Genesis 5,21-24
Eigene Übersetzung
- Und Henoch lebte sechzig Jahre und zeugte Metuschalach.
- Und Henoch wandelte dreihundert Jahre mit Gott, nachdem er Metuschalach gezeugt hatte, und zeugte Söhne und Töchter.
- Und alle Tage Henochs waren dreihundertfünfundsechzig Jahre.
- Und Henoch wandelte mit Gott, und er war nicht mehr, weil Gott ihn zu sich genommen hatte.
Kommentar
Nach der fast mantramäßigen Wiederholung immer gleicher Beschreibungen kommt hier ein starker Bruch.
Es fängt genauso an wie bei allen anderen: „Und X lebte Y Jahre und zeugte Z“ – dann aber der große Bruch. Henoch lebte nicht weitere Jahre, sondern er wandelte weitere Jahre mit Gott.
Und dann starb er auch nicht, sondern wurde zu Gott genommen.
Heute sagen wir beim Tod eines geliebten Menschen manchmal, dass Gott ihn zu sich genommen habe. Bei Henoch ist dies jedoch gerade ein Bruch mit dem Tod: Er wurde zu Gott genommen ohne zu sterben. Er und Elia sind die einzigen zwei Menschen, von denen die Bibel so etwas berichtet.
Das muss nicht heißen, dass es nur diese zwei Menschen gab, die Gott lebendig zu sich genommen hat. Es ist durchaus möglich – sicher nicht häufig –, aber zu bedenken ist, dass die Bibel nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Menschheitsgeschichte gibt. Zur Zeit Henochs lebten wahrscheinlich schon hunderttausende Menschen. Vielleicht hat Gott vor der Flut auch andere zu sich genommen, die mit ihm wandelten, aber die nicht in Noahs Ahnenlinie waren und deshalb nicht erwähnt werden.
Es kann aber ebenso sein, dass es wirklich nur zweimal geschah.
Interessant finde ich die Formulierung, dass es erst nach der Geburt Metuschalachs heißt, dass Henoch mit Gott wandelte. Kann es sein, dass Henoch sich irgendwann in seinem Leben entschied, Gott noch stärker zu folgen und ab damit Gott wandelte?
Wenn die Formulierung darauf hinweisen möchte, wäre es eine parallele zu der Geschichte Sets, bei dem nach der Geburt seines Sohnes gesagt wurde, das man damals anfing, den Namen Jahwes anzurufen.
Es fällt auf, dass Henoch in allem anderen vollkommen gewöhnlich wirkt. Er tat, was alle anderen auch taten – zumindest nach dem wenigen, was die Geschlechtsregister berichten. Auch er zeugte Söhne und Töchter. Aber anstatt nur zu leben, wandelte er mit Gott.
Der Bibeltext sagt sonst erstaunlich wenig über ihn. Verständlicherweise wurde deshalb viel über diesen geheimnisvollen Mann spekuliert, sodass es mindestens drei1Rick Brannan, Die Pseudepigraphen des Alten Testaments: Ein Leitfaden, übers. von Dirk Kellner (Bellingham, WA: Faithlife, 2023). verschiedene jüdische apokalyptische Texte gibt, die während der Zeit des Zweiten Tempels entstanden2Douglas Mangum, Lexham-Glossar Theologie, übers. von Dorothea Weiland (Lexham Press, 2023). und als Henochbuch bezeichnet werden.
Fragen zum Nachdenken
- Was denkst du: Hat Gott möglicherweise noch mehr Menschen direkt zu sich genommen?
- Was bedeutet es, mit Gott zu wandeln? Was bedeutet es nicht?
- Wie können wir heute so mit Gott wandeln, wie Henoch es tat?
- Warum wird über eine solch bedeutende Person nicht mehr berichtet?
- Ist es Zufall, dass Henoch genau so viele Jahre lebte, wie das Jahr Tage hat?
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