Matthäus 4,23–25
- Und er zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volk.
- Und die Kunde von ihm ging hinaus nach ganz Syrien; und sie brachten ihm alle, denen es schlecht ging, mit verschiedenen Krankheiten und Qualen, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er heilte sie.
- Und es folgten ihm große Volksmengen aus Galiläa und dem Zehnstädtegebiet und aus Jerusalem und Judäa und von der anderen Seite des Jordan.
Kommentar
Es ist bemerkenswert, dass Jesus offenbar ohne größere Hindernisse durch Galiläa ziehen und in den Synagogen lehren konnte. Dabei handelte es sich vermutlich um eine Vielzahl unterschiedlicher Synagogen. Bereits in Ortschaften mit mindestens zehn Familien konnte es eine Synagoge geben,1 und nach den Angaben des Josephus existierten zur Zeit Jesu in Galiläa über 200 Städte und Dörfer.2
Als begabter Lehrer und zugleich als Wunderheiler dürfte Jesus schnell bekannt geworden sein. Dennoch erscheint diese Offenheit aus heutiger Perspektive ungewöhnlich. Würde heute ein angesehener Theologe oder Prediger durch verschiedene Städte reisen und in jeder Kirche lehren wollen, wäre ihm dies in den meisten Fällen kaum möglich. Wahrscheinlich müsste er sich Wochen im Voraus ankündigen, formale Voraussetzungen erfüllen und die Zustimmung der Gemeindeleitung erhalten.
Die Synagogen zur Zeit Jesu funktionierten deutlich anders. Jeder, der als kompetent wahrgenommen wurde, konnte vom Synagogenvorsteher eingeladen werden, einen Beitrag zu leisten.3 Vermutlich existierte meist kein festgelegter Predigtplan. Manchmal wusste der Eingeladene im Voraus von seiner Rolle, in anderen Fällen konnte der Aufruf durchaus überraschend erfolgen.
Diese vergleichsweise offene Struktur ermöglichte es Jesus – und später auch Paulus –, regelmäßig in Synagogen zu lehren.
Auch der Charakter der „Predigt“ unterschied sich deutlich von heutigen Erwartungen. Heute würden viele überfordert sein, wenn sie spontan eine vollständige Predigt halten müssten. In der Synagoge zur Zeit Jesu hingegen stand zunächst die Lesung des biblischen Textes im Zentrum. Die Auswahl der Texte war vermutlich festgelegt, möglicherweise nach einem Lesezyklus, der dem heutigen dreijährigen Synagogenleseplan ähnelte.
Der Text wurde zunächst auf Hebräisch gelesen und – sofern zu erwarten war, dass nicht alle Anwesenden Hebräisch verstanden – anschließend in einer freien aramäischen Übersetzung wiedergegeben (Targumim). In griechischsprachigen Gemeinden wurde stattdessen eine griechische Übersetzung verwendet.4
Anschließend setzte sich der eingeladene Lehrer und kommentierte den gelesenen Text.5 Zwar war hierfür eine gewisse Vertrautheit mit der Schrift erforderlich, doch war diese Form der Auslegung grundsätzlich für alle schriftkundige Männer ohne große Vorbereitung möglich.
Vermutlich lehrte Jesus auf diese Weise vor allem am Sabbat in den Synagogen. Die Aussage, dass er „das Evangelium vom Reich“ predigte, ist vermutlich davon zu unterscheiden.6 In der Synagoge legte er wohl die jeweils gelesenen Texte aus, während die eigentliche Verkündigung des Reiches Gottes überwiegend außerhalb stattfand – dort, wo ihm auch die Kranken gebracht wurden, die er heilte.
Dass sich die Nachricht von einem Rabbi verbreitete, der alle Arten von Krankheiten heilte, ist kaum überraschend. Entsprechend wuchs mit der Zeit die Zahl der Menschen, die seine Heilung suchten oder seine Botschaft hören wollten. Die Volksmenge um Jesus nahm daher kontinuierlich zu.
Fragen zum Nachdenken
- Wie würde sich unser Gemeindeleben verändern, wenn ein solches offenes Synagogensystem heute noch existierte?
- Wie muss es gewesen sein, eine Synagoge zu betreten und plötzlich zu erleben, dass Jesus dort lehrt?
Quellen
- Frank Stagg, „Matthew“, in Matthew–Mark, hg. von Clifton J. Allen, Broadman Bible Commentary (Broadman Press, 1969), 101.↩︎Verse 23 brings together three terms which largely summarize the ministry of Jesus: teaching, preaching, healing. He taught in the synagogues. Wherever as many as ten heads of families were found, a synagogue was permitted. The synagogues (the Greek word means assembly) arose not later than the Exile, possibly earlier. During the Exile, as the Jews were cut off from the Temple, the synagogues became centers of worship, study, and discipline.
- Charles L. Quarles, Matthew, hg. von T. Desmond Alexander, Thomas R. Schreiner, und Andreas J. Köstenberger, Evangelical Biblical Theology Commentary (Bellingham, WA: Lexham Academic, 2022), 158.↩︎Galilee was a small province geographically (approximately seventy by forty miles). Yet, according to Josephus (Life 45 §235), it contained 204 cities and villages. Jesus apparently visited most of these.
- Henry E. Turlington, „Mark“, in Matthew–Mark, hg. von Clifton J. Allen, Broadman Bible Commentary (Broadman Press, 1969), 274.↩︎The synagogues of Jesus’ day were primarily centers for instruction. On the sabbath the services included the reading from the sacred scrolls of the Hebrew Bible, with a rather free interpretation into the Aramaic language of the people. There were also prayers and blessings said, and perhaps a psalm. The preaching was done by any competent man present. He would be invited to speak by the ruler of the synagogue (sometimes more than one shared this office), who was responsible for leading the worship. There were no sacrifices offered, nor were a priest’s services required at the synagogue. (The priests ministered at the Temple in Jerusalem, regarded by devout Jews as the only place adequate for the full worship of God.)
- A. Schlatter, „Schule“, in Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, hg. von Paul Zeller (Calw; Stuttgart: Verlag der Vereinsbuchhandlung, 1912), 677.↩︎Wochengottesdienste. Die Form der Versammlung war einfach: Gebet, Vorlesung aus der Bibel und erbauliche Besprechung des Gelesenen bildeten ihren Inhalt. Man saß nach Geschlechtern und Alter getrennt. Mit dem Gebet wurde begonnen, wobei die Gemeinde stand, das Gesicht nach Jerusalem und in der Stadt selbst nach dem Allerheiligsten gewandt. Einer sprach das Gebet im Namen der Gemeinde, indem er vor den Kasten mit der Gesetzesrolle trat, und die Gemeinde antwortete darauf mit Amen. Wahrscheinlich war das Gebet schon zu Jesu Zeit liturgisch fixiert. Auch über die Vorlesung aus der Schrift bestanden genaue Vorschriften. Es wurden jedes Mal zwei Abschnitte gelesen, der eine aus dem Gesetz, der andere aus den Propheten mit Einschluss der geschichtlichen Bücher, vergleiche Apg. 13, 15. Diese Abschnitte waren für alle Schulen gleichmäßig festgestellt, unseren Perikopen vergleichbar, nur dass sie nicht nur eine Auswahl aus dem Gesetz, sondern das ganze Gesetz umfassten. Dasselbe wurde in 154 Abschnitten etwa in drei Jahren durchgelesen. Es wurde der Grundtext gelesen, aber sofort, weil das Hebräische dem Volk unverständlich war, in die Landessprache übersetzt. In den griechischen Schulen las man (ob allein?) die griechische Übersetzung. Und nun folgte eine Art Predigt, eine Ansprache an die Gemeinde, welche Dunkles in der Schrift erläuterte und sie auf die Anliegen der Zuhörer anwandte. Keine dieser Verrichtungen war an ein bestimmtes Amt gebunden; sowohl das Vorbeten als das Vorlesen als die Predigt konnte von jedem dazu tauglichen Gemeindeglied besorgt werden. Die Synagoge gewährte in dieser Beziehung der Gemeinde große Freiheit und gab ihr Raum zu selbsttätiger Beteiligung an ihrem Gottesdienst. Die Leitung desselben lag in den Händen einer Vorsteherschaft, der „Obersten der Schule“
- Howard Frederic Vos, Nelson’s new illustrated Bible manners & customs: how the people of the Bible really lived (Nashville, TN: T. Nelson Publishers, 1999), 413.↩︎The New Testament indicates that anyone with something important to say would be permitted to speak. The activities of Paul and Jesus are cases in point. The reference in Acts 13:15–16 (nkjv) is very specific: “And after the reading of the Law and the Prophets, the rulers of the synagogue [in Antioch of Pisidia] sent to them [Paul and Barnabas], saying, ‘Men and brethren, if you have any word of exhortation for the people, say on.’ Then Paul stood up, and motioning with his hand said, ‘Men of Israel, and you who fear God, listen.’” Jesus also spoke in the synagogue on occasion (see, e.g., Mark 6:2–3; Luke 4:16–28). So the opportunity for private individuals to speak in the synagogue was available both in Palestine and the dispersion.
- Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, hg. von Gerhard Maier, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 104–105.↩︎War soeben entscheidend, daß es sich um eine Unterweisung für »Jünger« handelt, so wird jetzt ebenso entscheidend, daß es sich um ein »lehren« handelt. Wir müssen zwischen »predigen« und »lehren« unterscheiden. Den Unterschied führt in aller Regel auch der Urtext klar durch. »Predigen« heißt wörtlich »ausrufen« und bedeutet die Bekanntmachung einer Person oder eines Ereignisses. In einem viel engeren Sinn kann es geradezu »evangelisieren« bzw. »missionieren« bedeuten. »Lehren« dagegen heißt – wir haben bei 4, 23 schon davon gesprochen – Darstellung des Gotteswillens aufgrund der Heiligen Schrift. Nun ist aber noch einmal zu beachten, daß es eine Rolle spielt, ob Jesus in der Synagoge lehrt oder auf dem Berg im Kreis seiner Jünger. In der Synagoge ist er an die gelesenen Abschnitte gebunden und kann nicht nur für die Jünger reden. Auf dem Berg ist er freier, wichtige Punkte in eigener Auswahl darzulegen, und imstande, speziell seinen Jüngern zu dienen. Hierin liegt ein wichtiger Grund, warum Jesus anders als die Rabbinen im Freien lehrt.
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