Genesis 3,22–24
Eigene Übersetzung
- Und JHWH, Gott, sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, indem er Gut und Böse erkennt. Und nun – damit er nicht seine Hand ausstreckt und auch vom Baum des Lebens nimmt und isst und ewig lebt…
- Da schickte JHWH, Gott, ihn aus dem Garten Eden hinaus, um den Erdboden zu bebauen, von dem er genommen war.
- Und er trieb den Menschen aus und ließ östlich des Gartens Eden die Cherubim wohnen und die Flamme des sich drehenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.
Kommentar
Hatte die Schlange also doch recht? Sie versprach Eva, dass sie „wie Gott“ sein würden, wenn sie von der Frucht äßen. Und hier sagt Gott tatsächlich: „Der Mensch ist geworden wie einer von uns.“
Doch der Text macht deutlich, dass das Problem nicht die Erkenntnis dass es Böses gibt, sondern die Fähigkeit, moralische Entscheidungen unabhängig von Gott zu treffen. Der Mensch bestimmt nun selbst, was er für gut und böse hält, statt Gottes Maßstab zu folgen.
Da der Mensch bereits vorher im Bilde Gottes geschaffen war, geht es hier nicht um eine große neue Fähigkeit, sondern – wie einige Theologen betonen – um eine Nuance des moralischen Autonomiewillens, also den Schritt in die Unabhängigkeit von Gottes Führung.1Lydia Jaeger, Ordinary Splendor: Living in God’s Creation, übers. Jonathan Vaughan (Bellingham, WA: Lexham Press, 2023), 75.
Eine interessante Spannung ergibt sich darin, dass diese Form der Erkenntnis dem Menschen verwehrt bleibt, die Bibel jedoch später immer wieder dazu auffordert, Weisheit zu suchen. Der Unterschied ist jedoch grundlegender Art: Die Weisheit der späteren Schriften beginnt mit der Furcht des Herrn, nicht mit moralischer Selbstbestimmung.
Der Garten als verlorener Wohnort Gottes
Der Mensch muss nun Eden verlassen. Wenn es einzig darum gegangen wäre, den Baum des Lebens zu bewachen, hätte Gott nur den Baum schützen können. Dass der Mensch jedoch den gesamten Garten verliert, zeigt:
Eden ist mehr als ein Ort – es ist der Raum der Gegenwart Gottes.
Mehrere Theologen weisen auf die deutlichen Parallelen zwischen Eden und dem späteren Tempel hin.2T. Desmond Alexander, From Paradise to the Promised Land, 13–15. Der Garten ist der erste „Tempel“, der Ort der unmittelbaren Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Mit dem Sündenfall wird der Zugang zu diesem heiligen Raum unmöglich.
Erst später – mit Stiftshütte und Tempel – entsteht wieder eine Möglichkeit, sich Gott zu nähern, nun aber verbunden mit aufwändigen Reinigungsritualen und strengen Regeln. Der Zugang ist nicht mehr frei wie zuvor, sondern begrenzt und vermittelnd.
Der Text lässt offen, ob ein einmaliges Essen vom Baum des Lebens Unsterblichkeit verliehen hätte, oder ob regelmäßiger Zugang nötig gewesen wäre – ähnlich einem „Jungbrunnen“.3James D. G. Dunn, The Theology of Paul the Apostle (London; New York: T&T Clark, 2003), 84. Beide Möglichkeiten haben überzeugende Argumente und Schwierigkeiten. Entscheidend ist jedoch: Der Zugang zum Baum des Lebens war ein Geschenk Gottes, kein natürlicher Besitz des Menschen.
Fragen zum Nachdenken
- Wenn wir nach Erkenntnis und Weisheit streben: Wie können wir sicherstellen, dass die Erkenntnis, die wir gewinnen, uns wirklich zum Guten führt?
- Warum ist es für uns als sündige Menschen so schwer, ungeschützt in Gottes Gegenwart zu treten?
- Warum war Unsterblichkeit an den Baum des Lebens gebunden und nicht einfach eine natürliche Eigenschaft des Menschen?
- 1Lydia Jaeger, Ordinary Splendor: Living in God’s Creation, übers. Jonathan Vaughan (Bellingham, WA: Lexham Press, 2023), 75.
- 2T. Desmond Alexander, From Paradise to the Promised Land, 13–15.
- 3James D. G. Dunn, The Theology of Paul the Apostle (London; New York: T&T Clark, 2003), 84.