Genesis 42,21–38

Eigene Übersetzung

  1. Und ein jeder sprach zu seinem Bruder: Fürwahr, wir sind schuldig an unserem Bruder, dass wir die Not seiner Seele sahen, als er uns um Gnade flehte, und wir hörten nicht auf ihn. Darum kommt diese Not über uns.
  2. Und Ruben antwortete ihnen: Habe ich nicht zu euch gesagt: „Versündigt euch nicht an dem Jungen“? Aber ihr habt nicht gehört – und siehe, nun wird nach seinem Blut gesucht.
  3. Und sie wussten nicht, dass Joseph sie hörte, denn ein Dolmetscher war zwischen ihnen.
  4. Und er wandte sich von ihnen und weinte. Dann kehrte er zu ihnen zurück, redete mit ihnen, nahm Simeon aus ihrer Mitte und band ihn vor ihren Augen.
  5. Und Joseph befahl, ihre Getreidegefäße zu füllen, das Silber eines jeden in seinen Sack zurückzugeben und ihnen Reiseverpflegung mitzugeben. Und man tat so für sie.
  6. Und sie luden ihr Getreide auf ihre Esel und zogen von dort.
  7. Und einer öffnete seinen Sack im Nachtlager, um Futter für seinen Esel zu nehmen, und er sah sein Silber: Siehe, es war oben im Sack.
  8. Und er sprach zu seinen Brüdern: „Mein Silber! Siehe, es ist da in meinem Sack!“ Da verging ihnen der Mut, und zitternd sprachen sie einer zum andern: „Was ist das, was Gott uns antut?“
  9. Und sie kamen zu Jakob, ihrem Vater, ins Land Kanaan und erzählten ihm alles, was ihnen widerfahren war:
  10. „Der Mann, der Herr des Landes, redete hart mit uns und behandelte uns wie Kundschafter des Landes.
  11. Wir aber sagten zu ihm: Wir sind redlich, keine Kundschafter!
  12. Zwölf Brüder sind wir, Söhne eines Vaters. Einer ist nicht mehr, und der Jüngste ist jetzt bei unserem Vater im Land Kanaan.
  13. Und der Mann, der Herr des Landes, sprach zu uns: Daran werde ich erkennen, dass ihr redlich seid: Einen eurer Brüder lasst bei mir, nehmt Getreide für den Hunger eurer Häuser und geht.
  14. Und bringt euren jüngsten Bruder zu mir, dann weiß ich, dass ihr keine Spione seid, sondern redlich. Euren Bruder werde ich euch zurückgeben, und ihr könnt das Land durchziehen.“
  15. Und es geschah, als sie ihre Säcke ausleerten: Siehe, eines jeden Beutel mit Silber war in seinem Sack. Als sie und ihr Vater ihre Beutel sahen, fürchteten sie sich.
  16. Und Jakob, ihr Vater, sprach zu ihnen: „Ihr macht mich kinderlos! Joseph ist nicht mehr, Simeon ist nicht mehr, und Benjamin wollt ihr mir wegnehmen – all dies kommt über mich!“
  17. Da sprach Ruben zu seinem Vater: „Meine beiden Söhne darfst du töten, wenn ich ihn dir nicht zurückbringe. Gib ihn in meine Hand, und ich bringe ihn dir zurück.“
  18. Er aber sprach: „Mein Sohn geht nicht mit euch hinab! Denn sein Bruder ist tot, und er allein ist mir übriggeblieben. Wenn ihm ein Unglück auf dem Weg widerfährt, den ihr gehen sollt, so würdet ihr mein graues Haar mit Kummer hinab in den Scheol bringen.“

Gedanken zum Text

Dass es sie sofort an ihre Schuld gegenüber Joseph erinnert, lässt mich vermuten, dass sie die ganze Zeit über – oder zumindest immer wieder – daran dachten und ihre Schuld ständig vor Augen hatten. Vielleicht auch, weil ihr Vater immer wieder über den Verlust seines Sohnes klagte.

In Vers 30 und 33 wird Joseph beide Male als „der Mann, der Herr des Landes“ bezeichnet, auch wenn im zweiten Fall „der Mann“ völlig gereicht hätte. Hier ist vermutlich eine bewusste Überbetonung gewählt.

Ruben finde ich hier schon immer merkwürdig. Hätte er gesagt: „Dann sollen meine Kinder dir gehören“, hätte man das noch als verstanden. Aber wie soll es Jakob trösten zu wissen, dass er das Recht hätte, seine Enkel zu töten? Vielleicht war es nur eine gängige Schwurformel der damaligen Zeit – andernfalls ergibt es keinen Sinn, wie Jakob dadurch irgendeinen Ersatz oder Trost hätte haben sollen.

Auch Jakobs Reaktion wirkt sehr hart. Würde man die Geschichte nicht kennen und nur seine Worte hören, könnte man meinen, er rede mit Fremden. Er spricht, als wären Joseph und Benjamin seine einzigen Söhne – die übrigen zehn zählen nichts. War das nicht sogar ein Mitgrund für den Neid, der dazu führte, dass sie Joseph verkauften? Auch wenn Jakob Rahel mehr liebte als Lea, ist das doch kein Grund, die anderen Söhne so zu behandeln, als wären sie bloß Diener oder Fremde.


Fragen zum Nachdenken

  • Warum wurde Simeon gewählt? War es Zufall oder eine bewusste Wahl?
  • Warum erschrecken die Brüder so, als sie ihr Silber entdecken?
  • Was wollte Ruben mit seinem Schwur bewirken? Warum wirkt er so unbeholfen?
  • Wie konnte Jakob so hart zu seinen Söhnen sprechen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert