Matthäus 8,23–27
Eigene Übersetzung
- Und als er an die andere Seite in die Region der Gadarener gekommen war, begegneten ihm zwei Besessene, die aus den Gräbern herauskamen. (Sie waren) sehr gefährlich, sodass niemand an diesem Weg vorbeigehen konnte.
- Und siehe, sie schrien: Was haben wir mit dir zu tun, Sohn Gottes? Bist du hierher gekommen, um uns vor der Zeit zu quälen?
- Es weidete aber in der Ferne eine große Herde Schweine.
- Die Dämonen ersuchten ihn: Wenn du uns austreibst, dann schicke uns in die Herde Schweine.
- Und er sagte ihnen: Geht hinweg. Sie aber gingen und fuhren in die Schweine. Und siehe, die ganze Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See, und sie ertranken im Wasser.
- Die Hüter aber flohen und gingen in die Stadt und verkündigten alles, auch das von den Besessenen.
- Und siehe, die ganze Stadt kam heraus, um Jesus zu treffen. Und als sie ihn sahen, ersuchten sie ihn, dass er ihre Region verlasse.
Kommentar*
Jesus kommt nach der Stillung des Sturms südlich des Sees Genezareth an. Dort begegnen ihm zwei Besessene, die aus den Gräbern kamen. Danach folgt eine Geschichte, die wir auch einmal im Religionsunterricht in der Oberstufe besprochen haben – dort eher kritisch, mit der Frage, wie Jesus hier so viele Schweine töten kann.
Tatsächlich wirkt diese Geschichte zunächst ungewöhnlich. In den meisten Berichten über Dämonenaustreibungen spricht Jesus lediglich ein Wort, woraufhin die Dämonen verschwinden. Dabei wird der Aufruhr gewöhnlich möglichst gering gehalten. In der vorliegenden Episode hingegen entsteht ein erheblicher Aufruhr, der mit dem Tod Hunderter von Schweinen endet. In dieser Hinsicht erscheint der Bericht zunächst eigenartig.
Dass die Besessenen in Gräbern wohnten, kann mehrere Gründe gehabt haben. Wahrscheinlich handelte es sich um Felsengräber (also nicht um einen modernen Friedhof), in denen man tatsächlich leben konnte. Möglich ist hier eine symbolische Verbindung zwischen Dämonen und dem Bereich des Todes. Ein Kommentator spekuliert zudem, dass sich Besessene möglicherweise an düsteren Orten wohler fühlten.1
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass die Betroffenen schlicht nicht mehr in der Stadt wohnen durften. Der parallele Bericht im Lukasevangelium scheint jedoch zu implizieren, dass der dort erwähnte Besessene (Lukas spricht nur von einer Person) nicht in seinem Haus wohnen wollte und freiwillig die Gräber aufsuchte. (Lukas 8,27)
Unabhängig davon ist es plausibel anzunehmen, dass die Bewohner der Stadt in jedem Fall erleichtert waren, dass sich diese Person nicht mehr innerhalb der Stadt aufhielt. Wenn er so gefährlich war, dass niemand den Weg passieren wollte, dürfte man ihm auch innerhalb der Stadt nur ungern begegnet sein. Neben der allgemeinen Furcht vor Dämonen und von ihnen Besessenen kam hier noch hinzu, dass diese Männer tatsächlich als gefährlich beschrieben werden.
Die Dämonen erkennen Jesus sofort und bitten ihn, sie nicht vor ihrer Zeit zu quälen. Hier stellt sich die Frage, welche Strafe sie zu welchem Zeitpunkt erwarteten. Für jüdische Leser des Matthäusevangeliums könnten hier insbesondere die Traditionen aus den Henochbüchern und dem Jubiläenbuch in den Sinn gekommen sein,2 in denen davon berichtet wird, dass die Dämonen – insbesondere jene, die mit Frauen Unzucht betrieben haben – bis zum Tag des Gerichts aufbewahrt werden.3
Im Henochbuch wird zudem erwähnt, dass einigen dieser Wesen zeitweise Freiheit gewährt wurde, um auf der Erde aktiv zu sein. Auch wenn ich überzeugt bin, dass diese Auslegung der Sintflutgeschichte nicht vollständig mit dem Bericht in Genesis übereinstimmt, ist es dennoch wahrscheinlich, dass viele frühe Leser des Matthäusevangeliums gerade an solche Traditionen gedacht haben könnten.
Die Formulierung passt darüber hinaus gut zu den Gerichtsbeschreibungen in Offenbarung 20 sowie zu der Aussage Jesu, dass das Feuer für den Teufel und seine Dämonen bereitet wurde (Matthäus 25,41).
Die gesamte Begebenheit spielt sich im hellenistischen Gebiet der Dekapolis ab. Da Griechen Schweine opferten und verzehrten, ist es nicht überraschend, dass dort Schweineherden gehalten wurden. Dass die Dämonen mit Jesus verhandeln, entspricht außerdem einem Motiv, das auch aus anderen antiken Dämonengeschichten bekannt ist. Diese berichten häufig davon, dass Dämonen versuchen, bei einer Austreibung möglichst günstige Bedingungen auszuhandeln.
Dass die Dämonen in die Schweine fahren wollten, mag aus moderner Perspektive befremdlich erscheinen. Für jüdische Leser könnte diese Vorstellung jedoch weniger ungewöhnlich gewesen sein. Exorzismen waren oft mit sichtbaren Effekten verbunden, und die Vorstellung, dass unreine Dämonen in unreine Tiere fahren könnten, dürfte ihnen durchaus plausibel erschienen sein.4
Bemerkenswert ist zudem, dass Schweine – wie die meisten Säugetiere – grundsätzlich gut schwimmen können. Ihr Körperfett sorgt sogar für zusätzlichen Auftrieb. Dass sie im See Genezareth ertrinken, wirkt daher zunächst ungewöhnlich. Es scheint daher möglich, dass das Ertrinken selbst eine weitere Folge der dämonischen Einwirkung darstellt und nicht einfach das Resultat eines zufälligen Sturzes ins Wasser.
5Ein Kommentar weist darauf hin, dass Dämonen nach jüdischen Traditionen unter anderem unter Wasser gebunden werden oder sogar dort sterben könnten.6 Der Wechsel von Singular („Herde“) zu Plural („ertrinkende“) eröffnet zudem die Möglichkeit, dass der Text nicht nur das Schicksal der Tiere beschreibt, sondern auch auf das Ende der Dämonen anspielt. In den parallelen Berichten bei Markus und Lukas wird eindeutig die Herde als Subjekt des Ertrinkens verstanden, doch ein Leser, der nur das Matthäusevangelium kannte, könnte diese Formulierung auch anders interpretieren.
Es ist denkbar, dass diese Formulierung bewusst mehrdeutig gehalten ist. Sie muss nicht zwingend behaupten, dass die Dämonen tatsächlich zerstört wurden, schließlich gibt es keinen anderen Text der Bibel, der darauf hinweist das Dämonen wie Menschen sterben könnten.7 Dennoch könnte es vielleicht andeuten, dass Jesus sie endgültig ausgeschaltet hat und sie künftig niemanden mehr quälen können.
Die Erzählung selbst legt nahe, dass hier mehr geschieht als lediglich der Tod einer Schweineherde. Die Dämonen bitten ausdrücklich darum, in die Schweine fahren zu dürfen, um nicht vor ihrer Zeit gequält zu werden. Vermutlich erhofften sie sich dadurch weiterhin eine Möglichkeit, Einfluss auszuüben. Wenn sie diese Möglichkeit jedoch nur wenige Minuten später wieder verlieren, scheint es, als hätten sie letztlich nichts gewonnen – es sei denn, mit ihnen geschah noch etwas Weitergehendes.
Im Anschluss berichtet der Text, dass die ganze Stadt Jesus entgegenkommt. Das hier genannte Gadara entspricht vermutlich einer Stadt, die etwa 10 km vom See Genezareth entfernt liegt. Selbst wenn Jesus der Stadt entgegengegangen sein sollte, hätte es wahrscheinlich mindestens drei Stunden gedauert, bis die Volksmenge ihn erreichte.
Allerdings sprechen die anderen Evangelien von den Gerasenern. Sollte diese Lesart zutreffen, könnte es sich um einen anderen Ort handeln, der näher am See Genezareth lag. Ein älterer Kommentar erwähnt in diesem Zusammenhang Normannen, die einen Ort in der Nähe des Sees – bei Grabhöhlen und Felsenklippen – mit der Szene identifizieren wollen.8
Als die Bewohner schließlich bei Jesus ankommen, bitten sie ihn, ihre Region zu verlassen. Im griechischen Text wird hierfür dasselbe Wort verwendet, das auch in Vers 32 gebraucht wird, als die Dämonen Jesus bitten, in die Schweine fahren zu dürfen.
Der Verlust einer großen Schweineherde war zweifellos ein wirtschaftlicher Schaden. Gleichzeitig hatten die Bewohner jedoch erlebt, dass zwei ihrer Landsmänner von Dämonen befreit worden waren. Der Text selbst erklärt nicht, warum Jesus zulässt, dass die Schweine sterben. In den meisten anderen Wundererzählungen Jesu haben seine Handlungen keine negativen Folgen für unbeteiligte Dritte.
Fragen zum Nachdenken
- Welchen Sinn machte es für die Dämonen für eine so kurze Zeit in Schweine zu fahren?
- Ist die Verwendung desselben Wortes für „ersuchen“ in Vers 32 und Vers 34 bewusst gewählt? Wenn ja, welche Aussage könnte Matthäus damit verbinden?
- Wie ist damit umzugehen, wenn Gott plötzlich anders handelt, als wir es erwarten oder gewohnt sind?
Quellen
- Vgl. Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, ed. Gerhard Maier, vol. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 281–282.↩︎Unter den »Grabstätten« haben wir uns in Fels gehauene Grabkammern vorzustellen, wie man sie für Reiche und Vornehme baute (vgl. Matth 27, 52, 60; 23, 29). Alte und halbzerfallene Grabstätten konnten wohl eine Behausung bieten. Außerdem galten Grabstätten als verunreinigend (vgl. Matth 23, 27), so daß sie als angemessener Aufenthalt für dämonisch Belastete erschienen. Aber hinter diesen äußeren Erwägungen wird die unheimliche Verbindung sichtbar, die zwischen dem Teufel und dem Tod, den Dämonen und der Todeswelt besteht.
- R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 341.↩︎For Jewish belief that the demonic forces, currently confined but still active, would eventually be punished see e.g. 1 En. 12–16; Jub. 5:6–10; 10:1–13. The intriguing phrase pro kairou, “before the proper time,” implies a recognition by the demons that their time of opportunity to trouble human beings is limited, and that the arrival of Jesus signals the beginning of the end, which they had hoped would not come yet; for the final judgment of evil spirits as the role of the Messiah see 1 En. 55:4; T. Levi 18:12. Jesus in his earthly ministry is already introducing the eschatological “clean-up” of the forces of evil.
- James H. Charlesworth, The Old Testament Pseudepigrapha (New Haven; London: Yale University Press, 1985), 64–65.↩︎Corruption of all flesh when angels mate with humans
And when the children of men began to multiply on the surface of the earth and daughters were born to them, that the angels of the Lord saw in a certain year of that jubilee that they were good to look at. And they took wives for themselves from all of those whom they chose. And they bore children for them; and they were the giants. 2* And injustice increased upon the earth, and all flesh corrupted its way; man and cattle and beasts and birds and everything which walks on the earth. And they all corrupted their way and their ordinances, and they began to eat one another. And injustice grew upon the earth and every imagination of the thoughts of all mankind was thus continually evil.
The punishment of angels and annihilation of their offspring
3* And the Lord saw the earth, and behold it was corrupted and all flesh had corrupted its order and all who were on the earth had done every sort of evil in his sight. 4 And he said, “I will wipe out man and all flesh which I have created from upon the surface of the earth.” 5 But Noah alone found favor in the sight of the Lord.
6* And against his angels whom he had sent to the earth he was very angry. He commanded that they be uprooted from all their dominion. And he told us to bind them in the depths of the earth, and behold, they are bound in the midst of them, and they are isolated. 7 And against their children a word went forth from before his presence so that he might smite them with the sword and remove them from under heaven. 8 And he said, “My spirit will not dwell upon man forever; for they are flesh, and their days will be one hundred and ten years.” 9 And he sent his sword among them so that each one might kill his fellow and they began to kill one another until they all fell on the sword and they were wiped out from the earth. 10 And their parents also watched. And subsequently they were bound in the depths of the earth forever, until the day of great judgment in order for judgment to be executed upon all of those who corrupted their ways and their deeds before the Lord. 11 And he wiped out every one from their places and not one of them remained whom he did not judge according to all his wickedness. (Jubilees 5-6) - R. T. France, Matthew: An Introduction and Commentary, vol. 1 of Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 168.↩︎The panic stampede provides visible proof of the exorcism to the bystanders (note that their report was of ‘what had happened to the demoniacs’ [v. 33], not ‘to the pigs’!) as well as to the men themselves. Similar visible confirmations are recorded both for Jewish (Josephus, Ant. viii. 48) and pagan exorcisms (Philostratus, Vita Apoll. iv. 20). But these were deliberately designed as proofs, whereas nothing in this incident or in Matthew’s wording suggests that this was Jesus’ intention. Matthew’s grammar may indicate a different understanding of the incident—the herd rushed (singular), and ‘they perished’ (plural). Does he mean that the demons were thus destroyed? (In Mark and Luke it is clearly the herd that is the subject of the verb ‘were drowned’.) No attention is given to the economic morality, still less the humaneness, of the destruction of a large herd of pigs, but we may assume that forJesus the liberation of two men took precedence over such considerations
- D. A. Carson, “Matthew,” in The Expositor’s Bible Commentary: Matthew, Mark, Luke, ed. Frank E. Gaebelein (Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1984), 219.↩︎Mark also shifts from the singular—the herd rushing down the slope—to the plural—“were drowning.” The only difference is that Matthew has omitted reference to the number “two thousand.”
- Craig S. Keener, The IVP Bible Background Commentary: New Testament, Second Edition. (Downers Grove, IL: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press, 2014), 67↩︎Ancient stories about demons suggest that they liked to negotiate the least difficult terms if they were going to have to leave one whom they possessed. Hearing that demons would want to inhabit unclean pigs, Jewish listeners might have responded, “But of course!”
8:32. Though it was known that pigs could swim, they could not survive in this situation. In Jewish tradition, demons could die or be bound (sometimes beneath bodies of water); because Matthew says nothing to the contrary, his readers would probably assume that these demons have been imprisoned or otherwise deactivated. - Craig Blomberg, Matthew, vol. 22 of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1992), 152.↩︎Jesus accedes to the demons’ request. “Go!” is more literally, You may go, granting permission. Against many interpretations, it seems that the pigs’ drowning surprises neither Jesus nor the demons. They continue their destructive activity by throwing the swine off the rocky cliffs on the eastern shores of Galilee. Nothing else in the Bible suggests that angels or demons can die, so Matthew must mean only that “the whole herd” of pigs perished.
- Albert Barnes, Notes on the New Testament: Matthew & Mark, ed. Robert Frew (London: Blackie & Son, 1884–1885), 92.↩︎Dr. Thomson, however (The Land and the Book, vol. ii. p. 34–37), maintains that Gadara could not have been the place of the miracle, since that place is about “three hours” (some 10 or 12 miles) to the south of the extreme shore of the lake in that direction. He supposes that the miracle occurred at a place now called Kerza or Gersa, which he supposes was the ancient Gergesa. Of this place he says: “In this Gersa or Chersa we have a position which fulfils every requirement of the narratives, and with a name so near that in Matthew as to be in itself a strong corroboration of the truth of this identification. It is within a few rods of the shore, and an immense mountain rises directly above it, in which are ancient tombs, out of some of which the two men possessed of the devils may have issued to meet Jesus. The lake is so near the base of the mountain that the swine, rushing madly down it, could not stop, but would be hurried on into the water and drowned. The place is one which our Lord would be likely to visit, having Capernaum in full view to the north, and Galilee ‘over against it,’ as Luke says it was. The name, however, pronounced by Bedawin Arabs is so similar to Gergesa, that, to all my inquiries for this place, they invariably said it was at Chersa, and they insisted that they were identical, and I agree with them in this opinion.”
*Dieser Kommentar basiert auf den Ergebnissen des Bibelstudiums in diesem Livestream