Jesaja 2,5–11
Eigene Übersetzung
- Haus Jakobs, kommt und lasst uns im Licht Jahwes wandeln.
- Denn du hast dein Volk, das Haus Jakobs, aufgegeben; denn sie sind voll aus dem Osten und wahrsagen wie die Philister, und mit den Kindern der Fremden schlagen sie Hände.
- Sein Land wurde mit Silber und Gold gefüllt, und es gibt kein Ende seiner Schatzhäuser; und sein Land wurde mit Pferden gefüllt, und es gibt kein Ende seiner Streitwagen.
- Sein Land wurde mit Götzen gefüllt. Vor dem Werk seiner Hände wirft man sich nieder, vor dem, was seine Finger gemacht haben.
- Und der Mensch wird gebeugt und der Mann fällt nieder, und du sollst ihm nicht vergeben.
- Komm zum Felsen und verstecke dich im Staub vor dem Schrecken Jahwes und vor der Pracht seiner Hoheit.
- Die stolzen Augen des Menschen werden erniedrigt und die Höhe des Menschen wird gebeugt, aber Jahwe wird allein erhaben sein an jenem Tag.
Kommentar
Das wirkt auf den ersten Blick wie ein starker Bruch der Thematik: Gerade wurde beschrieben, wie Zion erhöht werden wird und die Völker dort Gott anbeten, und nun folgt erneut scharfe Kritik an Israel. Doch dieser Kontrast ist bewusst gesetzt. Zuerst zeigt Gott, was er am Ende mit seinem Volk tun wird, dann beschreibt Jesaja wieder die Gegenwart, in der Israel nicht im Licht Gottes wandelt.
Die erste Kritik lautet, dass Israel „voll aus dem Osten“ ist. Die Frage ist: Wovon sind sie voll?
Eine Möglichkeit ist die Auslegung, dass hier auf den Sonnenaufgang angespielt wird, also auf Vertrauen in natürliches Licht im Gegensatz zum Licht Jahwes.1 J. Alec Motyer, Isaiah: An Introduction and Commentary, Tyndale OT Commentary 20, Downers Grove: InterVarsity Press, 1999, S. 60. Diese Deutung setzt jedoch voraus, dass im Text ein Wort verloren gegangen ist, denn in der jetzigen Form bleibt der Ausdruck grammatisch unvollständig.
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass „voll aus dem Osten“ sich auf Wahrsagepraktiken aus dem Osten2Willem VanGemeren (Hrsg.), New International Dictionary of Old Testament Theology & Exegesis, Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1997, Bd. 3, S. 873. bezieht. In diesem Fall liegt eine bewusste poetische Ellipse vor: Das im zweiten Halbvers genannte „wahrsagen“ gilt stilistisch auch für den ersten Halbvers.
Diese Auslegung kommt ohne Textverlust aus und entspricht der typischen Form des hebräischen Parallelismus. Dabei entsteht eine geografische Spannweite: Der Osten (Babylon) steht für die eine Seite, die Philister lebten im (Süd-)Westen an der Mittelmeerküste. Stilistisch kann der Vers so verstanden werden: Von Osten bis Westen haben sie Wahrsagerei übernommen. Er drückt damit aus, dass Israel sich von allen umliegenden Nationen religiös beeinflussen ließ.
Die Formulierung „Händeschlagen mit den Kindern der Fremden“ ist schwerer zu deuten, da sie nur hier vorkommt. Möglich ist der Hinweis auf politische Bündnisse, die Gott missfielen, oder auf gemeinsame religiöse Praktiken.3Trent C. Butler, Isaiah, Holman Old Testament Commentary, B&H, 2002, S. 31.
Dann folgt eine dreifache Anklage:
- Reichtum (Silber und Gold),
- militärische Sicherheit (Pferde und Streitwagen),
- Götzendienst (die Werke der eigenen Hände).
Das Volk sucht Sicherheit und Bedeutung ohne Gott.
Eine genaue Datierung ist schwierig. Die Beschreibungen passen sowohl zur Zeit Usijas, der großen wirtschaftlichen und militärischen Stärke, als auch zur Zeit Jotams (unter dem das Volk dennoch verderblich handelte) und sogar zu Ahas, der besonders tief in Götzendienst fiel.
Selbst unter Hiskia war das Land noch so reich, dass er seine Schätze vor den Babyloniern vorzeigte. (siehe Jesaja 39,2)
Ich halte es daher am wahrscheinlichsten, dass die Worte in der späten Regierungszeit Usijas gesprochen wurden, vielleicht während Jotams Koregentschaft, als Usija wegen seinem Aussatz zurückgezogen lebte. Diese Annahme passt auch dazu, dass Jesaja in Kapitel 6, im Jahr von Usijas Tod, seine formale Beauftragung erhält — während die Einleitung des Buches voraussetzt, das er schon zur Zeit Usijas prophetisch aktiv war.
Der Imperativ in Vers 9 muss nicht als Bitte verstanden werden, Gott solle nicht vergeben, sondern kann die unumgängliche Konsequenz ausdrücken: Aufgrund ihres Verhaltens kann keine Vergebung erfolgen.4Motyer, S. 60.
Wenn Jahwe in seiner Herrlichkeit erscheint, wird jede menschliche Erhöhung zerbrechen. Die stolzen Augen werden erniedrigt — und Jahwe allein wird erhaben sein.
Fragen zum Nachdenken
- Stehen auch wir in der Gefahr, durch Reichtum oder Sicherheit von Gott unabhängig zu werden? Was hilft uns dagegen?
- Warum zeigt Gott zuerst die herrliche Zukunft seines Volkes, bevor er die scharfe Kritik ausspricht?
- Wenn die Datierung zur Zeit Usijas zutrifft: Wie kann ein „guter König“ über ein geistlich abgewandtes Volk herrschen?
- Welche Gefühle löst der Gedanke an den Tag aus, an dem jeder Hochmut fällt und nur Gott erhöht sein wird?
- 1J. Alec Motyer, Isaiah: An Introduction and Commentary, Tyndale OT Commentary 20, Downers Grove: InterVarsity Press, 1999, S. 60.
- 2Willem VanGemeren (Hrsg.), New International Dictionary of Old Testament Theology & Exegesis, Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1997, Bd. 3, S. 873.
- 3Trent C. Butler, Isaiah, Holman Old Testament Commentary, B&H, 2002, S. 31.
- 4Motyer, S. 60.
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