Matthäus 4,12–17

  1. Als er aber hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, zog er weg nach Galiläa.
  2. Und er verließ Nazareth, kam und ließ sich in Kapernaum nieder, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naphtali,
  3. damit erfüllt würde, was durch Jesaja, den Propheten, geredet ist, der spricht:
  4. Land Sebulon und Land Naphtali, Weg des Meeres, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen:
  5. Das Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Land und Schatten des Todes saßen, ist ein Licht aufgegangen.
  6. Von da an begann Jesus zu predigen und zu sprechen: Kehrt um, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen!

Kommentar

Dass Jesus nach der Gefangennahme Johannes’ nach Galiläa zurückkehrt, erscheint zunächst ungewöhnlich. Schließlich lag Galiläa im Herrschaftsgebiet des Herodes Antipas, also jenes Herrschers, der Johannes den Täufer gefangen genommen hatte.1 An anderen Stellen wird berichtet, dass Jesus bei zunehmenden Spannungen mit den politischen Autoritäten in weiter nördlich gelegene Gebiete unter der Herrschaft des Herodes Philippus auswich. Weshalb er hier scheinbar gegenteilig handelt, erklärt der Text selbst nicht ausdrücklich.

Eine mögliche Erklärung liegt in einer Veränderung der Art seines Dienstes. Das Johannesevangelium berichtet, dass Jesus, solange Johannes noch frei war, ebenfalls am Jordan taufte und damit einen Dienst ausübte, der dem des Täufers in vielem ähnelte. Matthäus erwähnt diesen Abschnitt nicht, doch könnte der Umzug nach Galiläa einen bewussten Wechsel markieren: weg von einem dem Täufer ähnlichen Wirken, hin zu einem eigenständigen messianischen Dienst.2

Eine weitere Erklärung könnte darin bestehen, dass Jesus sich bewusst noch weiter in das herodianische Herrschaftsgebiet hineinbegibt, seinen Dienst jedoch nach der anfänglichen Ablehnung durch Teile des jüdischen Volkes stärker in die Nähe der Heiden verlagert.3

Nachdem Matthäus bei der Taufe Jesu und bei der Versuchung in der Wüste keine expliziten alttestamentlichen Zitate eingefügt hat, sondern die Parallelen für sich sprechen ließ, greift er hier wieder auf eine ausdrücklich als Erfüllung gekennzeichnete Schriftstelle zurück. Zitiert wird Jesaja 8,23–9,1. Im literarischen und historischen Kontext dieses Abschnitts wird deutlich, dass es sich um eine messianische Verheißung handelt.

Die hier beschriebene „Finsternis“ bezieht sich vermutlich auf das Leid infolge der assyrischen Eroberung. Sebulon und Naphtali hatten gemeinsam mit den übrigen Nordstämmen die davidische Königslinie verworfen und sich von Gott abgewandt. Dennoch hatte Gott ihnen durch den Propheten Jesaja zugesagt, dass auch sie das Licht des davidischen Messias sehen würden.4

Vers 17 könnte auf den ersten Blick so verstanden werden, als beginne Jesus hier erstmals mit seiner Verkündigung, obwohl er nach dem Johannesevangelium bereits zuvor öffentlich wirkte. Der griechische Ausdruck ist jedoch klar temporal zu verstehen („von da an“). Möglich ist jedoch, dass Matthäus diese Formulierung bewusst wählt, um einen markanten Einschnitt zu kennzeichnen: keinen bloßen Ortswechsel oder eine Fortsetzung des bisherigen Wirkens, sondern einen tatsächlichen Neustart des Dienstes.5

Trotz dieses Neubeginns ist die Botschaft Jesu keine neue. Man könnte erwarten, dass der Messias mit einer völlig originellen, bislang unbekannten Verkündigung auftritt. Stattdessen entspricht seine Botschaft inhaltlich genau derjenigen Johannes’ des Täufers. Der messianische Dienst beginnt nicht mit einer sensationellen Neuerung, sondern mit der erneuten, nun autoritativen Verkündigung derselben grundlegenden Botschaft.6


Fragen zum Nachdenken

  1. Wann ist ein vollständiger Neustart sinnvoller als die Weiterführung bestehender Strukturen?
  2. Warum empfingen die Regionen, die Gott abgelehnt hatten, dennoch die Verheißung des Messias?
  3. Warum verzichtet der Messias auf eine „neue“, spektakuläre Botschaft?

Quellen

  1. Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 206.
    Allerdings birgt der Begriff ἀνεχώρησεν [anechōrēsen] ein gewisses Rätsel. Warum kehrte Jesus (oder muss man übersetzen „entwich“?) ausgerechnet nach Galiläa zurück, wo der Johannesgegner Herodes Antipas regierte? Warum ging er nicht in die Dekapolis oder ins Gebiet des Philippus?
    ↩︎
  2. R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 140.
    This “withdrawal” (see above n. 2) was in part a matter of political wisdom: in view of John’s conflict with Antipas (see on 3:1 for his probable location in Antipas’ Perean territory) his “successor” could not expect to be safe in the same area, especially if, as Josephus tells us (Ant. 18:118), Antipas saw the baptizing movement as a potential source of sedition. Galilee was, of course, also under Antipas, but an itinerant preacher touring the Galilean villages was a less obvious target for political concern than John’s centripetal campaign by the Jordan. News of John’s fate will again cause Jesus to “withdraw” in 14:13.
    ↩︎
  3. William MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament, übers. von Christiane Eichler, 7. Auflage. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018), 37–38.
    »Als er aber gehört hatte, dass Johannes (d. h. Johannes der Täufer) überliefert worden war«, erkannte er, dass dies ein Vorzeichen seiner eigenen Verwerfung war. Wenn die Angehörigen des Volkes den Vorläufer des Königs ablehnte, dann lehnten sie damit praktisch auch den König ab. Aber es war nicht Angst, die ihn in den Norden nach »Galiläa« trieb. In Wirklichkeit begab er sich in die Mitte des herodianischen Reiches – in das Reich des gleichen Königs, der gerade erst Johannes ins Gefängnis geworfen hatte. Indem er in das Galiläa der Heiden ging, zeigte er, dass seine Verwerfung durch die Juden dazu führen würde, dass das Evangelium den Heiden gepredigt wird.
    ↩︎
  4. Willem A. VanGemeren, „Isaiah“, in Evangelical Commentary on the Bible, Bd. 3 of Baker reference library (Grand Rapids, MI: Baker Book House, 1995), 482.
    In 733 b.c., Tiglath-pileser III besieged Damascus, invaded the region of Galilee, including Zebulun and Naphtali, and incorporated it into his kingdom (2 Kings 15:29) in fulfillment of God’s Word. “Gloom” and “distress” result from oppression and separation from Yahweh’s covenantal love. But the Lord will graciously turn humiliation into glory. How? By the coming of the Messiah of David (9:1–7). Although the northern tribes had rejected David’s dynasty in favor of Jeroboam (1 Kings 12:1–20), their salvation will come from the very one whom they rejected. The new era will be characterized by great joy. The Messiah will free his people from their enemies and bring the actualization of the Davidic ideal.
    ↩︎
  5. R. T. France, Matthew: an introduction and commentary, Bd. 1 of Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 108.
    From that time indicates a fresh start, a new phase of Jesus’ activity (see p. 62 for the importance of this verse in the structure of the Gospel). At the heart of this new ministry is proclamation of a message identical with that of John the Baptist (3:2), and later to be echoed by Jesus’ disciples (10:7). Jesus calls for a decisive response (see on 3:2 for repent) to a new situation, the arrival in his ministry of the kingdom of heaven (again see on 3:2; and pp. 48–50).
    ↩︎
  6. Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, hg. von Gerhard Maier, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 78.
    Dennoch hat auch Matthäus eine Parallelität zwischen Jesus und dem Täufer in der Sache bewahrt: nämlich im Inhalt der Predigt. Das »Kehrt um! Denn die Gottesherrschaft ist nahe herbeigekommen« ist wörtlich beim Täufer zu finden (3, 2) ebenso bei den ersten missionierenden Jüngern (10, 7). In dem Ruf zur Umkehr und in der Aussage von der Nähe des Endes dieses Äons stimmen Täufer, Jesus und Jesu Gemeinde überein! Aber in der Hilfe, die gegen Gottes Zorn und Gericht geboten wird, unterscheiden sich der Täufer und Jesus natürlich. Der Täufer wies auf den kommenden Erlöser hin. Jesus aber sprach von sich selber als dem, der sein Leben zu einer Erlösung für viele gibt (Matth 20, 28). Jesus bietet sich selbst als Hilfe gegen Sünde und Gericht an – eine Hilfe, die der Täufer nicht geben konnte.
    ↩︎

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