Matthäus 8,1–4

Eigene Übersetzung

  1. Als er aber vom Berg hinabstieg, folgte ihm eine große Menge.
  2. Und siehe, ein Aussätziger kam herzu, fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen.
  3. Und er streckte seine Hand aus, berührte ihn und sprach: Ich will, sei rein! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz gereinigt.
  4. Und Jesus sprach zu ihm: Sieh zu, dass du es niemandem sagst, sondern geh, zeige dich dem Priester und bring die Gabe dar, die Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

Kommentar

In der neutestamentlichen Forschung wird häufig vom sogenannten Messiasgeheimnis gesprochen. Der Begriff beschreibt die Beobachtung, dass Jesus wiederholt darauf besteht, dass Wunder oder Erkenntnisse über seine Identität nicht öffentlich verbreitet werden. Besonders deutlich tritt dieses Motiv im Markusevangelium hervor, ist jedoch auch in den anderen Evangelien belegt.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, warum Jesus die Weitergabe solcher Berichte einschränkt. Ein möglicher Grund ist, dass er verhindern wollte, dass seine Verkündigung auf Wundertaten reduziert wird. Zudem bestand die Gefahr, dass messianische Erwartungen politisch aufgeladen würden und man versuchen könnte, ihn als militärischen Messias auszurufen, was unweigerlich zu Konflikten mit der römischen Besatzungsmacht geführt hätte.1

In der vorliegenden Szene ist diese Erklärung jedoch nicht ohne Weiteres überzeugend. Der Text betont ausdrücklich, dass Jesus bereits von einer großen Menge begleitet wird. Die Heilung geschieht öffentlich, sodass viele Zeugen vorhanden sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Zweck das Schweigegebot hier konkret erfüllt.

Naheliegend ist, dass es weniger um ein dauerhaftes Schweigen als vielmehr um eine Priorisierung geht. Der Geheilte soll zunächst zum Priester gehen und die im Gesetz vorgeschriebenen Opfer darbringen.2 Erst danach erhält seine Heilung eine offizielle Bestätigung.

Ein möglicher Grund dafür ist, dass eine vorzeitige Verbreitung der Nachricht die Anerkennung durch die Priesterschaft hätte erschweren können. Ebenso denkbar ist, dass Jesus hier den Geheilten bewusst zur gesetzestreuen Handlung anweist. Ähnlich wie bei anderen Heilungen, in denen Jesus zur Umkehr oder zu einem veränderten Lebenswandel auffordert, steht auch hier der Gehorsam gegenüber Gottes Gebot im Vordergrund.

Diese Szene macht deutlich, dass Jesus nicht als Gegner des Gesetzes auftritt. Wo er in den Evangelien scheinbar gesetzliche Vorschriften missachtet, richtet sich seine Kritik nicht gegen das alttestamentliche Gesetz selbst, sondern gegen spätere Auslegungstraditionen und zusätzliche Regelwerke der rabbinischen Überlieferung.3 Diese „Überlieferungen der Väter“ hatten sich im Laufe der Zeit neben das biblische Gesetz gestellt und prägten den religiösen Alltag ähnlich stark wie kulturelle Normen heute.


Fragen zum Nachdenken

  1. Was sagt die Anrede des Aussätzigen über seinen Glauben aus?
  2. Wenn Jesus heute Gebete nicht erhört, geschieht das dann, weil er nicht will?
  3. Gibt es auch heute Situationen, in denen es nicht angemessen ist, Gutes sofort öffentlich zu machen?
  4. Wann sind kulturelle Normen hilfreich – und wann ist es geboten, sie zu hinterfragen oder zu ignorieren?

Quellen

  1.  William MacDonald, Kommentar Zum Neuen Testament, trans. Christiane Eichler, 7. Auflage. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018), 58–59.
    Hier wird zum ersten Mal im Matthäusevangelium erwähnt, dass Jesus befahl, ein Wunder sollte nicht weitererzählt werden (s. a. Kap. 9,30; 12,16; 17,9; Mk 5,43; 7,36; 8,26). Das geschah sicher, weil der Herr sich bewusst war, dass viele Menschen, die nur daran interessiert waren, vom Joch der Römerherrschaft befreit zu werden, ihn zum König machen wollten. Aber er wusste, dass Israel noch immer unbußfertig war, das Volk seine geistliche Führerschaft ablehnen würde und er zuerst ans Kreuz gehen musste.
    Brendon R. Witte, “Messianic Secret,” in The Lexham Bible Dictionary, ed. John D. Barry et al. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).
    Other Interpretations of the Messianic Secret
    Proposed historical and theological reasons for Jesus’ secrecy include:
    • To many Jews in the first century ad, the titles “Messiah” and “Son of God” carried political overtones. If Jesus had identified Himself as a messianic king, Pilate would have been forced to eliminate Him and His followers for fear that they might incite an insurrection (for others who instigated uprisings, see Josephus, Antiquities 20.5.1; Acts 5:36; Antiquities 20.8.6 and Jewish War 2.13.5; Acts 21:38; Jewish War 2.4.1; Acts 5:37).
    • Roman authorities may have perceived Jesus as laying claim to the imperial seat if He had referred to Himself with the appellation “Son of God”—an honorific title commonly bestowed on reigning or deceased emperors (compare Evans, “Jesus’ Self-Designation,” 29–31).
    • Jesus may have avoided politically charged self-designations because His messianic mission would not be completed until His second coming, at which point He will reign over and judge the nations (Schweitzer, The Mystery of the Kingdom of God, 185; Aune, “The Problem of the Messianic Secret,” 30–31; compare Bockmuehl, This Jesus: Martyr, Lord, Messiah, 58–59).
    • Jesus may have hidden His messianic identity to emphasize the cross in His mission (Schweizer, “The Question of the Messianic Secret in Mark,” 69–70; Robinson, “The Quest for Wrede’s Secret Messiah,” 113; Luz, “The Secrecy Motif and the Marcan Christology,” 75–96). According to Jesus, the way of the Messiah is one of humility and self-sacrifice (compare Mark 10:45). The messianic secret thus preserves a pastoral aspect: the disciples must be willing to follow in the footsteps of their crucified Messiah, suffering rejection and, when necessary, death.
    ↩︎
  2.  Douglas Mangum, ed., Lexham Context Commentary: New Testament, Lexham Context Commentary (Bellingham, WA: Lexham Press, 2020), Mt 8:1–4.
    Jesus charges the leper to tell no one, but to go to the priest to offer the proper gift. This command to obey the law shows Jesus’ high view of the law (5:17–20). Jesus also wants the miracle and the obedience of the man to be a testimony to the priests. While it may seem odd for Jesus to command him to silence given the large crowds following Jesus, the point of Jesus’ instructions is that going to the priest ought to be his first priority, not going to tell family and friends.
    ↩︎
  3. C. G. Kruse, “Law,” in New Dictionary of Biblical Theology, ed. T. Desmond Alexander and Brian S. Rosner, electronic ed. (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2000), 633.
    The four Gospels in their various ways provide us with a picture of Jesus’ attitude to the Mosaic law. Jesus was generally obedient to the law (there is no evidence that he violated it). He did not go out of his way to transgress the traditions of the elders, except where their teaching was at variance with a proper understanding of the laws of God. When he healed lepers he told them to go and show themselves to the priests and offer the sacrifices which the law prescribed (Matt. 8:4; Mark 1:44; Luke 5:14). Also it was his custom to attend synagogue services each Sabbath day (Luke 4:16), not a requirement of the law, but a Jewish tradition. However, where traditions came into conflict with his understanding of the law he was forthright in his condemnation. For example, he accused those who said that the money they would otherwise use to support their parents was a gift devoted to God, of breaking the commandments of God in order to preserve their traditions (Mark 7:8–13).
    ↩︎

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