Genesis 48,8–22

Eigene Übersetzung

  1. Und Israel sah die Söhne Josephs und sprach: Wer sind diese?
  2. Und Joseph sprach zu seinem Vater: Sie sind meine Söhne, welche Gott mir hier gegeben hat. Und er sprach: Bring sie doch zu mir, und ich will sie segnen.
  3. Und die Augen Israels waren schwer vom Alter, er konnte nicht mehr sehen. Und er brachte sie zu ihm, und er küsste und umarmte sie.
  4. Und Israel sprach zu Joseph: Dein Gesicht noch einmal zu sehen, habe ich nicht vermutet, und siehe, Gott zeigt mir sogar deinen Samen.
  5. Und Joseph nahm sie von seinen Knien und neigte seie Nase zur Erde.
  6. Und Joseph nahm die beiden, Ephraim mit seiner Rechten zur Linken Israels und Manasse mit seiner Linken zur Rechten Israels, und er brachte sie zu ihm.
  7. Und Israel streckte seine Rechte aus und legte sie auf den Kopf Ephraims, er ist der Jüngere, und seine Linke auf den Kopf Manasses; er überkreuzte seine Hände, denn Manasse war der Erstgeborene.
  8. Und er segnete Joseph und sprach: Der Gott, vor dem meine Väter umhergezogen sind, Abraham und Isaak, der Gott, der mich geweidet hat seit ich bin bis zu diesem Tag,
  9. der Bote, der mich erlöst hat von allem Bösen, der segne die Jungen! Und in ihnen wird mein Name genannt werden und der Name meiner Väter Abraham und Isaak. Und sie sollen sich vermehren zu einer Menge inmitten des Landes.
  10. Und Joseph sah, dass sein Vater seine rechte Hand auf den Kopf Ephraims gelegt hatte, und es war böse in seinen Augen, und er ergriff die Hand seines Vaters, um sie vom Kopf Ephraims hin zum Kopf Manasses zu bringen.
  11. Und Joseph sprach zu seinem Vater: Nicht so, mein Vater, denn dieser ist der Erstgeborene; lege deine Rechte auf seinen Kopf.
  12. Aber sein Vater weigerte sich und sprach: Ich weiß, mein Sohn, ich weiß. Auch er wird zu einem Volk, und auch er wird groß sein; jedoch wird sein kleiner Bruder größer als er, und sein Same wird eine Fülle von Nationen werden.
  13. Und er segnete sie an jenem Tag, indem er sprach: In dir wird Israel gesegnet werden und sagen: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse. So stellte er Ephraim vor Manasse.
  14. Und Israel sprach zu Joseph: Siehe, ich sterbe; aber Gott wird mit euch sein und euch zurückbringen in das Land eurer Väter.
  15. Und ich gebe dir Sichem, eines über deine Brüder, das ich von der Hand der Amoriter mit meinem Schwert und meinem Bogen genommen habe.

Gedanken zum Text

Es scheint mir ein wenig ironisch: Kurz nachdem der Text sagt, dass Israels Augen zu schwer waren zum Sehen, spricht er davon, dass er Joseph und seinen Samen sehen durfte. Klar, er hat sie alle vorher gesehen, dennoch finde ich es textlich eigenartig gewählt – vielleicht ist dieser Kontrast auch bewusst eingebaut.

Was den Segen angeht, finde ich ihn etwas herausfordernd. Auch Jakob war der Zweitgeborene und hat den Segen bekommen. Gott hatte es schon vor der Geburt so prophezeit, auch wenn Jakob ihn letztendlich über eine List erhielt. Bei Ephraim und Manasse hören wir keine derartige Prophetie. Hier stellt sich mir die Frage, ob Gott Jakob gesagt hatte, er solle Ephraim vor Manasse stellen, oder ob er es selbst entschieden hat – in Erinnerung an seine eigene Geschichte.

Vers 22 bietet eine kleine Herausforderung. Das Wort Sichem bedeutet gleichzeitig „Rücken“, weshalb manche Übersetzungen hier mit „Bergrücken“ übersetzen. Auch ist nicht klar, was er meint, wenn er sagt, dass er es mit Schwert und Bogen von den Amoritern genommen habe. Einen Teil bei Sichem hatte er gekauft, aber dort haben auch seine Söhne Levi und Simeon eine Stadt ausgerottet. Vielleicht spricht er von diesem Ort, obwohl er die Tat ursprünglich verdammte und sie nicht wirklich seine eigene war. Sichem lag tatsächlich dann auch im späteren Land von Manasse, was ja passen würde.

Es liegt aber auch an einem Bergrücken (vielleicht wurde es ja deshalb so benannt). Selbst die Übersetzung „Bergrücken“ wäre also passend für den Ort. Sonst spricht er vielleicht von einem anderen Ereignis, von dem die Bibel nicht berichtet. Aber es wäre auch eigenartig, etwas in dem Segen zu finden, das sich auf etwas bezieht, was das Buch nicht erklärt.


Fragen zum Nachdenken

  • Steckt hier hinter dem Kontrast zwischen dem nicht mehr sehen und doch sehen eine tiefere, beabsichtige Botschaft?
  • Warum wird Ephraim vorgezogen? War es Jakobs Entscheidung und Gott hat sich danach gerichtet, oder war es Gottes Entscheidung und Jakob führte es nur aus? Würde Gott seinen Segen durch das Handeln der Menschen anpassen?
  • Warum gibt Jakob dem Joseph einen Landbesitz, weil er ihn doch erobert habe, wobei anzunehmen war, dass es nach der Rückkehr aus dem Land wieder neu besiedelt werden wird?

Infos zum heutigen Bild

Das Bild heute zeigt „Jakob segnet Ephraim und Manasse“ (Benjamin West, 1766–68).
Normalerweise verwende ich nur ein halbwegs passendes KI-generiertes Bild zur Auflockerung und Vorschau. Leider konnte keine KI die überkreuzten Hände beim Segnen, einen zentralen Teil dieses Textes, überzeugend darstellen – offenbar zu ungewöhnlich.

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