Matthäus 8,14–15

Eigene Übersetzung

  1. Und als Jesus in das Haus des Petrus kam sah er seine Schwiegermutter, sie lag und hatte Fieber.
  2. Und er berührte ihre Hand und das Fieber wich von ihr und sie stand auf und diente ihm.

Kommentar

Von diesem Wunder hört man nur selten in Kinderbibeln oder Predigten. Die Heilung der Schwiegermutter wirkt auf den ersten Blick unscheinbar und steht im Schatten spektakulärerer Heilungsberichte.

Für die Evangelisten scheint dieser Bericht jedoch eine besondere Relevanz gehabt zu haben. Sie mussten sehr bewusst auswählen, welche Ereignisse sie überlieferten, denn Jesus hat zweifellos weit mehr Wunder getan, als in den Evangelien festgehalten sind. Auffällig ist, dass die Heilung der Schwiegermutter in allen drei synoptischen Evangelien berichtet wird. Die unmittelbar vorausgehende Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum findet sich hingegen nur bei Matthäus und Lukas, nicht bei Markus.

Ein möglicher Grund liegt in der damaligen medizinischen Realität. Fieber war zur Zeit Jesu eine ernsthafte, oft lebensbedrohliche Erkrankung.1 Während es uns heute vergleichsweise harmlos erscheint, war die Sterblichkeit bei fieberhaften Krankheiten in der Antike hoch. Für die ersten Leserinnen und Leser dürfte dieser Bericht daher eine wesentlich größere existenzielle Bedeutung gehabt haben, als es aus heutiger Perspektive naheliegt.

Hinzu kommt die Frage nach der Person, die geheilt wird. In modernen kulturellen Vorstellungen ist das Bild der Schwiegermutter häufig klischeehaft geprägt. Im antiken Kontext war ihre Stellung jedoch differenzierter. Die Mutter des Mannes hatte im Haushalt meist eine hohe soziale Position, insbesondere wenn sie verwitwet war.2 Hier handelt es sich jedoch um die Mutter der Frau. Diese konnte ebenfalls Teil des Haushalts sein, etwa wenn sie keinen Ehemann oder keine Söhne hatte, nahm aber in der Regel eine niedrigere Stellung ein und verfügte über weniger Autorität.

Ob die Schwiegermutter des Petrus dauerhaft im Haushalt lebte oder sich lediglich zu Besuch dort aufhielt, lässt sich aus dem Text nicht eindeutig bestimmen. Die Quellenlage zur sozialen Rolle der Mutter der Frau ist insgesamt deutlich begrenzter als zur Mutter des Mannes, weshalb eine gewisse Unschärfe bestehen bleibt.

Unabhängig davon ist die Art der Heilung bemerkenswert. Der Bericht ist äußerst knapp und unspektakulär: Jesus berührt ihre Hand, das Fieber weicht, und sie steht auf und dient. Wie bei vielen anderen Heilungen Jesu geschieht auch hier alles unmittelbar und vollständig. Der Text vermittelt damit ein klares Bild: Jesu Heilung ist nicht graduell oder verzögert, sondern wirksam und ganzheitlich.


Fragen zum Nachdenken

  1. Welche Bedeutung kann dieser kurze Heilungsbericht für heutige Leserinnen und Leser haben?
  2. Welche kulturellen Vorstellungen beeinflussen unser Verständnis der handelnden Personen?
  3. Warum erleben wir Heilung heute häufig anders als in den Evangelien?

Quellen

  1.  Gerhard Maier, Markus-Evangelium, ed. Gerhard Maier, Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 68.
    Das »Fieber«, von dem V. 30 spricht, ist nicht nur ein Temperaturanstieg, wie wir ihn so häufig bei Grippe oder Erkältung erleben. Vielmehr handelt es sich um jenes »hohe Fieber« (Lk 4,38), das im Altertum oft tödlich verlief (vgl. auch Apg 28,8). »Man sagt ihm sofort von ihr«: Die Gefährlichkeit der Krankheit bewegt die Menschen dazu, Jesus »sofort« beim Betreten des Hauses zu informieren.
    ↩︎
  2.  W. H. Bennett, “FAMILY,” in A Dictionary of the Bible: Dealing with Its Language, Literature, and Contents Including the Biblical Theology, ed. James Hastings et al. (New York; Edinburgh: Charles Scribner’s Sons; T. & T. Clark, 1911–1912) 847.
    In Mic 7:6 (quoted Mt 10:35; Lk 12:53) the ḥāmôth is perhaps the wife of the living head of the household; in Ru, Naomi, herself a widow, is the ḥāmôth of widows. But the ḥāmôth attained special importance and dignity when, after the death of her husband, her son became the head of the family. She was then the most important and influential woman in the household; a man had many wives, only one mother; he had been trained in deference and obedience to his mother; his wives were his property, and absolutely subject to his authority. They had often been selected by his mother, e.g. Ishmael’s wife by Hagar (Gn 21:21; cf. 2 Es 9:47).
    ↩︎

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