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Heute einmal ein etwas anderer Artikel. Normalerweise studiere ich hier Bibelpassagen und kommentiere sie direkt. Diesmal möchte ich stattdessen einige Gedanken zu einem Thema teilen, das mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt hat.

Es geht um zwei Fragen: Warum könnte Sterblichkeit in einer gefallenen Welt sogar etwas Gutes sein? Und warum könnte die Sintflut, wenn der biblische Bericht stimmt, notwendig gewesen sein?

1. Warum Sterblichkeit gut sein kann

Für die meisten von uns fühlt sich Sterblichkeit falsch an. Wir haben das Gefühl, dass wir eigentlich weiter existieren sollten. Man sieht das auch daran, dass sehr viele Kulturen Vorstellungen von einem Weiterleben nach dem Tod entwickelt haben: als Geistwesen, durch Reinkarnation oder durch den Eintritt in ein Totenreich.1

Auch in der Bibel gibt es die Aussage, dass Gott dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat.2 Es gibt Menschen, die keine Vorstellung von Ewigkeit haben und die kein Problem damit haben, eines Tages nicht mehr zu existieren, aber für die Mehrheit ist es schwer vorstellbar, aufzuhören zu existieren (auch wenn auch für diese meist schwer vorstellbar ist, wie die weitere Existenz nach dem Leben auch der Erde genau aussehen soll).

Nach dem biblischen Bericht war genau das auch der ursprüngliche Plan für die ersten Menschen. Sie wurden in einen vollkommenen Garten gestellt, in dem auch der Baum des Lebens stand. Wer von seinen Früchten aß, konnte ewig leben.

Nach dem Sündenfall änderte sich das. Der Mensch entschied sich gegen den Gehorsam gegenüber Gott und wollte seinen eigenen Weg zur Weisheit finden. Der Tod kam als eine der Folgen dieser Entscheidung in die Welt.

Oft wirkt es so, als wäre der Tod in erster Linie eine Strafe. Und sprachlich ist im biblischen Text auch klar, dass er eine strafende Dimension hat. Dennoch glaube ich, dass Sterblichkeit in einer gefallenen Welt auch eine bewahrende Funktion hat.3

Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Eine Welt ohne Alterssterblichkeit wäre unter den Bedingungen der Sünde vermutlich deutlich weniger lebenswert als unsere heutige Welt, in der unser Leben zeitlich begrenzt ist.

Schon heute sehen wir, dass Menschen Macht anhäufen und versuchen, diese in der eigenen Familie oder innerhalb bestimmter Gruppen zu halten. Reichtum, Besitz und Einfluss bleiben oft über Generationen hinweg in bestimmten Dynastien. Wer einmal viel erworben hat, kann diesen Vorteil weitergeben, während andere dadurch benachteiligt bleiben.

Dieses Problem existiert bereits in unserer sterblichen Welt. Aber wie viel schlimmer wäre es, wenn ein Diktator, ein Oligarch oder eine andere extrem reiche und einflussreiche Person nicht altern und nicht sterben würde?

Es ist leicht vorstellbar, dass solche Menschen ihre Macht über Jahrhunderte hinweg immer weiter ausbauen könnten. Jeder, der ihnen gefährlich werden könnte, würde ausgeschaltet, verarmt oder klein gehalten. Die eigenen Verwandten und Verbündeten würden bevorzugt. Die Macht würde sich immer stärker konzentrieren.

Falls Menschen zwar durch Gewalt oder Krankheit sterben könnten, aber nicht durch Alter, würde das vermutlich nicht zu mehr Freiheit führen. Im Gegenteil: Gerade die Mächtigen hätten ein noch größeres Interesse daran, das einfache Volk zu unterdrücken und abhängig zu halten. Denn je länger sie leben, desto mehr könnten sie ihre Herrschaft sichern.

Mit der Bosheit, die wir im menschlichen Herzen sehen, ist es nicht schwer, sich eine solche Welt als furchtbar vorzustellen. Einige wenige an der Spitze könnten sich beinahe alles erlauben, während der Großteil der Menschheit leidet, ausgebeutet wird und kaum eine echte Chance auf Veränderung hätte.

Darum scheint mir Sterblichkeit — inklusive Alterssterblichkeit — in einer Welt der Sünde notwendig zu sein. Auch wenn jeder von uns persönlich gerne ewig leben würde, könnte eine solche Unsterblichkeit unter sündigen Bedingungen für die Menschheit als Ganzes verheerend sein.

2. Warum die Sintflut notwendig gewesen sein könnte

Wenn der biblische Bericht stimmt, lebten die Menschen vor der Flut sehr lange. Sie waren seit dem Sündenfall sterblich — Kain konnte seinen Bruder Abel töten, und auch die frühen Menschen starben irgendwann. Aber ihre Lebensspannen waren nach Genesis erheblich länger als unsere heutigen.

Wenn Menschen mehrere Jahrhunderte leben,4 ist es leicht vorstellbar, dass sich extrem stabile Machtstrukturen herausbilden konnten. Eine Elite hätte nicht nur einige Jahrzehnte, sondern über Jahrhunderte hinweg herrschen, Besitz anhäufen und ganze Gesellschaften prägen können.

Vielleicht beschreibt Genesis 6,1–4 genau so eine Situation. Dort ist von den Nefilim die Rede und davon, dass die „Söhne Gottes“ die Töchter der Menschen sahen und sich zu Frauen nahmen, wen sie wollten.

In der zwischen­testamentlichen Zeit wurden Auslegungen populär, nach denen es hier um eine Vermischung von Engeln und Menschen ging. Diese Deutung ist spektakulär und faszinierend, weshalb sie es auch in die Popkultur geschafft hat und bis heute in verschiedenen Kreisen vertreten wird. Allerdings führt diese Auslegung auch zu einigen Schwierigkeiten mit dem Text. Darüber habe ich an anderer Stelle schon etwas geschrieben.

Eine andere, von manchen Jüdischen Auslegern vertretene Deutung ist, dass mit den „Söhnen Gottes“ die Machthaber jener Zeit gemeint sind. Herrscher oder Könige als „Söhne Gottes“ zu bezeichnen, war im Alten Orient nicht ungewöhnlich und kommt auch in biblischen Zusammenhängen vor.5

Dann würde Genesis 6 nicht von Engeln erzählen, sondern von einer Elite, die so viel Macht besaß, dass sie sich Frauen nehmen konnte, wie sie wollte. Nicht heimlich, nicht verborgen, sondern offen — weil niemand stark genug war, sie daran zu hindern.

Man könnte sich eine Situation vorstellen, in der Herrscher und Mächtige nicht nur wirtschaftlich und politisch unterdrückten, sondern auch über die Körper und Familien der Schwächeren verfügten. Das Nehmen von Frauen wäre dann nicht das einzige Problem gewesen, aber ein besonders sichtbarer Ausdruck der völligen Machtlosigkeit der Unterdrückten.

Historisch wäre so etwas kein unvorstellbarer Präzedenzfall. Immer wieder gab es religiöse, politische oder gesellschaftliche Führer, deren Macht so groß war, dass sie Dinge tun konnten, die für gewöhnliche Menschen undenkbar gewesen wären. Wenn schon in unserer sterblichen Welt Machtmissbrauch solche Formen annehmen kann, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie extrem sich solche Strukturen in einer Welt mit jahrhundertelang lebenden Herrschern entwickeln konnten.

Falls diese Annahmen stimmen, wird auch verständlicher, warum diese Strukturen durchbrochen werden mussten. Die Machtverhältnisse könnten sich so sehr verhärtet haben, dass eine bloße Verkürzung der Lebensspanne nicht mehr ausgereicht hätte. Die Erde wäre bereits aufgeteilt gewesen. Kastensysteme, Dynastien und Unterdrückungsstrukturen hätten sich über Jahrhunderte verfestigt.

In diesem Szenario wäre nur ein vollständiger Neustart in der Lage gewesen, diese Ordnung wirklich zu durchbrechen.

Vor diesem Hintergrund kann man die weltweite Flut — so schwer dieser Gedanke auch bleibt — als Gericht über ein völlig verdorbenes System verstehen. Nicht als willkürliche Zerstörung, sondern als radikalen Eingriff in eine Welt, deren Machtstrukturen so böse und festgefahren waren, dass sie anders nicht mehr aufgebrochen werden konnten.

Danach wurden die Lebensspannen deutlich reduziert. Dadurch war es nicht mehr in derselben Weise möglich, über viele Jahrhunderte hinweg Macht anzuhäufen und ganze Gesellschaften dauerhaft unter der Kontrolle einzelner Menschen oder Familien zu halten.

Probleme mit dieser Erklärung

Wer schon länger mein Bibeltagebuch liest oder mich persönlich kennt, weiß, dass ich gerne kritisch und ehrlich mit Fragen umgehe. Auch mit dieser.

Was ich hier schreibe, sind Gedanken und mögliche Erklärungsansätze. Es geht mir nicht darum, eine endgültige Antwort auf alle Fragen zu geben. Vielmehr versuche ich zu verstehen, warum die Sintflut im Rahmen des biblischen Berichts logisch erscheinen könnte — vorausgesetzt, dass die vorherige Welt tatsächlich eine Welt war, in der Menschen jahrhundertelang lebten und gleichzeitig die Bosheit immer weiter zunahm.

Die Gedanken helfen mir auch, Sterblichkeit in dieser Welt nicht nur als Fluch, sondern in gewisser Hinsicht auch als Begrenzung des Bösen zu sehen. In einer sündigen Welt könnte der Tod verhindern, dass einzelne Menschen unbegrenzt lange Macht ausüben und immer mehr Schaden anrichten.

Trotzdem bleiben viele Fragen offen.

Warum hat Gott überhaupt so lange Lebensspannen zugelassen, wenn er wusste, wohin das führen würde?

Warum wurden bei der Flut nur acht Menschen gerettet? Wenn das Hauptproblem in der herrschenden Elite lag, warum wurden dann nicht mehr Menschen aus der Unterschicht bewahrt? Natürlich kann sich auch bei Unterdrückten dieselbe Ideologie finden. Sie könnten versuchen, selbst zur neuen Elite zu werden. Aber hätte das wirklich auf alle zugetroffen?

Auch erklärt dieser Ansatz nicht, warum Sterblichkeit oft gerade die Armen, Schwachen und Kinder besonders hart trifft. Über Jahrtausende hinweg war die Säuglings- und Kindersterblichkeit extrem hoch, und auch heute sterben noch viele Kinder. Die Theorie kann vielleicht erklären, warum Menschen irgendwann alt werden und sterben müssen. Aber sie gibt keine gute Antwort darauf, warum junge Menschen leiden und viel zu früh sterben.6

Ebenso wenig erklärt sie ausreichend, warum so viel Tod durch Krankheiten, Hungersnöte und Katastrophen geschieht. Ein Teil davon lässt sich biblisch damit erklären, dass viel Übel durch den Menschen selbst verursacht wird. Wenn Menschen durch Umweltzerstörung, fehlende Hygiene, Ausbeutung oder ungerechte Verteilung leiden, dann ist das tatsächlich eine Folge menschlicher Sünde. Gott lässt uns Freiheit, auch dort, wo wir mit dieser Freiheit Schaden anrichten.

Aber es gibt auch Leid durch Erdbeben, Stürme, Vulkanausbrüche und andere Naturkatastrophen, die nur sehr begrenzt oder gar nicht durch menschliches Handeln erklärt werden können. Auch darauf gibt diese Theorie keine befriedigende Antwort.

Finale Gedanken

Diese Überlegungen helfen mir, Sterblichkeit und den Bericht von der Flut mit etwas anderen Augen zu sehen. Sie lassen mich zumindest erahnen, warum Sterblichkeit in einer gefallenen Welt nicht nur Strafe, sondern auch Schutz sein könnte. Und sie helfen mir, die Sintflut nicht nur als isoliertes Gericht, sondern als Eingriff in ein völlig verdorbenes System zu betrachten.

Trotzdem bleiben es Gedanken, Theorien und Annäherungen. Sie sind keine endgültige Antwort auf alle Fragen. Ich weiß auch nicht, wie sich meine Sicht darauf in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird.

Darum freue ich mich über Reaktionen: Was denkst du dazu? Scheinen dir diese Erklärungen plausibel? Hast du andere Antworten auf diese Fragen gefunden?

Quellen

  1. Vergleiche F. J. Koch, A Manual of Apologetics, hg. von Charles Bruehl, übers. von A. M. Buchanan (New York: Joseph F. Wagner, 1915), 65–66.
    That all nations have believed in life after death is shown by their literature, modes of burial (embalming, pyramids, cities of the dead, etc.), monuments, and inscriptions. Even prehistoric tombs contain objects indicating a belief in another life. Poets, such as Homer (Iliad, A, 2–4) and Ovid (Metam., xv), and philosophers in every age have proclaimed this faith. It has been examined and discussed most fully by Plato (Phaedo, c. 79, etc.) and Cicero (Tusc. disp., i, 15, 35). Plato represents Socrates as discoursing on immortality during the night before his death.
    ↩︎
  2. Vergleiche Duane A. Garrett, „Ecclesiastes“, in CSB Study Bible: Notes, hg. von Edwin A. Blum und Trevin Wax (Nashville, TN: Holman Bible Publishers, 2017), 1009.
    The fact that God has also put eternity in their hearts tells us that although we are creatures of time, we are not like the animals, who are fully and exclusively creatures of time. God made us as hybrids, so to speak, in that we are temporal but we have an inner longing for eternity. We can never be fully at peace in this life because, although we are mortal, we yearn for immortality.
    ↩︎
  3. Vergleiche  John M’Clintock und James Strong, „Tree of Life“, in Cyclopædia of Biblical, Theological, and Ecclesiastical Literature (New York: Harper & Brothers, Publishers, 1881) 531.
    By partaking of the forbidden tree, they obtained an experimental sense of the distinction between good and evil. Hence their expulsion from Eden and removal from the tree of life was an act of mercy as well as of justice; for, had they been allowed to retain the use of the tree of life, it would, in their condition, have sustained them in an immortality of guilt and misery.
    ↩︎
  4. Vergleiche Andrew E. Steinmann, Genesis: An Introduction and Commentary, hg. von David G. Firth, Bd. 1 of The Tyndale Commentary Series (London: Inter-Varsity Press, 2019), 87.
    With the exception of Enoch, whom God took, no person listed in 5:1–32 lived less than 777 years, and the average, including the foreshortened life of Enoch as well as Noah who died after the flood, was 702 years. In 11:1–32 the lifespans after the flood are shorter, ranging from Shem’s 600 years to Nahor’s 148, and averaging 290 years. Clearly, Genesis views a change after the flood that reduced the lifespans of humans.
    ↩︎
  5. Vergleiche K. A. Mathews, Genesis 1-11:26, Bd. 1A of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1996), 328.
    Alternatively, Jewish interpreters have understood the “sons of God” as human judges or rulers (aristocrats). The word ʾĕlōhîm has broader usage than the common meanings “God” and “divine.” There is ample evidence for taking ʾĕlōhîm as human “judges” in the Old Testament. Psalm 82:1, 6–7 speaks of human rulers as ʾĕlōhîm (82:6a), and, more importantly, the parallel member (82:6b) refers to them as “the sons of the Most High” (bĕnê ʿelyôn), a description analogous to bĕnê hāʾĕlōhîm in Gen 6:2. The psalmist, as in Gen 6:3, stresses the mortality of the judges despite their lofty assignment. In this view the Nephilim (v. 4) are not regarded the children of their marriages but were their contemporaries.
    ↩︎
  6. Vergleiche Robin Parry, Lamentations, The Two Horizons Old Testament Commentary (Grand Rapids, MI; Cambridge, U.K.: William B. Eerdmans Publishing Company, 2010), 202–203.
    One way of seeking to explain human suffering has been in terms of divine retribution for sin. In an Old Testament context this must be understood in terms of God’s covenant with Israel. If they were to break God’s covenant law, then divine curses would come into operation as punishment. This theology underpins much of the Old Testament literature and is clearly at work in Lamentations. However, to see Lamentations as a theodicy would be a mistake. It goes a little way towards a theodicy but hardly provides a neat justification for suffering. Indeed, Lamentations itself exposes some of the inadequacies of this as a theodicy. It recognizes that the righteous can suffer and die in spite of their loyalty to the covenant (4:13b). Also, the implicit complaint against God in the book is that the punishment seems to exceed the crime. It is too deep, cutting the nation to the heart. It is too wide, taking in innocent children. It lasts too long. “Although the event was recognized as punishment, it remained incomprehensible in its severity.” This may be a just punishment when considered at a group level, but when we consider the impact on individuals it is clear that it is an imperfect justice. The righteous suffer alongside the guilty (Ezek 21:3–4). That is the issue with the suffering children; they did not sin, yet they suffer terribly. Whatever God is doing in the destruction, saying that it is a punishment for sin is an inadequate theodicy, even if it is true. No adequate theodicy is given in this book or anywhere else in the Bible. It never tells us why the people suffer for as long as they do or in the way that they do, why the righteous are killed, or why the children starve to death in the laps of their mothers. Instead, it is more concerned to express an unsystematic cluster of human responses to suffering.
    ↩︎

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