Genesis 3,16
Eigene Übersetzung
- Zur Frau sprach er: Überaus zahlreich werde ich deine Mühsal und deine Schwangerschaft machen. In Mühen wirst du Kinder haben, und nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, und er wird über dich herrschen.
Kommentar
Der Fluch für die Frau bildet einen eigenen kleinen Abschnitt. Das traditionelle Verständnis des Textes und die gängigen Übersetzungen sollten hier jedoch hinterfragt werden.
Meist wird übersetzt: „Ich werde die Schmerzen/Mühsal deiner Schwangerschaft stark vermehren.“ Das mag möglich sein, doch die Grammatik scheint zwei Dinge zu nennen, die vermehrt werden: die Mühen UND die Schwangerschaft.
Das ältere Gesenius-Wörterbuch argumentiert, dass „Mühen“ und „Schwangerschaft“ tatsächlich die Mühen der Schwangerschaft meinen.1Wilhelm Gesenius u. a., Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, hg. von Frants Buhl (Leipzig: F. C. W. Vogel, 1915), 610.
Das Theologische Wörterbuch zum Alten Testament (THWAT) hingegen bemerkt, dass das Nomen ‛iṣṣāḇôn (מַצָּבוֹן „Mühsal“) in Genesis 3,17 und 5,29 sich ausdrücklich auf physische Arbeit bezieht, nicht auf Schmerz. Und nicht alle Schwangerschaften verlaufen schmerzhaft – manche Frauen erleben sie sogar angenehmer als die Zeit mit Regelschmerzen.
Daher argumentiert das THWAT, dass der Text eher von allgemeiner Mühsal/Arbeit und der Anzahl der Schwangerschaften spricht.2C. Meyers, „עָצַב“, in Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, hg. von Heinz-Josef Fabry (Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1989), 6:300–301.
Auch im zweiten Teil wird angemerkt, dass „Kinder haben“ nicht zwingend den Geburtsvorgang meint, sondern auch das Zeugen oder ganz allgemein das Haben von Kindern meinen kann.3ebd.
Wenn das zutrifft, besteht der Fluch also nicht im Schmerz, sondern in der (mental) anstrengenden Arbeit, die Haushalt und Kindererziehung mit sich bringen – eine passende Parallele zu Adams Fluch, dem ebenfalls die Mühsal seiner Arbeit vermehrt wird.
Es scheint hier ein Parallelismus vorzuliegen, der andeutet, dass beide Ausdrücke denselben Sachverhalt in unterschiedlichen Worten beschreiben. Etwas herausfordernd bleibt jedoch die Interpretation des THWAT für den zweiten Abschnitt: Nach dem Verb „Kinder haben“ steht noch das Nomen „Söhne“.
Ohne eine vollständige Studie der hebräischen Sprachverwendung durchgeführt zu haben, würde mein bisher gewachsenes Sprachgefühl erwarten, dass „Kinder haben“ (ohne Bezug auf Schwangerschaft/Geburt) kein weiteres Objekt mehr hätte. Ist jedoch die Schwangerschaft bzw. Geburt gemeint, liegt das traditionelle Verständnis näher.
Interessanterweise betont ein anderer Artikel im THWAT, dass die Geburt eines Menschen seit der Schwangerschaft mit Schmerzen verbunden ist – dies gehöre zur menschlichen Anatomie.4Heinz-Josef Fabry, „חבל“, in Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, hg. von G. Johannes Botterweck, Helmer Ringgren und Heinz-Josef Fabry (Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1977), 719.
Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte: Der Text meint tatsächlich die Schwangerschaften, doch der Fokus liegt auf Mühen und Anzahl, nicht (nur) auf dem Geburtsschmerz, der beim Menschen – anders als bei vielen Tieren – anatomisch bedingt ist.
Als weitere Konsequenz wird nun eine Hierarchie zwischen Mann und Frau erwähnt. In der ursprünglichen Schöpfung erscheint keine solche Ordnung; erst mit dem Einzug der Sünde entsteht sie.
Einige Männer leiten daraus ab, dass Männer generell über Frauen stehen und Frauen niemals Autorität über Männer haben dürften. Das sagt der Text jedoch nicht. Es geht hier eindeutig um die Frau und ihren (!) Mann, also die Ehe, nicht um alle gesellschaftlichen Strukturen.
Manche moderne Ausleger verstehen diese Aussage weniger als göttliche Anordnung, sondern eher als Feststellung, wie die Zukunft aufgrund der Sünde aussehen werde.5Fritz Rienecker u. a., Hrsg., „Frau“, in Lexikon zur Bibel (Witten: SCM R. Brockhaus, 2017), 345.
Sprachlich wäre das möglich, da Hebräisch für Anordnung und Vorhersage dieselben Formen nutzt. Doch erscheint mir dies eher als ein Hineinlesen moderner Diskussionen in den Text. Wahrscheinlicher ist, dass Gott hier eine gewisse Ordnung setzt, weil in einer gefallenen Welt keine vollkommene Einheit mehr existieren kann und jede Struktur – einschließlich der Ehe – irgendeine Form von Hierarchie benötigt.
Fragen zum Nachdenken
- Was würde es für uns bedeuten, wenn der Text von der Anzahl der Schwangerschaften und den Mühen der Haushaltsarbeit spricht?
- Wie siehst du den letzten Satz an Eva? Fluch, Vorhersage oder Vorsorge?
- 1Wilhelm Gesenius u. a., Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, hg. von Frants Buhl (Leipzig: F. C. W. Vogel, 1915), 610.
- 2C. Meyers, „עָצַב“, in Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, hg. von Heinz-Josef Fabry (Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1989), 6:300–301.
- 3ebd.
- 4Heinz-Josef Fabry, „חבל“, in Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, hg. von G. Johannes Botterweck, Helmer Ringgren und Heinz-Josef Fabry (Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1977), 719.
- 5Fritz Rienecker u. a., Hrsg., „Frau“, in Lexikon zur Bibel (Witten: SCM R. Brockhaus, 2017), 345.
Verlinkte Beiträge