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Matthäus 9,32–35

Bibeltext (Menge Übersetzung)

  1. Während diese hinausgingen, brachte man schon wieder einen stummen Besessenen zu ihm;
  2. und als der böse Geist ausgetrieben war, konnte der Stumme reden. Da geriet die Volksmenge in Staunen und sagte: »Noch niemals hat man etwas Derartiges in Israel gesehen!«
  3. Die Pharisäer aber erklärten: »Im Bunde mit dem Obersten (oder: in der Kraft des Beherrschers) der bösen Geister treibt er die Geister aus.«
  4. So durchwanderte Jesus alle Städte und Dörfer, indem er in ihren (= den dortigen) Synagogen lehrte, die Heilsbotschaft vom Reiche (Gottes) verkündigte und alle Krankheiten und alle Gebrechen heilte.

Kommentar

Lahme gehen und Blinde sehen, aber hier, bei dem von Dämonen besessenen1 Stummen, wird besonders betont, dass die Volksmenge verwundert war. Es wäre möglich, dass sich die Verwunderung auf die Gesamtheit der Wunder bezieht2 — oder aber tatsächlich auf dieses spezifische Wunder. Die Reaktion der Pharisäer lässt Letzteres vermuten: Es ging spezifisch um das Austreiben eines Dämons, mit der Folge, dass der zuvor Besessene die Fähigkeit zu sprechen erlangte.

Dämonen wurden in der damaligen Zeit und Kultur als gegenwärtige Realität gesehen, so wie es auch heute noch bei manchen afrikanischen Völkern der Fall ist. Bei uns wird Besessenheit ja eher weniger wahrgenommen. Meist sprechen wir nur von geistlich Kranken. In manchen charismatischen Kreisen gibt es noch Gewohnheiten der Dämonenaustreibung.

Generell scheint mir Dämonenaustreibung nicht das schwerste Wunder zu sein. Wenn jemand keine Beine hat und ihm diese nachwachsen, dann ist es klar und offensichtlich ein Wunder. Bei Dämonenaustreibung hat man meist nur jemanden, der herumschreit und dann aufhört, herumzuschreien. In manchen charismatischen Kreisen habe ich auch gesehen, dass derselben Person mehrfach Dämonen ausgetrieben wurden — also etwas unklar, ob überhaupt etwas geschah oder die Person sich nur zwischendurch beruhigte.

Auch die Pharisäer und andere Juden trieben Dämonen aus (vgl. Matthäus 12,27).3 Generell war Dämonenaustreibung also keine völlig ungewöhnliche Sache. Die Besonderheit war dann wohl, dass die Macht des Dämons so klar gebrochen wurde, dass die körperlichen Symptome — hier das Stummsein — mit verschwanden.

Die Antwort der Pharisäer wirkt dann irgendwie komisch. Wieso sollte der Oberste der Dämonen helfen, andere Dämonen auszutreiben? Hier scheint es, als hätten die Pharisäer ihre Meinung bereits so festgesetzt, dass sie Jesus ablehnen wollten und nicht mehr offen für Fakten waren. Selbst ihnen war klar, das sie das Wunder nicht ablehnen konnten, auch sie glauben der Mensch wurde geheilt und befreit. Da die Beweislast an dieser Stelle zu stark war um die Fakten völlig abzulehnen wählten sie stattdessen eine absurde Erklärung um an ihrer Meinung weiter festhalten zu können.4

Ich vermute, die meisten von uns haben schon solche Menschen erlebt. Natürlich ist jeder erst einmal zurückhaltend, die eigene Meinung aufzugeben. Das ist ja auch okay und verhindert, dass wir wie Gras im Wind unsere Meinung ändern. Aber dann gibt es auch die, denen man Studie über Studie vorlegen und jeglichen möglichen Beweis geben kann, und die Meinung ändert sich doch nicht. Nein, eine Korrektur wird nicht einmal in Erwägung gezogen.

Anwendung

Bist du bereit, dich von Jesus überraschen zu lassen? Was scheint dir unerreichbar? Gib es an ihn ab und sei offen dafür, überrascht zu werden — oder dafür, dass er deine Meinung ändert.

Fragen zum Nachdenken

  1. Warum war das Austreiben von Dämonen für die Menschen damals so besonders?
  2. Wo stehen auch wir in der Gefahr, unsere Augen vor jeglichen Fakten zu verschließen?
  3. Wie muss es wohl gewesen sein, in einem dieser Dörfer zu leben, in denen Jesus lehrte und alle Krankheiten heilte?

Quellen

  1. R. K. Harrison, „Disease“, in The International Standard Bible Encyclopedia, Revised, hg. von Geoffrey W. Bromiley (Wm. B. Eerdmans, 1979–1988) 959–960.
    Demon Possession Gross mental disorientation was frequently referred to in terms of demon possession, and NT cases of this include the child of the Syrophoenician woman (Mt. 15:27; Mk. 7:25), the demoniacs at Gerasa (Mt. 8:28; Mk. 5:2; Lk. 8:27) and Capernaum (Mk. 1:23; Lk. 4:33), along with a blind and dumb demoniac (Mt. 12:22; Lk. 11:14), and a girl with powers of divination (Acts 16:16). Some of the reactions described are suggestive of paranoid schizophrenia; but others indicate that the sufferer was possessed by a separate personality, or at least the sufferer’s personality was so fragmented that it gave convincing indication of possession. Medical missionaries and others working in cultures dominated by demonism and superstition have reported instances of personality possession by demonic forces that closely approximate those recorded in the NT, and some have been able to exorcise the sufferers successfully. While the term “demon-possession” may be regarded as too subjective and ill-defined for modern clinical purposes, it must be remembered that the same criticisms can be levelled equally against much of the current psychiatric terminology. The fact that in both ancient and modern times and exorcism of certain “possessed” people has enabled them to live reasonably normal lives would suggest that some extraneous negative force had in fact gained control of the mind and disoriented its functioning. It has been suggested that “possession” is actually the result of a glandular dysfunction caused by emotional stress; however, while glandular dysfunction does play a part in certain psychotic conditions, it does not assume the character of a distinct personality speaking through the sufferer. The empirical terminology of antiquity enabled observers to distinguish between epilepsy and demon possession. The latter was always the more complex, with profound emotional and spiritual involvement. In addition to the feeling of possession or compulsion, some other criteria—perhaps suicidal or homicidal impulses—may have helped in establishing the diagnosis.
    ↩︎
  2. Vergliche  R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 369.
    The crowd’s comment on a routinely narrated exorcism seems excessive if, as we shall see in 12:27, exorcisms were in fact an accepted feature in Jewish life; and indeed Jesus himself is already known as an exorcist (4:24; 8:16; 8:28–34). But perhaps, as this is the final crowd reaction in this anthology of works of power, we should read it as an evaluation not merely of this one exorcism but of the whole range of Jesus’ miracles which these two chapters have set out: others might perform the occasional exorcism, but this man’s ministry of deliverance is on an altogether different scale.
    ↩︎
  3.  Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, hg. von Gerhard Maier, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 425.
    In der Tat waren die Juden als Dämonenaustreiber und Zauberer in jener Zeit berühmt, wie die Apostelgeschichte (13, 6ff.; 19, 13ff.) und die Pariser Zauberpapyri zeigen. Nach jüdischer Überlieferung gehen Mittel zur Austreibung, dem sog. Exorzismus, bis auf Salomo zurück. Daran anschließend gab es in der frühen Kirche beauftragte »Exorzisten« (= Austreiber von Dämonen).
    ↩︎
  4. Vgl. W. D. Davies und Dale C. Allison Jr., A critical and exegetical commentary on the Gospel according to Saint Matthew, Bd. 2 of International Critical Commentary (London; New York: T&T Clark International, 2004), 140–141.
    The Pharisees do not deny Jesus’ mighty works. The biting assertion which closes 8:1–9:34—‘He casts out demons by the prince of demons’—assumes the successful expulsion of evil influences. So the burning issue in 9:34 is not what Jesus did but what his deeds mean. One gets the same impression elsewhere in the First Gospel. The author is nowhere concerned to uphold the historical veracity of his narrative by calling upon eye-witnesses or by otherwise gaining the reader’s confidence (contrast Lk 1:1–4). What is controversial is not the essentials of Jesus’ story but whether one should side with the Christian interpretation of that story.
    ↩︎

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