Genesis 9,18-29
Eigene Übersetzung
- Und die Söhne Noahs, die aus der Arche hinausgingen, waren Sem, Ham und Jafet, und Ham, er war der Vater Kanaans.
- Diese drei sind die Söhne Noahs, und von ihnen aus wurde die ganze Erde bevölkert.
- Und Noah, der Landmann, fing an, und er pflanzte einen Weinberg.
- Und er trank von dem Wein und wurde betrunken und enthüllte sich inmitten seines Zeltes.
- Und Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und erzählte es seinen beiden Brüdern draußen.
- Und Sem und Jafet nahmen den Mantel und legten ihn auf ihre Schultern und gingen rückwärts und verbargen die Nacktheit ihres Vaters, und ihre Gesichter waren rückwärtsgewandt, und sie sahen die Blöße ihres Vaters nicht.
- Und Noah erwachte von seiner Trunkenheit und erkannte, was sein jüngster Sohn ihm angetan hatte.
- Und er sprach: Verflucht sei Kanaan, ein Sklave der Sklaven sei er für seine Brüder.
- Und er sprach: Gesegnet sei Jahwe, der Gott Sems, und Kanaan sei sein Sklave!
- Gott schaffe Jafet weiten Raum, und er wohne in den Zelten Sems, und Kanaan sei sein Sklave.
- Und Noah lebte nach der Flut dreihundertfünfzig Jahre.
- Und alle Tage Noahs waren neunhundertfünfzig Jahre, und er starb.
Kommentar
Diese Episode aus dem Leben Noahs ist sehr umstritten. Was genau ist dort passiert?
Zuerst heißt es, dass Noah einen Weinberg pflanzte, davon trank und betrunken wurde. Manche sind der Meinung, Noah wusste es nicht besser: Vor der Flut seien Trauben nicht vergoren, und deshalb kannte er Alkohol noch nicht.
Da vieles vor der Flut anders war, ist es nicht unmöglich, dass der erste Betrunkene tatsächlich nichts davon wusste. Oder es könnte ein Hinweis auf eine posttraumatische Belastungsstörung bei Noah sein – oder irgendeine andere Reaktion auf die neue Welt. Gott hatte ihn gerettet, aber heißt das, dass für ihn nun alles gut war? Schließlich wurde die ganze Welt, die er kannte, vernichtet. Außer seiner Frau gab es niemanden mehr auf der Welt, der nicht sein Nachfahre war. Er konnte nicht wirklich einen Freund auf Augenhöhe haben.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass dies alles Spekulation ist. Der Text sagt nicht, warum Noah sich betrank.
Und gleich geht es weiter mit dem, was Ham getan hat – und auch hier wird wieder viel spekuliert:1 Was hat Ham so Schlimmes getan?
Der Talmud vertritt die Sicht, dass Ham seinen Vater kastriert haben soll, damit keine weiteren Nachkommen kommen, unter denen das Erbe aufgeteilt wird.
Andere glauben, dass er ihn vergewaltigt habe. Dies basiert darauf, dass Noah davon spricht, dass er ihm etwas „angetan“ habe, und dass die Bibel an anderer Stelle das Aufdecken der Blöße mit sexueller Aktivität verbindet. Der Gedanke dahinter ist nicht unbedingt homosexuelles Verlangen, sondern vielmehr eine Ehrenfrage: Jemanden durch Vergewaltigung zu erniedrigen und sich dadurch über ihn zu stellen.
Eine dritte, unter christlichen Alttestamentlern recht verbreitete Auslegung ist, dass Ham seine Mutter vergewaltigt habe. Dies basiert vor allem auf Versen wie Levitikus 18,8, wo es heißt: „Die Blöße der Frau deines Vaters sollst du nicht aufdecken; es ist die Blöße deines Vaters“ (ELB). Hier könnte es ehrmäßig um eine ähnliche Thematik gehen wie bei der Vergewaltigung des Vaters, wie man sie z. B. in der Geschichte Absaloms sieht (vgl. 2Sam 16,21–22).
In diesem Fall gehen manche dann davon aus, dass Kanaan das Kind gewesen sein könnte, das aus dieser Vergewaltigung entstanden ist. Das würde helfen zu erklären, warum Kanaan an Hams statt verflucht wird.
Insgesamt faszinierende Auslegungen – und es stimmt, dass die Bibel an manchen Stellen unangemessene Dinge mit einer Art Codesprache umschreibt, statt sie direkt zu benennen.
Hier scheint mir die Spekulation jedoch zu weit zu gehen. Der Text ist relativ detailliert, was gegen eine solche Codesprache spricht. Zumal einige der benannten Details überhaupt nicht dazu passen.
Zum einen ist das erwähnte „Codewort“ das Entblößen der Blöße eines anderen. Würde es von einer Vergewaltigung des Vaters oder der Mutter sprechen, hätte man erwarten können, dass Ham aktiv entblößt hätte – nicht, dass der Vater bereits entblößt dalag und er ihn nur gesehen hätte. Zumal die Interpretation, dass er seine Mutter vergewaltigt hätte, überhaupt nicht in das Szenario passt: Was hat ein nackt im Zelt liegender Vater damit zu tun, dass seine Frau vergewaltigt wurde?
Auch die Reaktion der beiden Brüder scheint auf etwas anderes hinzuweisen. Warum gehen sie rückwärts ins Zelt und bedecken ihren Vater, wenn nicht dann, weil sein nackt im Zelt Liegen wirklich das Problem ist?
Wäre es eine Kastration oder eine Vergewaltigung gewesen, die am nackten Vater vollzogen wurde, hätten sie ihn auch einfach normal bedecken können, ohne die Betonung des umständlichen rückwärts Gehns. Und falls die heute bei einigen Alttestamentlern beliebte Version stimmen sollte, dass Ham seine Mutter vergewaltigt habe, erscheint das noch unsinniger: Wie hilft es dem Vater, dass zwei Söhne rückwärtsgehend ihn bedecken, wenn eigentlich seine Frau betroffen wäre?
Deshalb scheint mir die einfache Lesart auch die beste zu sein. Das Problem war dabei wahrscheinlich nicht, dass Ham seinen Vater versehentlich nackt gesehen hatte, sondern dass er es weitererzählte, sich eventuell darüber lustig machte und damit die Ehre seines Vaters verletzte.
Warum der Fluch dann Kanaan trifft und nicht Ham, sagt der Text ebenfalls nicht klar. Manche glauben, Kanaan habe in besonderer Weise die negativen Charakterzüge seines Vaters widergespiegelt, was vielleicht zu den Andeutungen auf die kanaanitische Religion in späteren Texten passt. Andere ziehen eine Verbindung dazu, dass Kanaan Hams jüngster Sohn war, so wie Ham Noahs jüngster Sohn war.
Für mich ist es eine der vielen Fragen, die in biblischen Geschichten offen bleiben. Oft wird einfach berichtet. Es ist auch nicht klar, ob der Fluch von Gott so gewollt war. Auch an anderen Stellen berichtet die Bibel von Dingen, die seine Auserwählten tun, die offensichtlich nicht Gottes Wille sind, und nicht selten bleibt so etwas unkommentiert. Das könnte auch hier der Fall sein.
Das Ganze endet dann aber doch mit etwas Positivem: mit Segen. Dabei wird jedoch nicht Sem direkt gesegnet, sondern sein Gott. Hier habe ich sehr wörtlich übersetzt, da hier dasselbe Wort verwendet wird, das sonst für Segen steht. Auf Gott bezogen ist es wohl eher im Sinn von: „Gepriesen sei der Gott Sems“ zu verstehen.
Der Segen für Jafet ist im Hebräischen ein Wortspiel. Wie bei vielen anderen Segen im Alten Testament auch bezieht sich dieser Segen auf den Namen des Gesegneten. Der Name „Jafet“ kommt von derselben Wurzel wie das Verb „weit machen“.2
Fragen zum Nachdenken
- Wie kann der zuvor so gerechte Noah jetzt betrunken daliegen?
- Wann ist es richtig, nach einer versteckten, tieferen Bedeutung zu suchen – und wann ist es besser, einfach die einfachste Lesart zu bevorzugen?
- Wie gehst du damit um, wenn der Text zu wenig Details gibt, um eine Frage endgültig zu klären? Warum könnte Gott es so gemacht haben?
Quelle
- Vgl. Kenneth O. Gangel und Stephen J. Bramer, Genesis, hg. von Max Anders, Holman Old Testament Commentary (B&H Publishing Group, 2002), 94–95.↩︎There are at least six interpretations about the nature of this crime:
1. It was an act of incest between Ham and his mother. This is based on the later use of the phrase father’s nakedness to refer to the mother as translated word for word in the NASB (e.g., Lev. 18:8). This interpretation sometimes suggests that Canaan was the result of this act of incest.
2. It was an act of homosexuality between Ham and his father. This is based on taking the phrase what his youngest son had done to him (Gen. 9:24) as referring to a physical act.
3. It was an act of trespassing by Ham into his father’s tent.
4. It was an act of castration. This view is found in the Talmud, a Jewish collection of rabbinical law, law decisions, and comments on the Laws of Moses. It is seen as a power struggle in the family.
5. It was an act in which Ham attempted to achieve authority over his father by “blackmailing” him with his indecent exposure. Ham, in this view, desired to be head of the family.
6. It was a viewing (accidental or purposeful) in which Ham did not treat his father with respect because he spoke about his condition to his brothers. - Derek Kidner, Genesis: An Introduction and Commentary, Bd. 1 of Tyndale Old Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1967), 112.↩︎The word enlarge (make space for) is the parent verb of the name Japheth (cf. comment on Shem, 26); the oracle evidently confirms the prayer made at his birth.

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