Matthäus 10,16
Bibeltext (Menge Übersetzung)
- Bedenket wohl: ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!«
Kommentar
Dieser Spruch Jesu könnte ein Übergang sein zwischen dem Sendungsauftrag an die Zwölf und der Sammlung an Sprüchen über die generelle Mission nach Pfingsten, die folgt. Auch die Bibelübersetzer sind sich nicht ganz sicher, wo er eher hingehört, sodass manche ihn zum Abschnitt davor und andere zum Abschnitt danach hinzufügen. Möglicherweise hat Jesus ihn den Jüngern bei der Aussendung der Zwölf direkt mitgegeben. Dennoch scheint es, dass es sich hier um ein allgemeines Prinzip für alle Christen handelt und, anders als die vorherigen Teile des Auftrags, nicht exklusiv für die Zeit vor Jesu Tod und Auferstehung gedacht war.
Das Bild eines Schafes, das unter Wölfe gesendet wird, ist sehr stark. Das Gleiche haben auch Rabbiner über Israel gesagt. Sie haben Israel als Schaf gedeutet, das unter 70 Wölfen – der Vollzahl der Nationen – lebt.1 Diese Tradition aus der Mischna ist mit einem Spruch von Jehoschuaʿ verbunden, der jedoch erst etwa 90 n. Chr. gelebt hat. Es ist also möglich, dass diese Tradition erst nach Jesus entstanden ist – es ist aber auch möglich, dass sie auf eine ältere mündliche Überlieferung oder einen alten Spruch zurückgeht.2
Als Schaf unter Wölfe zu gehen, bedarf auch besonders viel Mut, Leichtsinn oder Vertrauen in den Hirten. Hier liegt der Fokus klar auf Letzterem: Jesus schickt seine Nachfolger zwar wie Schafe unter die Wölfe, aber er selbst ist der Hirte, der sie dort beschützt und leitet – auch wenn er sie nicht frei von Not lässt.3
Auch die Idee „klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ gibt es in der jüdischen Tradition.4 Doch auch diese könnte als Reaktion auf die Aussage Jesu entstanden sein. Eventuell ist aus Jesu Aussage ein Sprichwort geworden, das Jehuda ben Simon später aufgegriffen hat.
Für den Rabbi lag der Fokus darauf, ohne Falsch vor Gott, aber listig vor den Heiden zu sein.
Hier ist Jesu Aussage wohl anders zu verstehen. Er spricht von Klugheit, nicht von List. Auch zeigt Jesu Bergpredigt klar, dass wir unser Licht vor den Menschen leuchten lasen sollen. „Ohne Falsch“ bezieht sich also schon auf das ganze Leben, nicht nur auf den gottesdienstlichen Teil. Die Taube wird fast überall in der Bibel positiv konnotiert, mit Ausnahme von Hos 7,11. Die Schlange hingegen negativ. Da die Klugheit der Schlange jedoch mit der Gerechtigkeit der Taube verbunden wird, zeigt dies, dass auch diese Klugheit nicht negativ gemeint sein kann – und auch hier keine listige Klugheit gemeint ist, wie Jehuda sie versteht.
Insgesamt sehen wir auch das Verständnis, dass alles in Gottes Schöpfung erst einmal gut war. Auch die Schlange mit ihrer Klugheit wurde gut geschaffen und hätte diese fürs Gute nutzen können – wie auch Satan seine Stellung und Schönheit zum Guten hätte nutzen können. Die ganze Schöpfung hat hier die freie Entscheidung, die guten Gaben Gottes zum Guten oder zum Schlechten zu nutzen.5
Weil die Jünger wie Schafe unter Wölfen sind, müssen sie dennoch ihre Gerechtigkeit behalten, aber zugleich sehr klug entscheiden können, da jeder falsche Schritt dazu führen kann, dass sie zerrissen werden. In diesem Kontext könnte die Klugheit der Schlange mit ihrer Fähigkeit verbunden sein, Gefahr zu erkennen und schnell zu verschwinden – die Verbindung zwischen der Schlange mit ihrer Fähigkeit zu fliehen hat auch schon Johannes der Täufer in Mt 3,7 genutzt.6 Dies würde gut in den Kontext passen. Schafe werden oft als eher dumme und hilflose Tiere gesehen. Und während die Jünger keinen Auftrag haben, selbst zu kämpfen, und somit gewissermaßen hilflos sind, sollen sie keineswegs dumm sein. Wie die Schlange fähig ist, ihre Umgebung zu lesen und bei drohender Gefahr zu fliehen, sollen auch sie die Stimmung der Wölfe um sie herum gut erkennen können und entsprechend präventiv handeln.7
Anwendung
Gott gab der Schlange ihre Klugheit. Leider hat sie diese im Garten falsch verwendet. Welche Fähigkeiten und Gaben hat Gott dir gegeben? Nutzt du sie zum Guten, zum Schlechten oder nur zur eigenen Bereicherung?
Überlege dir eine Gabe, die Gott dir gegeben hat und die du noch nicht wirklich zu Gottes Ehre nutzt. Bitte Gott, dir Weisheit zu geben, wie du sie nutzen kannst – oder bitte ihn um Mut, Kraft und die Möglichkeit, es zu tun, wenn du eigentlich schon weißt, wie das geschehen könnte.
Fragen zum Nachdenken
- Wo liegt der Unterschied zwischen Klugheit und List?
- Wann ist es richtig, einer Gefahr auszuweichen, und wann sollten wir trotz der Gefahr bleiben?
- Wie kann man seine Umgebung und andere Menschen aufmerksam beobachten, ohne misstrauisch gegenüber allen zu werden?
- Was geschieht, wenn wir die Klugheit der Schlange von der Lauterkeit der Taube trennen?
Quellen
- Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch (München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, 1922–1926), 574.↩︎Hadrian sagte zu R. Jehoschuaʿ (um 90): Etwas Großes ist es um das Schaf (d. h. Israel), das unter siebzig Wölfen (den siebzig Völkern der Welt) bestehen bleibt. Er erwiderte: Groß ist der Hirte, der es errettet u. bewacht u. sie (die Wölfe) vor ihnen (Israel) niederbricht; da darf man sagen: „Jeglich Zeug, das wider dich geschmiedet wird, wird kein Glück haben
- Vgl. W. D. Davies und Dale C. Allison Jr., A critical and exegetical commentary on the Gospel according to Saint Matthew, Bd. 2 of International Critical Commentary (London; New York: T&T Clark International, 2004), 180–181.↩︎ἰδοὺ ἐγὼ ἀποστέλλω ὑμᾶς πρόβατα ἐν μέσῳ λύκων. So Lk 10:3, without ἐγώ and with ἄρνας. Compare Mt 11:10 (where ἰδοὺ ἐγὼ ἀποστέλλω is spoken by God) and 23:34 (diff. Lk 11:49); also Jer 16:16; Hab 1:6; Mal 4:5. In the redactional 7:15, the false prophets have sheep’s clothing but are inwardly ravenous wolves. 10:16, by contrast, pictures a few sheep scattered among wolves.
2 Clem. 5:2 (‘For the Lord says: You will be as ἀρνία ἐν μέσῳ λύκων’) could depend upon Luke. The image in any case was common in Jewish and Christian texts (see on 7:15). Gundry, Commentary, p. 191, appropriately writes: ‘The figure of sheep, which has recently represented the lost and shepherdless people of Israel (9:36; 10:6), now represents Jesus’ missionaries, who are threatened by the wolflike leaders of the people. Thus a certain solidarity exists between the persecuted missionaries and the harried people; both suffer from the same source’. We would add only that the leaders are the scribes and Pharisees (cf. Bonnard, p. 146).
γίνεσθε οὖν φρόνιμοι ὡς οἱ ὄφεις καὶ ἀκέραιοι ὡς αἱ περιστεραί. Compare Gen 3:1, where the serpent is φρονιμώτατος of all beasts. The articles are generic. The imperative means, ‘show yourselves to be’ (cf. 5:45).
Although without synoptic parallel, Mt 10:16b is reproduced (with ὑμεῖς δέ and without οὖν) in P. Oxy. 665 11b = Gos. Thom. 39 (the former is fragmentary). Since the imperative in Matthew is editorial, there is cause to suppose that the author of Thomas or a contributor to his tradition had been influenced by the First Gospel.60 On the other hand, Rom 16:19 is not evidence for Paul’s knowledge of the Jesus tradition but for the proverbial character of Mt 10:16b. Note Midr. Cant. on 2:4: ‘God saith of the Israelites: Towards me they are as sincere as doves, but towards the Gentiles they are as serpents’.
What exactly is meant by ἀκέραιος? The observation that the dove is ‘innocent’ because it is not a bird of prey does not take us very far. The word literally means ‘unmixed’ (LSJ, s.v.), and in its figurative usages in early Christianity it comes close to meaning ‘child-like simplicity’ (cf. Rom 16:19; Phil 2:15). D, interestingly enough, substitutes ἁπλούστατοι (cf. Mt 6:22) here. This is good interpretation. The disciple, with a single-minded devotion to duty—a devotion made manifest by a lack of equipment—has no guile. Like a child his intent is obvious to all. Such ‘simplicity’ is not inconsistent with the call for practical prudence or shrewdness (‘be wise as serpents’), whose object is simple survival (cf. 10:23).
The rabbis applied the proverbial adage about being wise as serpents and innocent as doves to Israel’s situation amidst the Gentiles. This matters because the image of sheep in the midst of wolves was similarly applied (see on 7:15). Thus one strongly suspects that the two parts of 10:16 implicitly reinterpret traditional images. The sheep are no longer the Jews but the disciples of Jesus, the wolves no longer the Gentiles but Jews hostile to the Christian mission; and those who are wise and innocent are not Jews surrounded by Gentiles but rather Jesus’ followers in a situation of persecution. As elsewhere in the First Gospel, imagery and privileges traditionally associated with Israel are now associated with the church (cf. 5:13–6; 21:43). - Vgl. R. T. France, Matthew: an introduction and commentary, Bd. 1 of Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 185↩︎This verse, while clearly appropriate for the initial sending out of the disciples, also serves to introduce the theme of persecution which will dominate the next section. Sheep in the midst of wolves are in constant danger, and have no capacity for self-defence; they depend on the shepherd (cf. John 10:12–15). Initially perhaps the wolves would be particularly the Pharisaic establishment, but the principle is relevant to Christians in all ages who must live and witness in a hostile world.
- Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch (München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, 1922–1926), 574–575.↩︎Midr HL 2, 14 (101a). Es heißt: „Meine Taube in den Felsenritzen“ HL 2, 14. R. Jehuda b. Simon (um 320) hat gesagt: Gott sprach in bezug auf die Israeliten: Bei mir sind sie einfältig (תמימים, vollkommen, unschuldig), wie die Tauben כיונים, aber unter den Völkern der Welt sind sie listig, wie die Schlangen ערומים כנהשים; das meint Dn 3, 16: „Da antworteten Schadrakh, Meschakh u. ʿAbed-Nego u. sprachen zum König Nebukadneçar.“ Wenn es heißt „zum König“, weshalb dann noch „Nebukadneçar“? Und wenn es heißt „Nebukadneçar“, weshalb dann noch „zum König“? Allein so sprachen sie zu ihm: Wenn es sich um Tribut, Kopfsteuern, öffentliche Abgaben u. Leistungen handelt, so bist du König über uns. Das wollen die Worte besagen: „Zum König Nebukadneçar.“ Wenn es sich aber darum handelt, daß du uns befiehlst, dein Götzenbild anzubeten, so bist du ein נבורכדרנצר u. Nebukadneçar ist dein Name, d. h. dieser Mann (= du) u. ein Beller (= Hund) sind für uns ein u. dasselbe. Nebukadneçar: Belle (נבו = נבה) wie ein Hund; blähe dich auf wie ein Weinschlauch (כד = קילתא „Krug“), zirpe (נצר) wie eine Grille!
- Vgl. Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über die Bücher Mose’s: Genesis und Exodus, hg. von Carl Friedrich Keil und Franz Delitzsch, Dritte, Verbesserte Auflage., Bd. 1 of Biblischer Commentar über das Alte Testament (Leipzig: Dörffling und Franke, 1878), 67.↩︎Die Schlange war listiger als alles Gethier des Feldes, das Jahve Gott gemacht hatte.“ Hiemit wird die Schlange nicht nur als ein Thier, sondern auch als ein Geschöpf Gottes bezeichnet, das gut war, wie alle Creatur Gottes. Klugheit ist eine natürliche Eigenschaft der Schlange Matth. 10,16, um deretwillen der Böse sie zu seinem Werkzeuge wählte.
- Charles L. Quarles, Matthew, hg. von T. Desmond Alexander, Thomas R. Schreiner, und Andreas J. Köstenberger, Evangelical Biblical Theology Commentary (Bellingham, WA: Lexham Academic, 2022), 257.↩︎Because of this perilous situation, disciples should be as shrewd as serpents. Although some have seen the cunning of the serpent as a reference to Satan’s clever manipulation of Eve (Gen 3:1–7), both the immediate context and other references in Matthew suggest that the serpent is an example of the wisdom to flee in the face of danger. Snakes are first mentioned in this Gospel in Matt 3:7, where John the Baptist called the Pharisees a “brood of vipers” and asked, “Who warned you to flee from the coming wrath?” John compared the Pharisee’s effort to escape God’s wrath to a nest of snakes scurrying away to escape a brush fire. Thus the command in 10:16 anticipates the explicit commands to “beware” in 10:17 and to “flee” in 10:23. The command to be as wise as serpents probably referred to having the good sense to know when to rush away from danger. Jesus now makes this explicit by commanding disciples who are persecuted in one town to flee to another town. This instruction is related to Jesus’s earlier teaching regarding those who rejected the gospel (7:6; 10:14).
- R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 390–391.↩︎Two further animal similes fill out the picture. The vulnerability of sheep is enhanced by their proverbial stupidity, but disciples are not to be like that. The snake’s instinct for self-preservation (by getting out of the way when trouble threatens) is a more helpful model. As a result of the Eden story, the snake was proverbial for cunning, and the term used here (phronimos) is the same as that used for the “craftiness” of the snake in LXX Gen 3:1. Disciples under threat are not to be helpless and gullible, but must maintain the initiative. Cf. the shrewd self-preservation of the steward in Luke 16:1–8, also described as phronimos. But in popular thought snakes are feared rather than admired (cf. 3:7; 7:10), and it is as a threat to God’s people that they appear more often in biblical literature. So Jesus here offsets that more obvious connotation of snakes by a balancing animal image, the harmlessness of doves; the disciples’ cunning is to be directed not to harming their opponents, but to their own survival and the commendation of the gospel. They need the cunning of snakes without the venom. Cf. Paul’s instructions not to repay evil with evil and to overcome evil with good (Rom 12:17–21; and cf. Rom 16:19 for a close parallel to this saying).
