Genesis 9,1–7

Eigene Übersetzung

  1. Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde.
  2. Und eure Furcht und euer Schrecken seien auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels, mit allem, was auf der Erde wimmelt, und allen Fischen des Meeres; in eure Hand seien sie gegeben.
  3. Alles Gewimmel, in dem Atem des Lebens ist, sei euch zur Nahrung. Wie das grüne Kraut gebe ich euch alles.
  4. Nur Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen.
  5. Doch euer Blut für eure Seelen werde ich heimsuchen: von allen Tieren werde ich es heimsuchen und von der Hand des Menschen, von der Hand eines Mannes, seines Bruders, werde ich die Seele des Menschen heimsuchen.
  6. Wer das Blut eines Menschen ausgießt, durch den Menschen soll sein Blut ausgegossen werden, denn im Ebenbild Gottes hat er den Menschen gemacht.
  7. Und ihr, seid fruchtbar und mehret euch und wimmelt auf der Erde und werdet zahlreich auf ihr.

Kommentar

Nach der Flut hat sich einiges zwischen Mensch und Tier verändert – zumindest scheint es so. Im Garten Eden wurde dem Menschen der Auftrag gegeben, über die Tiere zu herrschen. Dass ihnen nun die Furcht und der Schrecken vor dem Menschen auferlegt wird, lässt vermuten, dass die Herrschaft zuvor einvernehmlicher war.1

Als Nomen kommen die hier verwendeten hebräischen Worte nicht oft in der hebräischen Bibel vor: Furcht (מוֹרָא) 11×, davon mehrfach auf Gott bezogen im Sinne von Ehrfurcht. Schrecken (חַת) nur ein weiteres Mal in Hiob 41,25 in Bezug auf den Leviathan, der keinen Schrecken hat. Dass Gott dann auch auf das Blutvergießen eingeht, lässt vermuten, dass diese Veränderung auch zum Schutz des Menschen stattfindet.

Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass ihm die Tiere jetzt zur Nahrung gegeben werden, welche die ursprüngliche, rein pflanzliche Ernährung ergänzt.

Das Wort, das hier für Tiere verwendet wird, ist jedoch ungewöhnlich. Sonst wird Gewimmel (רֶ֫מֶשׂ) auf Landtiere bezogen immer als eine getrennte Gattung von den Feldtieren, den Vögeln und den Wildtieren gesehen. Vermutlich beinhaltet diese Gruppe Reptilien und Insekten.2 Das Wort kommt von einer Wurzel, die sich auf kriechen oder schleichen bezieht, wird aber auch für Fische verwendet, die durchs Wasser huschen.3

Dass Gott dem Menschen hier nur Reptilien und Insekten zur Nahrung gegeben hätte – Tiere, die für Israel unrein waren – scheint eher unwahrscheinlich. Es könnte hier einfach anders als Zusammenfassung für alle Tiere stehen, da sich ja alle irgendwie bewegen. Vielleicht ist dieses Wort gewählt, um im Kontrast zu den unbeweglichen Pflanzen zu stehen.

Manche sind der Meinung, dass Gott Noah nur das Essen reiner Tiere erlaubt hat,4 schließlich wird hier bereits zwischen rein und unrein unterschieden. In der Erlaubnis zu essen, die Gott Noah gibt, ist das jedoch nicht klar erkennbar. Zwar fällt es auf, dass Noah je sieben Paare von den reinen Tieren nahm und somit von ihnen viel mehr da gewesen wären, um sie zu essen – so, als wären sie auch dafür geplant gewesen –, es kann aber auch sein, dass Gott dennoch alles zu essen erlaubt,5 dafür würde sprechen, dass hier ein Wort verwendet wird, das meist für Tiergruppen gebraucht wird, die unrein sind. Rein und unrein könnte sich dann nur auf „geeignet zum Opfer“ beziehen.

Klar ist in jedem Fall: Der Mensch kommt hier in eine besondere Position. Tiere dürfen zu Nahrungszwecken getötet werden, Menschen dürfen nicht getötet werden – weder von Mensch noch von Tier.

Interessanterweise sagt Gott, dass er das Blut heimsuchen wird, dann aber davon spricht, dass das Blut des Menschen vom Menschen heimgesucht wird – er also nicht durch übernatürliche Mittel straft. Hier sehen wir etwas, das wir selbst immer wieder beobachten, wenn wir die Welt betrachten: In vielen Fällen greift Gott nicht aktiv ein.

Dass das Blut des Blutvergießers vom Menschen vergossen werden wird (oder soll), könnte sich auf Konsequenzen gegenseitiger Gewalt beziehen. Wahrscheinlicher ist aber, dass es Gottes Aufforderung ist, dass der Mensch Gericht vollzieht. Dann würde es hier bedeuten: Mörder sollen mit der Todesstrafe bestraft werden.6 Ein interessanter Kontrast dazu, wie Gott zuvor mit Kain handelte: Als Kain seinen Bruder tötete, gab Gott ihm ein Zeichen, um ihn davor zu schützen, dass jemand ihn als Rache umbringen würde.

Diese Veränderungen und Anweisungen sind eingebettet in zweimal denselben Segen (wenn auch mit leicht unterschiedlichen Worten): Genauso wie Gott nach der Schöpfung den Menschen segnete, fruchtbar zu sein und die leere Erde zu füllen, so sollen Noah und seine Familie wieder fruchtbar sein und die nun wieder leere Erde füllen.


Fragen zum Nachdenken

  • Wieso wird rein und unrein hier nicht mehr erwähnt?
  • Warum wird Blut generell verboten?
  • Warum führt Gott hier die Todesstrafe ein?

Quellen

  1. Vgl. K. A. Mathews, Genesis 1-11:26, Bd. 1A of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1996), 400–401.
    Since 1:28 forms the background to the blessing (9:1), it is striking that the charge to “subdue” and “rule” (1:28b) is absent. This admits that the new circumstances of the sin-burdened world have altered this aspect of the Adamic blessing, which now will be difficult to accomplish in the hostile environs of the new world. The language of “beasts,” “birds,” creeping “creature,” and “fish” mirrors the first divine command as well as the original commissioning on dietary practices[…]
    To insure that animal life will not be a threat to the human family, the Lord endows the animal population with a “fear and dread” of human beings, enabling mankind to exercise a limited authority over them. As noted by Calvin, “The providence of God is a secret bridle to restrain their violence.” This appears remarkably different from the relationship that the first man and woman enjoyed in the garden with their animal residents (2:19–20).
    ↩︎
  2. Wilhelm Gesenius u. a., in Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, hg. von Frants Buhl (Leipzig: F. C. W. Vogel, 1915), 763.
    רֶ֫מֶשׂ (v. רמשׂ; nh. רֶמֶשׂ, רֶמֶס, pl. רְמָשִׂים) m.coll. die auf d. Erde kriechenden Tiere Gn 1 24. 26. 6 7. 7 14. 8 17. 19. 1 K 5 13. Ez 8 10. 38 20. Hab 1 14. Ps 148 10; (Sir 10 11 Würmer); רֶמֶשׂ הָאֲדָמָה Gn 1 25. 6 20. Hos 2 20, v. d. Wassertieren Ps 104 25, überh. v. allem, was sich auf Erden regt Gn 9 3.
    ↩︎
  3. Wilhelm Gesenius u. a., in Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, hg. von Frants Buhl (Leipzig: F. C. W. Vogel, 1915), 762–763.
    רמשׂ chr. pal. ܪܡܣ kriechen, vgl. ar. رمش mit den Fingerspitzen betasten, leise berühren, syr. ܪܡܺܝܣܴܐ weich, sanft, u. viell. ass. namâšu Ift. aufbrechen, fortgehen (viell. ertamši er schleicht ein Amarna 88 18, s. Gl. S. 1497), nammaššû Gewimmel (v. Menschen u. Tieren).
    Ḳal impf. תִּרְמֹשׂ; pt. רֹמֵשׂ, רוֹ׳, f. רֹמֶ֫שֶׂת — schleichen, kriechen, v. d. Kriechtieren, m. עַל Gn 1 26, 30. 7 8. 14. 8 17. Lv 11 44. Ez 38 20, mit בְּ Dt 4 18. M. d. acc. (Ges. § 117z) v. etw. wimmeln: אֲשֶׁר תִּרְמֹשׂ הָאֲדָמָה wovon die Erde wimmelt Gn 9 2. Lv 20 26. V. d. Tieren, die im Wasser wimmeln Gn 1 21, m. בְּ Lv 11 46. V. d. Raubtieren, die in der Nacht umherschleichen Ps 104 20. Dann überhaupt v. d. Tieren: sich regen Gn 1 28. 7 21. 8 19, m. בְּ Ps 69 35.
    ↩︎
  4. Vgl. Francis D. Nichol, Hrsg., The Seventh-day Adventist Bible Commentary (Review and Herald Publishing Association, 1978), 256.
    Whatever the exact explanation may be, it is obvious that more clean animals were to find room in the ark than unclean. Foreseeing the need for emergency food after the Flood had destroyed all vegetation, God knew man would need to eat, temporarily, the flesh of clean animals. Furthermore, they were needed for sacrificial purposes. For these obvious reasons God made provision to preserve enough clean animals that they might not become extinct. That in His first instructions to Noah (ch. 6:19) God made no distinction between clean and unclean animals can be explained by the fact that at that time, 120 years before the Flood, such minute instructions were not necessary.
    ↩︎
  5. Vgl. James B. Jordan, Pig Out? 25 Reasons Why Christians May Eat Pork (Niceville, FL: Transfiguration Press, 1992), 11.
    In Genesis 9:3–4, God states, “Every moving thing that lives shall be food for you. I have given you all things, even as the green herbs. But you shall not eat flesh with its life, its blood.”
    Notice first that in context, this includes both “clean” and “not clean” animals (Gen. 7:2), so clearly all animals of all kinds are included. Only clean animals were acceptable for sacrifice (Gen. 8:20), but all animals might be eaten.
    Second, the only prohibition is on drinking blood. If God had intended to forbid pork, He would have done so here.
    So, the questions are these: Did God care about Noah’s health? Was God recommending unhealthy food to Noah? The answers to these questions are obvious. If the intention of the dietary laws was hygienic, they would have been given at this point, at the point when meat was first allowed to be eaten.
    ↩︎
  6. Vgl. Carl Friedrich Keil und Franz Delitzsch, Commentary on the Old Testament (Peabody, MA: Hendrickson, 1996), 96–97.
    The life of man was thus made secure against animals as well as men. God would avenge or inflict punishment for every murder,—not directly, however, as He promised to do in the case of Cain, but indirectly by giving the command, “Whoso sheddeth man’s blood, by man shall his blood be shed,” and thus placing in the hand of man His own judicial power. “This was the first command,” says Luther, “having reference to the temporal sword. By these words temporal government was established, and the sword placed in its hand by God.”
    ↩︎

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