Genesis 10,21–32

Eigene Übersetzung

  1. Und Sem, auch ihm, dem Vater aller Söhne Ebers, dem großen Bruder Jafets, wurden Söhne geboren.
  2. Die Söhne Sems: Elam und Assur und Arpachschad und Lud und Aram.
  3. Und die Söhne Arams: Uz und Hul und Geter und Masch.
  4. Und Arpachschad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Eber.
  5. Und dem Eber wurden zwei Söhne geboren; der Name des einen war Peleg, denn in seinen Tagen wurde die Erde zerteilt, und der Name seines Bruders war Joktan.
  6. Und Joktan zeugte Almodad und Schelef und Hazarmawet und Jerach
  7. und Hadoram und Usal und Dikla
  8. und Obal und Abimael und Saba
  9. und Ofir und Hawila und Jobab; diese alle sind die Söhne Joktans.
  10. Und ihre Wohnsitze sind von Mescha bis man nach Sefar kommt, den Berg des Ostens.
  11. Diese sind die Söhne Sems nach ihren Sippen, nach ihren Sprachen, in ihren Ländern, nach ihren Nationen.
  12. Diese sind die Sippen der Söhne Noahs nach ihren Nachkommen, in ihren Nationen; von diesen haben sich die Nationen der Erde nach der Flut zerteilt.

Kommentar

Weiter geht es mit den Söhnen Sems.

Wieder keine besonders spektakuläre Stelle der Bibel – einfach noch mehr Länder und Namen.

Der einzige, der hier ein wenig heraussticht, ist Peleg, denn zu seiner Zeit wurde die Erde zerteilt.

Im Grunde gibt es drei Deutungen, was zu Pelegs Zeit geschehen sein könnte.

1Manche vertreten die Ansicht, dass der Superkontinent Pangea zu Pelegs Zeit zerbrochen oder sich so weit entfernt hat, dass man nicht mehr einfach hinübergehen konnte.

Die Idee, es wäre ein Hinweis auf das Zerbrechen der Kontinente, ist natürlich faszinierend – aber auch schwierig. Es wäre spannend, einen Text in der Bibel zu haben, der zeigt, dass die Bibel davon ausgeht, dass die Kontinente einst verbunden waren. Zudem würde es zeitlich klar einordnen, wann es passierte: nicht vor Millionen von Jahren, sondern kurz nach der Flut.

Wissenschaftlich ist das jedoch herausfordernd. Welcher Prozess sollte Amerika in unter 10.000 Jahren so weit entfernt haben? Warum sieht man keine klaren Hinweise auf eine derart schnelle Bewegung? Und wie sollte sich das innerhalb der Lebenszeit eines Menschen so stark verändert haben, dass man ihn danach benennt?

Schlüssiger erscheint, dass die Kontinente entweder schon vorher getrennt waren oder das Zerbrechen während der Flut selbst geschah, nicht danach. Das würde auch besser zu den „aufbrechenden Quellen der Tiefe“ passen. Wenn damit tatsächlich die Bruchlinien der heutigen Meere gemeint sein sollten, würde das zumindest ein Stück weit passen.

Die traditionelle Deutung scheint hier wahrscheinlicher, sie besagt, dass sich der Name Peleg auf den Turmbau zu Babel bezieht.2 Zeitlich passt das gut – und es wäre genau die Art von „Zerteilung“, die für Israel besonders bedeutsam war: die Aufteilung in Nationen, Sprachen und Völker.

Auffällig ist jedoch, dass hier ein anderes Wort für „zerteilen“ verwendet wird als in Vers 32. Dort steht das Verb פָּרַד (parad), hier jedoch die Wurzel פָּלַג (palag).

Dieses Wort kommt im Alten Testament nur viermal vor: zweimal direkt bei Peleg (hier und in 1Chronik 1,19), dazu noch im Zusammenhang mit dem „Zerspalten der Zungen“ (Psalm 55,10) und dem „Ziehen von Furchen“ (Hiob 38,25). Auffällig ist, dass die beiden anderen Stellen poetisch sind.

Sprachlich würde das erstaunlich gut zur Vorstellung eines Aufbrechens oder Spaltens passen.

Eine dritte, weniger spektakuläre Möglichkeit ist eine landwirtschaftliche Entwicklung. Dann wäre gemeint, dass zu Pelegs Zeit erstmals Bewässerungsgräben angelegt wurden. Dazu passt, dass es ein Nomen aus derselben Wortwurzel gibt, das Wasserbäche und Kanäle bezeichnet.3

Das würde auch gut zu anderen Stellen in den Stammbäumen passen, wo erstmals bestimmte kulturelle Entwicklungen erwähnt werden.

Und das wiederum würde einen interessanten Unterschied zur vorsintflutlichen Welt andeuten: Wenn Bewässerung erst nach der Flut nötig wurde – gab es vorher tatsächlich diesen „befeuchtenden Nebel“, von dem Genesis spricht?

Oft wünschen wir uns klare, eindeutige Antworten. Nicht umsonst können auch notorische Lügner großen Einfluss gewinnen, wenn sie große Sicherheit ausstrahlen. Mancher Evangelist vertritt hier mit absoluter Gewissheit eine dieser Deutungen.

Ich persönlich bevorzuge wissenschaftliche und geistliche Ehrlichkeit – auch wenn das manchmal unbefriedigend bleibt.


Fragen zum Nachdenken

  1. Wie können wir damit leben, nicht immer 100 % Gewissheit in einer Auslegung zu haben?
  2. Was können wir tun, um uns nicht einfach von der Gewissheit anderer anstecken zu lassen – vor allem wenn diese schlecht begründet oder sogar bewusst falsch ist?

Quellen

  1. Vgl. David M. Fouts, “Peleg in Gen 10:25,” Journal of the Evangelical Theological Society 41, no. 1 (1998): 17–21, S. 19.
    Recently attempts have been made by certain young-earth creationists to see in Gen 10:25 a reference to the drift between the continents. Proponents include Donald Gray Barnhouse10 and Bernard Northrup. n To argue in this manner involves concentrating on the basic meaning of the root pig and its derivations in other languages, particularly Greek. The noun peleg occurs ten times in Scripture, and each time watercourses (canals, tears, etc.) or rivers are in view (Job 29:6; Pss 1:3; 46:5[6]; 65:9[10]; 119:136; Prov 5:16; 21:1; Isa 30:25; 32:2; Lam 3:48). The noun pëlaggâ in Job 20:17 also refers to rivers. One might see in this usage a division of land by water. Northrup traces the development of the root pig from its Semitic cognates to its derivations. He concludes that the emphasis in Greek refers to dividing land masses by larger bodies of water, such as seas or oceans. Therefore the reference in Gen 10:25 must be to the division of the earth by large bodies of water and as such must be a reference to continental drift.12 Though one may certainly commend Northrup for his intriguing proposal, one must also question his reasoning with respect to how the usage of a given word in classical Greek can determine the usage of a similar word in Pentateuchal Hebrew—unless, of course, one accepts the documentary hypothesis. Even so, the traditionally understood dates for J (ca. 850 BC) and E (ca. 750) are probably still too early to be influenced by classical Greek (ca. 700-300). While one might argue successfully that the root pig in classical Greek may have derived from Semitic, one may not then impose the Greek gloss on the chronologically older basis for the alleged derivation.
    ↩︎
  2. Vgl. Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über die Bücher Mose’s: Genesis und Exodus, hg. von Carl Friedrich Keil und Franz Delitzsch, Dritte, Verbesserte Auflage., Bd. 1 of Biblischer Commentar über das Alte Testament (Leipzig: Dörffling und Franke, 1878), 140.
    Unter den Nachkommen Arpachsads erhielt Ebers ältester Sohn seinen Namen Peleg (פֶּלֶג) daher, daß zu seiner Zeit die Erde d.i. die Erdbevölkerung sich teilte, in Folge des babylonischen Thurmbaues 11,8
    ↩︎
  3. Vgl. Abraham Meister, „Peleg“, in Biblisches Namenlexikon (Pfäffikon ZH, Schweiz: Verlag Mitternachtsruf, 1991), 270.2824.
    Peleg = «Teil, Teilung». Nachkomme von Sem (1. Mose 10, 25; 11, 16ss, 1. Chron. 1, 19. 25). Vgl. das Wortspiel: «Denn in seinen Tagen wurde die Erde geteilt» (1. Mose 10, 25). Bei dieser Teilung wird an eine Unterscheidung der Sprachen und der Völkerstämme gedacht (vgl. 1. Mose 11, 8). Eine andere Erklärung erinnert an eine Katastrophe, durch welche das Festland der Erde auseinandergerissen sein soll. Das Erdbild einer ganzen Weltkarte spricht allem Anschein nach sehr für diese Deutung.
    Vgl. auch Fouts, “Peleg in Gen 10:25,” S. 20.
    A third view that may be developed here is that the notice of the division of the earth in the days of Peleg may instead be an incidental reference to the widespread canalization of the land of Mesopotamia. This view recognizes the semantic field of the word but limits its meaning to canals or smaller streams of water, following its primary usage in the OT. Furthermore it has cognates in both Akkadian (palgu) and Ugaritic (pig), both of which mean „canal.“ Though the idea came to me after studying the issues involved, it was published already by John Skinner15 and was more recently suggested as a possibility by Victor Hamilton.16 Can peleg assume the meaning of „canal“ or „watercourse“? There seem to be some OT contexts that would accept this rendering. Initially one thinks of Job 38:25, a creation context in which it is stated that God makes a watercourse for the flood, synonymously parallel to a way for the thunderbolt. Could this then be akin to a drainage ditch? Proverbs 21:1 refers to God turning the king’s heart as one turns „channels“ of water. How may water best be channeled if not by irrigation canals? In Deut 11:10 reference is made to watering gardens with the foot. The ancient Egyptians may have had foot pumps that were used in connection with irrigation canals. In Isa 32:2 peleg may refer to an irrigation ditch or canal in that normally dry places are watered by oases rather than naturally occurring living streams.17 The meaning „canal“ for Akkadian palgu and Ugaritic pig both might argue for that meaning at least in some of the Hebrew occurrences. 
    ↩︎

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