Matthäus 3,13–17

Eigene Übersetzung

13 Dann kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
14 Johannes aber wehrte ihm und sprach: Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?
15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er ihn.
16 Und als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, die Himmel wurden geöffnet, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen und auf ihn kommen.
17 Und siehe, eine Stimme aus den Himmeln sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.


Kommentar

Kurz zuvor hatte Johannes erklärt, dass er nicht einmal würdig sei, Jesus die Sandalen zu binden. Nun tritt genau dieser Jesus an ihn heran mit der Bitte, sich von ihm taufen zu lassen. Darin liegt die erste theologische Herausforderung des Textes: Der Höhere unterstellt sich bewusst dem Niedrigeren.

Eine zweite Schwierigkeit ergibt sich aus dem weiteren neutestamentlichen Kontext. Jesus wird als der sündlose Messias vorgestellt, während die Taufe des Johannes eine Taufe der Buße bzw. Gesinnungsänderung ist. An ihr teilzunehmen bedeutete, Schuld zu bekennen und Vergebung zu suchen. Für Jesus scheint dies zunächst unpassend. Johannes’ Widerstand ist daher gut nachvollziehbar.

Jesus jedoch beharrt darauf, dass die Taufe notwendig sei, „um alle Gerechtigkeit zu erfüllen“. Der Text erläutert nicht explizit, was damit gemeint ist. An anderen Stellen verwendet Matthäus den Begriff des „Erfüllens“, um auf die Verwirklichung alttestamentlicher Prophetie hinzuweisen.1 Auffällig ist jedoch, dass Matthäus hier – erstmals seit Matthäus 1,18 – keine konkrete Schriftstelle nennt, die sich in diesem Ereignis erfüllen würde.

Einige Ausleger sehen eine Anspielung auf Jesaja 53, wo der leidende Gottesknecht beschrieben wird, der die Sünden des Volkes trägt.2 Ob Matthäus diese Verbindung bewusst voraussetzt, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass Jesus sich nicht taufen lässt, um eigene Sünden zu bekennen, sondern um „alle Gerechtigkeit zu erfüllen“.3 Was diese Gerechtigkeit im Einzelnen umfasst, bleibt unausgeführt. Ein wesentlicher Aspekt dürfte jedoch darin bestehen, dass Jesus Johannes als von Gott gesandten Propheten bestätigt und dessen Taufe als notwendigen Schritt anerkennt. Damit markiert Jesu Taufe zugleich den Übergang vom Dienst des Vorläufers zu seinem eigenen Wirken.

Im Anschluss öffnet sich der Himmel, und der Geist Gottes kommt sichtbar auf Jesus herab wie eine Taube. Die Verbindung des Heiligen Geistes mit der Taube ist kein völlig neues Motiv. Auch hier verzichtet Matthäus jedoch darauf, eine alttestamentliche Erfüllung ausdrücklich zu benennen, obwohl insbesondere im Jesajabuch der Geist Gottes eng mit dem Messias und mit prophetischem Handeln verbunden ist (vgl. Jes 11,2; 61,1). Besonders deutlich ist die Parallele zu Jesaja 42,1, wo ebenfalls von Gottes Wohlgefallen an seinem Knecht die Rede ist. Warum Matthäus diese Bezüge nicht explizit macht, bleibt offen. Möglicherweise setzt er eine entsprechende Schriftkenntnis seiner Leser voraus.

Der Text berichtet, dass „er“ den Geist Gottes herabsteigen sah. Naheliegend ist zunächst, dies auf Jesus zu beziehen. Johannes 1,32 berichtet jedoch ausdrücklich, dass auch Johannes der Täufer dieses Zeichen gesehen hat, während Lukas 3,21–22 den Vorgang allgemein beschreibt, ohne eine bestimmte Person zu nennen. Am einfachsten lassen sich die Berichte miteinander verbinden, wenn man davon ausgeht, dass das Geschehen grundsätzlich sichtbar war, die Evangelisten jedoch jeweils unterschiedliche Akzente setzen.


Fragen zum Nachdenken

  1. Wie prägt die Taufe Jesu unser eigenes Verständnis von Taufe?
  2. Gibt es auch für uns Handlungen, die wir tun sollen, nicht weil sie notwendig erscheinen, sondern weil sie „richtig“ sind?
  3. Warum kommt der Heilige Geist hier sichtbar auf Jesus herab, obwohl er bereits durch den heiligen Geist gezeugt wurde?

Quelle

  1. R. T. France, The Gospel of Matthew, The New International Commentary on the New Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publication Co., 2007), 120.
    The word “fulfill,” normally used by Matthew in his quotation formula in connection with the completion of a scripturally authenticated pattern (see further on 5:17), also suggests that this baptism has a role in the carrying out of Jesus’ specific mission.
    The most obvious way in which Jesus’ baptism prepares for his mission is by indicating his solidarity with John’s call to repentance in view of the arrival of God’s kingship. By first identifying with John’s proclamation Jesus lays the foundation for his own mission to take on where John has left off. Further, as Jesus is baptized along with others at the Jordan, he is identified with all those who by accepting John’s baptism have declared their desire for a new beginning with God. He thus prepares for his own role in “bearing their weaknesses” (8:17) and eventually “giving his life as a ransom for many” (20:28) through shedding his blood for their forgiveness (26:28). If he is to be their representative, he must first be identified with them.
    ↩︎
  2. R. T. France, Matthew: an introduction and commentary, Bd. 1 of Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 100.
    Some have seen here the influence of the Servant figure in Isaiah, who represents his people and bears their sins. This is not explicit, but may be hinted at in the term righteousness, which is a prominent feature in Isaiah 53:11, particularly as v. 17 will clearly introduce the Servant theme.
    ↩︎
  3. Craig Blomberg, Matthew, Bd. 22 of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1992), 81.
    Jesus’ somewhat ambiguous reply seems to acknowledge the force of John’s logic but nevertheless requests baptism for different reasons. Jesus has not come to confess any sin but “to fulfill all righteousness.” He has previously fulfilled specific prophecies as well as more general scriptural themes. Now he wishes to obey all the moral demands of God’s will. “To fulfill all righteousness” means to complete everything that forms part of a relationship of obedience to God. In so doing, Jesus identifies with and endorses John’s ministry as divinely ordained and his message as one to be heeded.
    ↩︎

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