Matthäus 9,18–26
Bibeltext (Menge-Übersetzung)
- Während Jesus noch so zu ihnen redete, trat ein Vorsteher (der Synagoge) herzu, warf sich vor ihm nieder und sagte: »Meine Tochter ist soeben gestorben; aber komm und lege ihr deine Hand auf, dann wird sie wieder zum Leben erwachen.«
- Da stand Jesus auf und folgte ihm samt seinen Jüngern.
- Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren am Blutfluss litt, trat von hinten an ihn heran und fasste die Quaste (vgl. 4. Mose 15,38–41) seines Rockes (oder: Mantels) an;
- sie dachte nämlich bei sich: »Wenn ich nur seinen Rock (oder: Mantel) anfasse, so wird mir geholfen sein.«
- Jesus aber wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: »Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen!« Und die Frau war von dieser Stunde an gesund.
- Als Jesus dann in das Haus des Vorstehers kam und die Flötenbläser und das Getümmel der Volksmenge sah,
- sagte er: »Entfernt euch! Das Mädchen ist nicht tot, sondern schläft nur.« Da verlachten sie ihn.
- Als man aber die Volksmenge aus dem Hause entfernt hatte, ging er hinein und fasste sie bei der Hand; da erwachte das Mädchen (oder: es stand auf).
- Die Kunde hiervon verbreitete sich in der ganzen dortigen Gegend.
Kommentar
So wie Matthäus die Geschichte berichtet, weist sie auf einen erstaunlichen Glauben hin. Jesus hat in Kapernaum bereits viele Wunder getan; eine gewöhnliche Heilung zu erwarten, wäre daher nicht allzu unwahrscheinlich gewesen. Eine Totenauferweckung ist jedoch noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Matthäus berichtet vorher von keiner anderen Totenauferweckung. Hätten wir nur den Bericht des Matthäus, läge der Schluss nahe, dass dieser Mann glaubte, Jesus könne Tote auferwecken, ohne jemals zuvor so etwas erlebt zu haben.
Normalerweise bevorzuge ich es, die Perspektive eines einzelnen Evangeliums für sich zu betrachten. Dennoch lohnt sich hier auch ein Blick in das Lukasevangelium, da dieses die Begebenheit in ein etwas anderes Licht rückt. In Lukas 7,14–15 weckt Jesus bereits den Jüngling von Nain auf. Von der Tochter des Synagogenvorstehers wird jedoch erst ab Lukas 8,40 berichtet. Falls diese Reihenfolge chronologisch ist, könnte der Synagogenvorsteher bereits von dieser Totenauferweckung gehört haben.
Außerdem ist die Tochter in Lukas noch gar nicht tot, als der Synagogenvorsteher zu Jesus kommt; es heißt lediglich, sie liege im Sterben. Zwar stirbt sie auch dort, bevor Jesus ankommt, und wird anschließend von den Toten auferweckt, dennoch scheint der Fokus ein anderer zu sein.
Bei Matthäus entsteht das Bild eines außergewöhnlich großen Glaubens: Der Mann glaubt, dass Jesus seine bereits verstorbene Tochter auferwecken kann. Bei Lukas sehen wir zunächst eher den Glauben, dass Jesus sie von einer tödlichen Krankheit heilen kann.
Wenn man der Frage nachgehen möchte, was damals in Kapernaum exakt geschehen ist – sofern das überhaupt möglich ist –, dann liegt die historische Situation vermutlich näher an der Darstellung des Lukas. Zumindest lassen sich die Berichte leichter harmonisieren, wenn man Lukas als Grundlage nimmt.1
Betrachten wir aber zunächst nur Matthäus: Was will dieser Text uns sagen? Matthäus betont hier den außergewöhnlichen Glauben eines Synagogenvorstehers. Das ist bemerkenswert, denn häufig wird die religiöse Elite eher als kritisch oder ablehnend gegenüber Jesus dargestellt. Ob der Synagogenvorsteher tatsächlich zur religiösen Elite gehörte, ist nicht eindeutig gesagt, aber für seinen Ort war er vermutlich eine religiös bedeutende Person.2
Danach wird die Frau beschrieben, die glaubt, dass von Jesus so viel Kraft ausgeht, dass bereits die Berührung seines Mantels ausreicht, um geheilt zu werden. Beide Ereignisse geschehen vermutlich in Kapernaum, also dort, wo Jesus den Mittelpunkt seines Dienstes hatte.
Oft liegt der Fokus vieler Geschichten darauf, dass Menschen nicht glauben – manchmal sogar Jesu eigene Jünger. Deshalb ist es hier besonders erfrischend, gleich zwei Personen zu sehen, die durch einen außergewöhnlich starken Glauben hervorgehoben werden.
Ein interessanter Aspekt ist auch, dass Jesus sagt, das Mädchen sei nicht tot, sondern schlafe nur, obwohl der Text gleichzeitig deutlich macht, dass sie tot war. Das könnte man auf zwei Arten verstehen:
Entweder gibt Jesus bewusst eine sachlich falsche Information weiter. Das würde jedoch die Frage aufwerfen, wann Falschinformationen oder sogar Lügen erlaubt wären und wann nicht.
Oder aber es handelt sich um eine Frage der Perspektive und Definition. Tod und Schlaf können äußerlich sehr ähnlich wirken. Vielleicht ist es angemessen, jemanden, der wieder auferstehen wird, als „schlafend“ zu bezeichnen.3 Schließlich erinnern wir uns oft nicht an unseren Schlaf oder unsere Träume. Für mich persönlich würde es sich vermutlich nicht unterschiedlich anfühlen, ob ich die Nacht einfach durchschlafe oder am Abend sterbe und am Morgen wieder auferweckt würde.
Wer schon einmal eine Predigt über dieses Wunder gehört hat, wundert sich vielleicht, meist wird der Synagogenvorsteher als Beispiel geringen Glaubens im Kontrast zur Blutflüssigen Frau gestellt. Dies hat bereits Calvin so gesehen.4 Der Bericht im Lukasevangelium scheint auch genau das zu beschreiben, wenn man aber alleine Matthäus betrachtet, sieht es eher nach großem Glauben aus. Hier kann also genau die gleiche Geschichte je nach Blickwinkel sehr unterschiedlich wirken.
Anwendung
Gibt es in deinem Leben Bereiche, in denen es gut wäre, Jesus mehr zu vertrauen? Oder braucht es vielleicht einen Perspektivwechsel? Scheint etwas in deinem Leben hoffnungslos – als wäre es tot –, obwohl es vielleicht nur schläft?
Fragen zum Nachdenken
- Was denkst du über die Unterschiede zwischen den beiden Berichten?
- Wie passt es in den Zusammenhang des Matthäusevangeliums, dass der Glaube dieser beiden Personen hier so stark hervorgehoben wird?
- Wie faktisch korrekt müssen Aussagen sein? Wann wird etwas zur Lüge?
Quellen
- Louis A. Barbieri Jr., „Matthew“, in The Bible Knowledge Commentary: An Exposition of the Scriptures, hg. von J. F. Walvoord und R. B. Zuck (Wheaton, IL: Victor Books, 1985), 40.↩︎She had just died, Jairus said, but he believed Jesus could give her life. In the parallel Gospel accounts the father said she was “dying,” not is “dead” (Mark 5:23; Luke 8:42). This apparent discrepancy is explained by the fact that while Jesus was speaking to Jairus, someone came from his house to tell him the girl had died. Matthew did not mention that detail, and therefore included the report of the girl’s death in Jairus’ request.
- Robert H. Stein, Luke, Bd. 24 of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1992), 261.↩︎A ruler of the synagogue. There is a slightly different wording in Luke 8:49. Jairus most probably was the official in charge of arrangements for synagogue services or a synagogue board member (cf. Acts 13:15; 18:8, 17). If Jairus’s specific position is unclear, his general status as a synagogue official and a representative of the Jewish establishment is not.
- Louis A. Barbieri Jr., „Matthew“, in The Bible Knowledge Commentary: An Exposition of the Scriptures, hg. von J. F. Walvoord und R. B. Zuck (Wheaton, IL: Victor Books, 1985), 40.↩︎When the party arrived at Jairus’ home, the flute players and the noisy crowd (of mourners, Luke 8:52) had already assembled to weep for the family. They believed the child was dead, for when Jesus said the girl was merely asleep … they laughed. Jesus was not denying that she was actually dead. He was simply comparing her dead condition to sleep. Like sleep, her death was temporary, and she would rise from it. After the crowd was dismissed, Jesus restored the girl to life.
- John Calvin und William Pringle, Commentary on a Harmony of the Evangelists Matthew, Mark, and Luke (Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2010), 410–411.↩︎If you compare the ruler of the synagogue with the centurion, who was a heathen, (Mat. 8:5–10,) you will say that the full brightness of faith shone in the centurion, while scarcely the smallest portion of it was visible in the ruler. He ascribes to Christ no power except through his touching the person; and, when he has received information of her death, he trembles as if there were no farther remedy. We see, then, that his faith was feeble and nearly exhausted. Yet Christ yields to his prayers, and encourages him to expect a favourable result, and thus proves to us that his faith, however small it might be, was not wholly rejected. Though we have not such abundance of faith as might be desired, there is no reason why our weakness should drive away or discourage us from prayer.
