Genesis 8,1-14
Eigene Übersetzung
- Und Gott gedachte Noah und aller Tiere und alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und Gott ließ einen Wind über die Erde fahren, und das Wasser nahm ab.
- Und die Quellen der Tiefe und die Fenster des Himmels wurden verschlossen, und der Regen vom Himmel wurde zurückgehalten.
- Und das Wasser ging von der Erde zurück, und das Wasser nahm ab am Ende von einhundertfünfzig Tagen.
- Und die Arche ließ sich nieder im siebten Monat am siebzehnten Tag auf dem Gebirge Ararat.
- Und es nahm ab bis zum zehnten Monat. Im zehnten Monat, am ersten Tag des Monats, wurden die Bergspitzen sichtbar.
- Und es geschah am Ende von vierzig Tagen, da öffnete Noah das Fenster der Arche, das er gemacht hatte,
- und er sandte den Raben aus; er flog hin und her, bis das Wasser auf der Erde vertrocknet war.
- Und er sandte eine Taube von sich hinaus, um zu sehen, ob das Wasser auf der Oberfläche der Erde abgenommen hatte.
- Die Taube fand keinen Rastplatz für ihren Fuß und kehrte zur Arche zurück; Noah streckte die Hand aus, nahm sie und brachte sie in die Arche zurück.
- Und er wartete noch sieben weitere Tage und sandte die Taube erneut aus.
- Die Taube kam zu ihm am Abend und brachte ein frisches Olivenblatt in ihrem Schnabel; da wusste Noah, dass das Wasser auf der Erde abgenommen hatte.
- Und er wartete noch sieben weitere Tage und sandte die Taube erneut aus; sie kam nicht wieder zu ihm zurück.
- Und es geschah im sechshundertsten Jahr, im ersten Monat, am ersten Tag des Monats, da war das Wasser von der Erde getrocknet. Und Noah entfernte die Decke von der Arche und sah: und siehe, die Fläche des Erdbodens war verheert.
- Und am zweiten Monat, am siebenundzwanzigsten Tag war die Erde trocken.
Kommentar
Nachdem Noah eine ganze Weile auf der Arche war, gedachte Gott an ihn. Das Wort זָכַר (zakar) – „gedenken, sich erinnern“ – kommt 222-mal im Alten Testament vor; das häufigste Subjekt ist Gott (73-mal). Gott wird immer wieder als ein Gott dargestellt, der aufmerksam ist, sich erinnert und daraufhin handelt.
Das zweithäufigste Subjekt sind die Israeliten (67-mal), dort sehr häufig im Imperativ: Israel soll sich erinnern, was Gott ihnen getan hat und was Gott ihnen geboten hat. Wenn dem Menschen geboten wird zu erinnern, ist das aus der Gefahr heraus, dass der Mensch untreu ist und vergisst.
Bei Gott ist es das Gegenteil: Dass er sich erinnert, betont, dass er aufmerksam ist und nicht vergisst. Gott erinnert sich immer wieder seiner Kinder, seiner Versprechen und seiner Bündnisse. Auf ihn kann man sich verlassen.1 Dabei impliziert das Wort זָכַר im Hebräischen auch dementsprechend ein Handeln.2
Wo genau die Arche zu Ruhe gekommen ist, ist nicht klar. Es gibt einige, die behaupten, Spuren der Arche gefunden zu haben.3 Aber auch wenn eine solche Doku isoliert betrachtet sehr überzeugend wirkt, sind die Fakten weniger eindeutig. Betrachtet man die Vielzahl der möglichen Orte, wird klar, dass es vielleicht nicht ganz sicher ist. Es ist ja auch nicht unwahrscheinlich, dass die Menschen nach dem Verlassen der Arche das Holz für andere Bauprojekte wiederverwendet haben.
Zuerst sandte Noah einen Raben aus. Generell war dies wahrscheinlich keine schlechte Wahl: Raben können sich von Aas ernähren4 und sie können recht lange fliegen. In vielen Übersetzungen klingt es so, als wäre der Rabe pausenlos herumgeflogen, bis die Erde trocken wurde, aber das macht wenig Sinn. Raben können zwar gut fliegen, aber nach ein paar Stunden brauchen auch sie eine Pause. Wahrscheinlich flog er von Ort zu Ort, fand Rastmöglichkeiten und kehrte dann zurück. Das impliziert, dass die Erde bereits zur Zeit, als Noah den Raben aussandte, nicht mehr ein endloses Wassermeer war.
Früher wurde angenommen, der Rabe sei eine Enttäuschung gewesen und Noah habe danach eine Taube ausgesandt, weil der Rabe nicht zurückkam. Bei genauer Betrachtung war der Rabe jedoch ein gutes Zeichen der Hoffnung. Raben sind sehr kluge Tiere und starke Überlebenskünstler.5 Wenn ein Vogel unter den schlechten Bedingungen nach der Flut überleben kann, dann der Rabe. Wäre er zurückgekommen, wäre das ein ernüchterndes Zeichen gewesen; wenn es selbst für den Raben nicht ausreichend war, wäre wenig Hoffnung für Mensch und Tier gewesen.6
Danach sandte Noah eine Taube aus. Tauben orientieren sich gut und kehren zuverlässig zurück, egal von wo sie losfliegen. Da sie sich anders als Raben fast ausschließlich von Körnern und Saaten ernähren, muss bereits eine gewisse Vegetation auf der Erde vorhanden gewesen sein, damit die Taube überleben konnte.
Die Taube wurde später im Neuen Testament als Symbol für den Heiligen Geist gesehen (Vgl. Johannes 1,32), auch im Talmud wird eine solche Verbindung gemacht.7 Ob dies schon für die Leser des Alten Testaments galt, ist unklar, aber symbolisch ist es interessant: Bevor die Erde neu belebt wurde, schwebte eine Taube, ähnlich dem Geist Gottes, über dem Wasser. (Vgl. Genesis 1,3)
Das letzte Wort in Vers 13 wird in manchen Übersetzungen auch als „trocken“ wiedergegeben. Das hier verwendete Wort bedeutet tatsächlich in vielen Kontexten „trocken“ und ist hier wahrscheinlich auch so gemeint. Es wird jedoch auch häufig im Sinn von „Zerstörung“ verwendet.8 Da im nächsten Vers ein anderer Zeitpunkt (und ein anderes Wort) für das völlig Trockene genannt wird, erscheint es mir wahrscheinlich, dass der Text ausdrücken möchte, dass das Erste, was Noah sah, ein relativ trockenes, vor allem aber auch verwüstetes Land war.
Fragen zum Nachdenken
- Was hilft dir, dich zu erinnern oder zu gedenken?
- Warum wurde gerade ein Olivenblatt als Zeichen geschickt?
- Welche Unterschiede zwischen Raben und Tauben fallen dir auf?
- Was könnte Noah gedacht haben, als er das erste mal aus der Arche blickte?
Quellen
- R. Alan Cole, Exodus: an introduction and commentary, Bd. 2 of Tyndale Old Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1973), 27–28.↩︎To say that God ‘remembers’ is an anthropomorphism (or, more correctly, an anthropopathism) to express the changelessness of God. There is nothing arbitrary about him: anything learned about him from his past relationships with men will be equally valid for present and future relationships. This is in utter contrast with the gods of paganism, who shared all the whims and tantrums of their human creators. It is this divine consistency and this alone that makes an ongoing process of revelation possible.
- Spencer A. Jones, „Memory“, in Lexham Theological Wordbook, hg. von Douglas Mangum u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2014).↩︎The act of remembering does not mean simply recalling information from the past, but also implies an appropriate response to that knowledge in the present. Remembering is closely linked with action (see Num 15:39–40). Thus, when God is said to remember in the ot, it is not as though he had forgotten and needed to be reminded, but rather that he honors his promise, covenant, or someone’s prayer (see Exod 2:24). Similarly, the people of Israel were often exhorted to remember God (1 Chr 16:12), which means that they would live faithfully as God’s people.
- Walter A. Elwell und Barry J. Beitzel, „Flood, The“, in Baker encyclopedia of the Bible (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1988) 798.↩︎Interest in the nature of the Genesis flood has been stimulated periodically since 1856, for some 200 persons have claimed to have seen Noah’s ark on Mt Ararat in 23 separate sightings. At least one report was a hoax, but many of them agree on the general nature of the object that has been sighted. Despite such apparent evidence, all concerned must admit that no conclusive proof exists that Noah’s ark is located on Mt Ararat. From a crevasse near the top of the mountain, Fernand Navarra in 1955 recovered a five-foot piece of wood, which was hand-tooled and originated at some distance from the mountain. Carbon-14 dating techniques, however, produced widely differing dates for the artifact. It has so far been impossible to locate what many have thought to be remains of the ark, despite the use of sophisticated photographic techniques.
- K. A. Mathews, Genesis 1-11:26, Bd. 1A of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1996), 387.↩︎There is no reason stated for the raven’s release, as we find with the dove, but we may assume the raven was commissioned for the same purpose. As the stronger bird and a consumer of carrion, the raven could remain in flight longer, going back and forth while deriving its food from floating carcasses (v. 7). The foremost significance of the raven is its symbolic value as an “unclean” bird, unfit for consumption (Lev 11:15; Deut 14:14). According to rabbinic tradition, the raven was released first as expendable since it was neither good for food nor sacrifice. Also Isaiah, in predicting Edom’s desolation, drew on the symbolic raven and on the creation language of 1:2, tōhû (“wasteland”) and bōhû (“empty”), to depict its demise (34:11). Its departure from the ark signified that the impurities of the past had been removed and the creation of the new world had a fresh start.
- John W. Klotz, „Birds“, in Baker encyclopedia of the Bible (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1988) 357.↩︎Ravens and crows have survived in spite of the dislike many humans have for them. Excellent fliers, they migrate by day and congregate in great flocks of up to several hundred thousand. During the nesting season they make nests of sticks in which two to seven eggs are laid. Ravens mate for life. Equipped with strong wings, a strong bill, and strong feet, ravens can live in isolated places from which they range widely for food.
Ravens are crafty, active birds. Some are capable of speaking, solving puzzles, and performing feats of memory. Bold and curious, they sometimes use their talents for theft.
The raven is the first bird mentioned by name in the Bible (Gn 8:7). A robust bird with tremendous endurance, the raven is accustomed to roam far from its home base in search of food. That it did not return to the ark was a good sign to Noah, indicating that the raven could find food and possibly a place to rest on dry mountaintops. - Andrew Louth und Marco Conti, Hrsg., Genesis 1–11, Ancient Christian Commentary on Scripture (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2001), 145.↩︎Why the Raven Did Not Come Back. Chrysostom: But for the present we need to explain the reason why the bird [the raven] did not come back. Perhaps, with the waters subsiding, the bird, being unclean, happened upon corpses of men and beasts and, finding nourishment to its liking, stayed there! This would have been something that proved to be no little sign of hope and encouragement for the just man [if the raven had returned].
- Vgl. Talmud.de. Bereschit mit Raschi, Abschnitt 1.2. Zugriff am 02.12.2025. https://www.talmud.de/tlmd/bereschit-mit-raschi/ ↩︎
- Vgl. Wilhelm Gesenius und Samuel Prideaux Tregelles, in Gesenius’ Hebrew and Chaldee lexicon to the Old Testament Scriptures (Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2003), 301–302.↩︎whence imp. חֲרֹב, and חָרֵב future יֶחֱרִב—(1) to be dried up, spoken of water, rivers, earth. Gen. 8:13; Job 14:11; Isai. 19:6; Ps. 106:9. It differs [“as merely denoting the absence of water”] from יָבֵשׁ to be dry, to become dried, see Gen. 8:13, compare 14; also Isa. 19:5, where there is a gradation, וְנָהָר יֶחֱרַב וְיָבֵשׁ. Compare Reimarus, De Differentia Vocc. Hebr. p. 64. (From the same stock is Gr. κάρφω to become dry, κράμβος dry.)
(2) to be desolate, to be laid waste, spoken of countries or cities, (dry places being desert, devoid of water, Isai. 42:15; 48:21); Isai. 34:10; Jer. 26:9; of sanctuaries, Am. 7:9; also to be destroyed, wasted, spoken of a people, Isa. 60:12; and trans. to lay waste, to destroy, Jer. 50:21. (Imp. חֲרֹב.)
(3) to be amazed, astonished, Jer. 2:12; compare the synonymous words שָׁמַם and שָׁעַר.
(Arab. خَرِبَ to be laid waste, Conj. II. to lay waste, to destroy; cognate to which is حَرَبَ I. II. IV. to wage war.)
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