Genesis 13,14-18

Eigene Übersetzung

  1. Und Jahwe sprach zu Abram, nachdem Lot sich von ihm getrennt hatte: Erhebe doch deine Augen und sieh von dem Ort aus, wo du bist, nach Norden, Süden, Osten und Westen.
  2. Denn das ganze Land, das du siehst, werde ich dir und deinem Samen für ewig geben.
  3. Und ich werde deinen Samen machen wie den Sand der Erde; wenn ein Mensch den Sand der Erde zählen kann, dann wird auch dein Same gezählt werden können.
  4. Steh auf und durchschreite das Land in seiner Länge und in seiner Breite, denn dir werde ich es geben.
  5. Und Abram schlug seine Zelte auf, kam nach Hebron und wohnte bei der Eiche von Mamre. Dort baute er einen Altar für Jahwe.

Personen

Abram (אַבְרָם) – Hoher Vater
Lot (לוֹט) – Schekel (Gewicht für Edelmetalle)

Gedanken zum Text

Abram ließ Lot den besseren Teil wählen – zumindest schien dieser zur damaligen Zeit fruchtbarer zu sein. Doch dann sprach Gott zu ihm und versprach ihm alles.

Auf den ersten Blick klingt das nach einem großartigen Versprechen. Doch wenn man bedenkt, dass es sich erst viele Generationen später erfüllen sollte, wird klar: Es war nicht für Abram persönlich bestimmt. Für einen modernen Individualisten mag das schwer nachzuvollziehen sein, doch in einer kollektivistischen Kultur hatte eine solche Verheißung eine ganz andere Bedeutung. Damals war das Denken viel stärker auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Im Alten Testament gibt es daher mehr Verheißungen für Gruppen als für Einzelpersonen. Ebenso wurden nicht nur Individuen, sondern oft ganze Völker gesegnet oder bestraft, abhängig vom Handeln Einzelner.

Diese kulturelle Prägung könnte erklären, warum manche den Gott des Alten Testaments als „anders“ empfinden als den des Neuen Testaments. Er sprach zu Menschen mit einem Weltbild, das sich deutlich von unserem unterschied. Für sie war eine kollektive Strafe oder ein kollektiver Segen selbstverständlich, während wir heute eher individuell denken.

Auch im Neuen Testament finden sich noch kollektivistische Elemente, doch die Kultur war zu dieser Zeit bereits individualistischer geprägt als in den früheren Zeiten des Alten Testaments.

Über die Himmelsrichtungen

Im Hebräischen sind die Richtungsangaben stark an das Land Kanaan gebunden. Besonders die Begriffe für Süden und Westen ergeben außerhalb Israels wenig Sinn:

  • Süden wird oft mit „Negev“ gleichgesetzt, da sich dort die gleichnamige Wüstenregion befindet. Doch als Abram von Ägypten nach Kanaan zog, lag der Negev eigentlich im Norden – eine Übersetzung als „Süden“ wäre an dieser Stelle also irreführend.
  • Westen bedeutet wörtlich „Richtung Meer“. In Israel ist das naheliegend, da das Mittelmeer im Westen liegt. Anderswo hätte diese Bezeichnung aber keine Bedeutung.

In Ur, wo Abram ursprünglich lebte, müssen andere Begriffe für die Himmelsrichtungen verwendet worden sein. Besonders der Ausdruck „Richtung Negev“ wäre dort unsinnig. Auch die Gespräche zwischen Abram und Gott müssen daher ursprünglich in einer anderen Sprache stattgefunden haben. Das Hebräische, das wir in der Bibel lesen, ist also bereits eine Übersetzung.

Fragen zum Nachdenken

  • Wie würdest du reagieren, wenn Gott dir ein Versprechen für zukünftige Generationen gibt, das du selbst nicht erleben wirst? Welche Bedeutung hätte es für dich?
  • Hast du dich schon einmal mit Kollektivismus beschäftigt? Hilft dir dieses Konzept, das Alte Testament besser zu verstehen?
  • Was denkst du über die Überlegungen zur hebräischen Sprache, den Richtungsangaben und das Abram wohl eine andere Sprache gesprochen haben muss?

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