be visited rather than a total ban on contact with Gentiles and Samaritans as such.
- Charles L. Quarles, Matthew, hg. von T. Desmond Alexander, Thomas R. Schreiner, und Andreas J. Köstenberger, Evangelical Biblical Theology Commentary (Bellingham, WA: Lexham Academic, 2022), 252.. ↩︎The proclamation of the Twelve was to be the same message that John the Baptist (3:2) and Jesus himself (4:17) had preached: “The kingdom of heaven has come near.” The call to repentance that accompanied this announcement in the preaching of John and Jesus is probably implicit here.
- Charles L. Quarles, A Theology of Matthew: Jesus Revealed as Deliverer, King, and Incarnate Creator, hg. von Robert A. Peterson, 1st Ed., Explorations in Biblical Theology (Phillipsburg, NJ: P&R Publishing, 2013), 89.↩︎Jesus’ favorite teaching topic, the kingdom of heaven, is closely related to his favorite title for himself, Son of Man, used eighty-two times in the four Gospels as an apparent self-description of Jesus.
- Vgl. Charles L. Quarles, A Theology of Matthew: Jesus Revealed as Deliverer, King, and Incarnate Creator, hg. von Robert A. Peterson, 1st Ed., Explorations in Biblical Theology (Phillipsburg, NJ: P&R Publishing, 2013), 90.↩︎The previous reference to the Son of Man in the Hebrew Scriptures is easy to locate. The title is clearly drawn from Daniel 7:13–14. Several lines of evidence make this background obvious. Jesus explicitly quotes Daniel 7:13–14 on at least two occasions and makes clear allusions to it in other contexts.
- Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 562.↩︎Auffallend ist ferner die Fülle der Vollmacht für die Zwölf. Sie reicht nahe heran an die Vollmacht Jesu.
- Vgl. Gerhard Maier, Lukas-Evangelium, hg. von Gerhard Maier, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 399.↩︎Man muß diese Missionsbemühung in Israel unterscheiden von der allgemeinen Weltmission. Diese konnte erst nach Kreuz und Auferstehung richtig beginnen (vgl. Mt 28,18ff parr). Vor Kreuz und Auferstehung aber war Jesus nur gesandt »zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel« (Mt 15,24; vgl. Röm 15,8). Israel sollte zuerst umworben und eingeladen werden. Diese Richtlinie galt auch für die Jünger. Man darf also den speziellen Missionsbefehl für Israel, der noch in die Zeit vor der Kreuzigung gehört, nicht vermischen mit der späteren Weltmission.
- John Henry Bernard, „MIRACLE“, in A Dictionary of the Bible: Dealing with Its Language, Literature, and Contents Including the Biblical Theology, hg. von James Hastings u. a. (New York; Edinburgh: Charles Scribner’s Sons; T. & T. Clark, 1911–1912) 394.↩︎Next, it is important to note that the early Fathers, although seeing the miraculous in the incidents of their daily life, place the miracles of the apostolic age on a pinnacle quite above the miracles of their own time. When we go to the 4th cent., we find Chrysostom saying that ‘all the men of his time together’ could not do as much as St. Paul’s handkerchief (de Sacerdot. iv. 6), and he implies that in his day there were no raisings from the dead (cf. Hom. in 1 Cor. vi. 2). But, much earlier than this, Tertullian, after saying that the apostles had spiritual powers peculiar to themselves, adds ‘nam et mortuos suscitaverunt quod Deus solus; et debiles redintegraverunt, quod nemo nisi Christus’ (de Pud. c. 21)—language which would be strange if such occurrences were even occasional in his day. And of the miracles of the apostolic age, Origen only says that traces (ἴχνη) remain in his time (contra Celsum, i. 2). We find then (i.) that by the end of the 2nd cent. there is a growing suspicion that miracles are dying out, (ii.) that such miracles as are recorded are generally regarded as different in kind from those of the apostolic age, and (iii.) that in the earliest age of post-apostolic Christianity the ‘miracles’ are almost, without exception, of prophecy, healing, and exorcism.
- Vgl. Warren W. Wiersbe, The Bible exposition commentary (Wheaton, IL: Victor Books, 1996), 423.↩︎We find no miracles performed in Genesis, but at the beginning of the age of Law, Moses performed great signs and wonders. Elijah and Elisha were miracle workers at the beginning of the great era of the Prophets, and Jesus and the Apostles performed signs and wonders when the Gospel Age was inaugurated. Each time God opened a new door, He called man’s attention to it. It was His way of saying, “Follow these leaders, because I have sent them.”
The mighty wonders performed by the Apostles were the fulfillment of the Lord’s promise that they would do “greater works” in answer to believing prayer (John 14:13–14). - Vgl. Rodney L. Cooper, Mark, Bd. 2 of Holman New Testament Commentary (Nashville, TN: Broadman & Holman Publishers, 2000), 282.↩︎There is no question that God can do whatever he wants, when he wants, and however he wants. There is no question that God can perform miracles today. Yet, we find that even in the Bible miracles were not the norm but were the exception. The purpose of miracles was to authenticate God’s message. Even in the life of Jesus we see fewer miracles at the end of his earthly ministry, except for one—the resurrection.
Carl Laney says, “A thorough study of the apostolic miracles indicates that they fulfilled their function in the apostolic era and ceased around a.d. 70. This is evidenced by the decline in miracles following Pentecost, with none being recorded in the last decade of the apostolic age. The early church fathers Chrysotom and Augustine confirm the fact that there was an absence of miracles after the apostolic age” (Laney, Answers to Tough Questions, pp. 217–218).
Miracles are possible today, but there is no biblical basis for us to expect them or command them. The true miracle is the ability to live out the Christian life. This can only be done through the indwelling resurrection power of Jesus Christ. When people observe us living a Christlike life in today’s world, they see the miracle of redemption and salvation through Jesus Christ in our lives. - Siehe: https://thedoreanprinciple.org ↩︎
- Wer sich mehr mit der Frage beschäftigen möchte, wie mit Kommerz im Glauben umzugehen ist, findet Umfangreiche Abhandlungen und auch eingängige Videos dazu auf https://sellingjesus.org. ↩︎
