Jesaja 1,10–20

Eigene Übersetzung

  1. Hört das Wort Jahwes, Anführer Sodoms! Horcht auf das Gesetz unseres Gottes, Volk von Gomorra!
  2. Warum mir so viele Schlachtopfer? spricht Jahwe. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und dem Fett des Mastviehs, und am Blut der Jungstiere und Böcke habe ich keinen Gefallen.
  3. Wenn ihr kommt, um vor meinem Angesicht zu erscheinen – wer hat das von eurer Hand gefordert, dass ihr meine Vorhöfe zertretet?
  4. Macht nicht weiter damit, Opfer der Nichtigkeit zu bringen! Das Räucherwerk – es ist mir etwas Abscheuliches. Monat(sfest) und Sabbat, Einberufung von Versammlungen – ich ertrage es nicht: Bosheit und Festversammlung.
  5. Eure Monat(sfest)e und festgesetzten Versammlungen hasst meine Seele. Sie sind mir zur Last geworden, ich bin es müde, sie zu ertragen.
  6. Und bei eurem Handausbreiten verhülle ich meine Augen vor euch. Auch wenn ihr eure Gebete groß macht, so höre ich nicht. Eure Hände habt ihr mit Blut gefüllt.
  7. Wascht euch! Reinigt euch! Entfernt eure bösen Taten von vor meinen Augen! Hört auf, Böses zu tun!
  8. Lernt, Gutes zu tun! Sucht Rechtsspruch, weist den Bedrücker zurecht, sprecht dem Waisen Recht, führt den Rechtsstreit der Witwe!

Kommentar

Der zweite Teil der Vision beginnt ähnlich wie der erste. In Jesaja 1,2 wurden Himmel und Erde als Zeugen angerufen. In Vers 10 wird Israel selbst als Sodom und Gomorra mit den gleichen Worten aufgerufen, das Gesetz Gottes (und die Vision) zu hören.

Dann kommt eine Kritik an Israel, anfangend beim Opfer. Das erste Wort für Opfer ist eher allgemein – Schlachtopfer kann vieles sein, unter anderem auch freiwillige Gaben (Deuteronomium 12,27). Generell bedeutete ein Opfer zugleich auch ein Festmahl, da von den meisten Opfern nur ein kleiner Teil verbrannt wurde und das meiste von den Priestern und/oder denen, die das Opfer gebracht haben, gegessen wurde.

Es sei auch erwähnt, dass es Texte gibt, die von Schlachtopfern für Dämonen sprechen (Levitikus 7,7). So meinen auch manche Kommentatoren, dass Gott hier ein Opfersystem kritisiert, das Götzenopfer bringt. Von den Begriffen her ist das nicht völlig unmöglich, aber meiner Meinung nach nicht wirklich gut zum Text passend.
Wenn man bei dem Ergebnis bleibt, dass die Vision für das Volk zur Zeit Hiskias gilt, dann waren die Götzenopferaltäre zum größten Teil beseitigt, und es gab wieder regelmäßig Opfer im Tempel. Auch spricht der Text spezifisch von Gottes Vorhöfen; da die Götzenopfer meist an anderen Plätzen gebracht wurden, passt es auch weniger zu dieser Beschreibung.

Widder waren als Opfer ziemlich verbreitet und wurden bei verschiedenen Festen und für verschiedene Zwecke verwendet. Mastvieh hingegen ist eine eher ungewöhnliche Bezeichnung. Das Wort kommt nicht einmal in der Thora, den Mosebüchern, vor; es ist generell ein recht selten verwendetes Wort. Im Kontext als Opfer kommt es noch in Amos 5,22 vor – dort wird gesagt, dass das Volk Ganzopfer von Mastvieh bringt, aber in diesem Text spricht Gott davon, dass er keine Freude daran hat. Die anderen beiden Geschichten, in denen sie gebracht werden, sind, als die Bundeslade zurückgebracht wird (2. Samuel 6,13) und als Adonija als Gegenkönig zu David/Salomo gekrönt wurde. Rinder an sich waren legitime Opfertiere, das Opfern von gemästeten Tieren wurde aber wohl eher selten praktiziert. Vermutlich ging es um Opfer, die dann auch gegessen wurden.

Jungstiere kommen wiederum auch in den levitischen Geboten vor, unter anderem bei den Sündopfern, wenn entweder ein Priester gesündigt hatte (Levitikus 4,4) oder wenn das ganze Volk gesündigt hatte (Levitikus 4,13–15).

Lämmer sind, ähnlich wie Widder, sehr häufige Opfertiere bei verschiedensten Opfern.

Böcke kommen wieder seltener vor; sie haben keine direkte Funktion bei den Festtagen und den Sündopfern, wurden aber auch schon zur Zeit Moses als Opfer gebracht. So waren sie in Numeri 7,17–88 Teil der Opfergaben der zwölf Stammesführer.

Zusammenfassend kann man bezüglich der Opfer wohl sagen, dass es keine spezifische Art von Opfern ist, die hier im Blick ist. Es betrifft wahrscheinlich sowohl Sündopfer und von Gott vorgeschriebene Opfer für die Feste als auch freiwillige Gaben und Opfer, die Teil von Festmählern waren.

Sabbate und Neumonde sind klar zu definieren. Aber worauf bezieht sich das Einberufen von Versammlungen? Es könnte sich auf irgendwelche Feste beziehen, aber ich halte es für wahrscheinlicher, dass die einberufenen Versammlungen die festgesetzten Versammlungen sind – der Zweck, wofür laut Genesis 1,14 Mond und Sonne geschaffen wurden. Dann ist anzunehmen, dass die sieben Feste Israels damit gemeint sind (oder zumindest die drei Pilgerfeste). Dass die Beschreibung „Einberufung von Versammlungen“ dafür auch sehr gut passt, sieht man, wenn man sich die Beschreibung der Passahfeier Hiskias anschaut (2. Chronik 30).

Es ist also wahrscheinlich primär die typische Dreiteilung der Feste gemeint: Sabbate, Neumonde und Festtage.

Manche sehen hier eine generelle Kritik am Opfersystem und an den Festtagen, eine Vorausschau auf deren Abschaffung im Neuen Testament. Aber der Text selbst gibt nicht wirklich einen Grund, dies anzunehmen. Was Gott stört, ist die Kombination von Festversammlung mit dem bösen Handeln des Volks.

Wenn man aus diesen Versen ableiten möchte, dass Gott generell keine Freude an Opfern und Festen hätte, dann müsste man nach der gleichen Logik auch aus Vers 15 ableiten, dass Gott generell gegen Gebet wäre – wobei dort genauso klar steht, dass das Problem die blutbefleckten Hände sind, welche die Gebete für Gott zum Gräuel machen.

„Hände mit Blut befleckt“ bezieht sich buchstäblich auf Blutschuld/Mord. Hier scheint es aber (wie auch an anderen Texten in den Propheten) als Metapher auch für andere Sünden verwendet zu werden.

Die Aufforderung besteht darin, sich zu waschen und zu reinigen. „Waschen“ ist hier ein stark zeremonieller Begriff. Es ist der gleiche Begriff, der für die rituelle Reinigung nach Kontakt mit Unreinem verwendet wird (siehe z. B. Levitikus 15,5).

Das Wort für „reinigen“ kommt viel seltener in der hebräischen Bibel vor – insgesamt nur achtmal, und kein einziges Mal im Kontext irgendeiner rituellen Reinigung. Es steht jedoch in der Poesie im Parallelismus mit „Gerechtigkeit“ (Hiob 15,14; Psalm 51,6) und „Unschuld“ (Psalm 73,13).

Was Gott hier fordert, ist also eine innerliche Reinigung, eine Veränderung des Verhaltens. Waschen und Reinigen bedeutet: böse Taten entfernen und aufhören, Böses zu tun.

Interessant jedoch ist, was die Sünden sind, die Gott spezifisch nennt: das Unterdrücken von Witwen und Waisen.
Wenn wir an schlimme Sünden denken, kommen uns vermutlich meist andere Dinge in den Sinn. Dieser Text sagt nicht, dass die Einwohner Judas und Jerusalems nicht auch andere schlimme Dinge getan haben, aber was Gott besonders anspricht, ist, sich um die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft zu kümmern.

Das passt zu einem Gott, der sich selbst darüber definiert, dass er Witwen und Waisen Recht schafft (Deuteronomium 10,17–18), und es unter den Fluch stellt, Witwen und Waisen das Recht zu beugen (Deuteronomium 27,19).
Aber es stellt uns auch vor eine Herausforderung: Die meisten im Volk haben wahrscheinlich nicht aktiv Witwen und Waisen unterdrückt, aber auch nicht aktiv den Unterdrücker zurechtgewiesen und sich für das Recht derer eingesetzt, die sich selbst nicht verteidigen konnten.

Sicher ist der, der selbst aktiv unterdrückt, noch größerer Schuld schuldig. Aber der Text scheint auch zu sagen, dass Gottesdienst, Anbetung und Lobpreis Gott ein Gräuel sind, wenn sie von Menschen kommen, die der Unterlassungssünde schuldig sind – dass sie die Möglichkeit hätten, sich für die einzusetzen, denen es zu Unrecht schlecht geht, und es (aus welchen Gründen auch immer) nicht tun.


Fragen zum Nachdenken

  • Wo können auch andere Dinge, die eigentlich gut sind und die Gott uns vielleicht sogar geboten hat, für Gott ein Gräuel sein, weil andere Teile unseres Lebens sündig sind?
  • Inwieweit trifft die Kritik Gottes an Juda auch auf uns heute zu?

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