Matthäus 5,43–48

Eigene Übersetzung

  1. Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
  2. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
  3. damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
  4. Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben – welchen Lohn habt ihr? Tun das nicht auch die Zöllner?
  5. Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden ebenso?
  6. Ihr sollt nun vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Kommentar

Dieses letzte Beispiel Jesu ist in gewisser Weise ungewöhnlich. Die vorhergehenden vier Beispiele beziehen sich jeweils klar auf Gebote oder Rechtsgrundsätze, die sich so oder ähnlich im Alten Testament finden. Auch die Aufforderung, den Nächsten zu lieben, ist eindeutig in Levitikus 19,18 belegt. Die Ergänzung „und deinen Feind hassen“ findet sich dort jedoch nirgends.1

Zugleich wirkt dieses angebliche Gebot eigenartig. Wer braucht schon ein ausdrückliches Gebot, seinen Feind zu hassen? Das geschieht doch meist ganz automatisch. Genau hier setzt Jesus an. Seine Nachfolger sollen eben nicht so handeln wie „normale“ Menschen.

Stattdessen fordert er sie auf, ihre Feinde zu lieben. Das klingt zunächst abstrakt. Wie soll man einen Feind lieben? Eine konkrete Antwort gibt Jesus unmittelbar selbst: „… und betet für die, die euch verfolgen.“

Wahrscheinlich liegt hier ein Parallelismus vor. Es geht nicht um zwei verschiedene Gruppen („Feinde“ und „Verfolger“), sondern um dieselben Menschen, nur unterschiedlich beschrieben.2 Die Feindesliebe konkretisiert sich im Gebet für die Verfolger.

Gebet mag auf den ersten Blick wie eine eher passive Handlung erscheinen. Doch was sollte man auch anderes tun, wenn man verfolgt wird? Aktives Zugehen könnte gefährlich sein oder die Situation verschärfen.

Zugleich hat Gebet eine tiefgreifende Wirkung. Wer regelmäßig für seine Feinde betet – nicht nur darum, dass sie aufhören Feinde zu sein, sondern dass Gott sie segnet und ihnen Gutes tut – wird innerlich verändert. Die eigene Haltung wandelt sich, und wo es möglich ist, wird auch das Handeln gegenüber dem Feind davon geprägt sein, ohne sich selbst unnötig in Gefahr zu bringen.3

Darauf folgt der Höhepunkt der Bergpredigt. Jesus fordert seine Jünger auf, vollkommen zu sein, so wie der Vater im Himmel vollkommen ist.

Diese Forderung ist außerordentlich scharf – schärfer noch als die Aufforderung, gerechter zu sein als die Schriftgelehrten und Pharisäer. Manche Ausleger verstehen diesen Satz vor allem als Zuspitzung, die den Menschen seine eigene Unfähigkeit vor Augen führen soll: Niemand kann aus eigener Kraft so vollkommen sein wie Gott, also braucht er einen Erlöser.

Das ist sicher ein wichtiger Aspekt. Zugleich schließt Jesus damit seine Lehre nicht einfach ab, sondern zeigt die Richtung: Abhängigkeit von Gott. Aus eigener Kraft ist diese Vollkommenheit unmöglich, aber mit Gottes Hilfe können seine Nachfolger in konkreten Situationen dem Wesen des himmlischen Vaters entsprechen.

Dabei hilft die Erinnerung daran, dass Gott selbst uns geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren.4


Fragen zum Nachdenken

  1. Wenn du dich mit diesem Text beschäftigst: Wer fällt dir konkret ein, für den Jesus dich auffordert, ihn zu lieben und für ihn zu beten?
  2. Was bedeutete diese Lehre wohl für Jesu Jünger, die reale Verfolgung bis hin zum Tod erlebten?
  3. Was löst es in dir aus, wenn Jesus sagt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“?

Quellen

  1. Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 332–333.
    Ihr habt gehört, dass gesagt wurde (V. 43) wiederholt wörtlich V. 38 und 27. Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen ist ein Mischzitat. Seine erste Hälfte stammt aus Lev 19 (V. 18), dem Kapitel, das Jesus abgesehen vom Dekalog am häufigsten ausgelegt hat. Du sollst deinen Nächsten lieben bildet das erste Grundmotiv für die Verse 43–48. Ergänzt um die Worte „wie dich selbst“ ist es für Jesus neben dem Schma Jisrael (Dtn 6,5) das höchste Gebot (Mt 22,34ff). Er hat es immer wieder ausgelegt (Mt 5,43ff; 19,19; 22,34ff; Lk 10,27) und die apostolische Verkündigung ist ihm darin gefolgt (Röm 13,9f; Gal 5,14; 1Joh 4,7ff; Jak 2,8).
    Doch woher stammt die zweite Hälfte: und deinen Feind hassen? Die manchmal herangezogenen Stellen Ex 34,12; Dtn 7,2; 23,7 betreffen eine andere Problematik und helfen uns hier nicht weiter. Im Gegenteil: Eine Reihe von Stellen im AT ermutigt sogar zur Feindesliebe (Lev 19,33f; Ex 23,4f; Prov 25,21f). So müssen wir annehmen, dass deinen Feind hassen eine Formel von damaligen Schriftgelehrten wiedergibt, die die Erlaubnis zu Ausnahmen vom Liebesgebot erteilen wollten. Dafür spricht die Gemeinderegel von Qumran, die „ewigen Hass gegen alle Männer des Verderbens“, das heißt gegen alle Nicht-Essener, vorschreibt. Dafür sprechen ferner die Vergeltungsgedanken in den pharisäischen Ps Sal 2,25ff. Nach Otto Michel „kennt auch die rabb Überlieferung den erlaubten, ja den gebotenen Haß“. Im Anschluss an Strack-Billerbeck298 sieht er in V. 43b „eine populäre Maxime“. Eine weitverbreitete Maxime ist aber nicht nachweisbar.
    ↩︎
  2. D. A. Carson, „Matthew“, in The Expositor’s Bible Commentary: Matthew, Mark, Luke, hg. von Frank E. Gaebelein (Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1984), 158.
    Much recent Scholarship identifies the “enemies” with the persecutors of Matthew’s church. Verses 44–47 are then seen as Matthew’s transformation of Luke’s more general exhortation (6:32–35) into encouragement for believers in Matthew’s day to submit graciously to their persecutors. If Matthew’s first readers were being persecuted for their faith, that was doubtless one application they made, though it is unlikely that Matthew himself intends to be quite so restrictive and anachronistic. The words “those who persecute you” introduce one important kind of “enemy” but do not exclude other kinds.
    ↩︎
  3. L. B. Smedes, „Ethics“, in The International Standard Bible Encyclopedia, Revised, hg. von Geoffrey W. Bromiley (Wm. B. Eerdmans, 1979–1988) 172.
    Again the disposition to love is not merely sentiment. It makes one ready to do good to one’s enemies, to pray for them, to bless them (Lk. 6:27f.). It penetrates to commonplace behavior like greeting them on the street (Mt. 5:47), not returning a blow (Mt. 5:36; Lk. 6:29), and lending (Mt. 5:42; Lk. 6:34). The power of the conventional pattern of reciprocity is broken only by trust in the coming rule of God. Those who follow the conventional pattern already have their reward, but those who welcome the new age shall receive the eschatological blessing (Lk. 6:35). So Jesus brings the commandment of love to its own eschatological fruition.
    ↩︎
  4. Lawrence O. Richards, in New international encyclopedia of Bible words: based on the NIV and the NASB (Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1999), 249.
    If you and I are to bear the family resemblance as children of God, we must model our interpersonal relationship on the example his actions provide. We must not respond to hostility with hostility, but instead we must respond with love.
    When we respond to our enemies with love, we become partners in God’s radical solution to hostility and hatred. Our love communicates his, and we become agents of reconciliation, introducing our enemies to the transforming power of God.
    ↩︎

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert