Genesis 6,9-12
Eigene Übersetzung
- Dies sind die Nachkommen Noahs. Noah war ein gerechter Mann, er war untadelig in seiner Generation, Noah wandelte mit Gott.
- Und Noah zeugte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet.
- Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war von Gewalttat erfüllt.
- Und Gott sah die Erde, und siehe, sie war verdorben; denn alles Fleisch hatte seinen Weg auf der Erde verdorben.
Kommentar
In diesem Text wird ein starker Kontrast gesetzt. Noah wird als erster Mensch der Bibel als gerecht und untadelig bezeichnet. Zudem wandelte er mit Gott (wie bereits über Henoch gesagt wurde).
Er war nicht nur gerecht, sondern „untadelig in seiner Generation“ – einer Generation, die verdorben und voller Gewalttat war.
Das hebräische Wort ḥāmās (חָמָס) wird häufig für physische Aggression bis hin zu Mord (Genesis 49,5; Hesekiel 7,23) verwendet, aber auch für falsche Zeugen (Exodus 23,1) oder andere moralische Übertretungen (Genesis 16,5).
Damit gibt es etwas mehr Indizien als im vorherigen Text, aber es bleibt dennoch recht unbestimmt – es sei denn, man möchte annehmen, es gehe um buchstäbliche Gewalttat und jeder vor der Flut sei gewalttätig gewesen.
In einem Kinderfilm mag eine solche Darstellung eindrücklich wirken, aber etwas derart Extremes – jeder gegen jeden – ist schwer realistisch vorstellbar. Ohne auszuschließen, dass es viel physische Gewalt gab, ist eine „ganze Erde voll damit“ besser vorstellbar, wenn auch Hintergehungen, falsche Zeugen und moralische Verfehlungen eingeschlossen sind.
Es bleibt die Frage, wie diese Welt vorzustellen ist. In den Zeiten der Weltkriege hat Gott unsere Welt nicht so hart gerichtet wie zur Zeit Noahs.
Die Indizien, die wir vielleicht haben und die helfen könnten, die Schuld der vorsintflutlichen Welt besser zu verstehen, zeigen sich möglicherweise an Sodom und Gomorrah, die Gott ebenfalls aktiv vernichtet hat, und an Niniveh, über das Gott seinen Plan zur Vernichtung offen ausgesprochen hatte.
In Sodom sehen wir, dass nicht ständig jeder ermordet wurde – schließlich konnte Lot dort lange leben. Die einzige ausdrücklich genannte Sünde ist die schwere moralische Erniedrigung von Fremden, durch sexuellen Missbrauch (vielleicht sogar mit Mordabsicht). Für die Sodomiten schien das Leben dort also in Ordnung gewesen zu sein, solangeman Teil der Gruppe war.
Von Niniveh, der assyrischen Hauptstadt, wissen wir, dass der Umgang der Assyrer mit Kriegsgefangenen extrem brutal war. Berichtet werden Massendeportationen, Häuten bei lebendigem Leib, Kinder, die von Stadtmauern gestürzt wurden, sowie das Ausstechen von Augen, das Abschneiden von Handen, Füßen, Ohren, Lippen und Zungen und das Pfählen bei lebendigen Leib..
1 Ein assyrischer Herrscher prahlte damit, dass er 80 Soldaten die Hände und die Unterlippe abgeschnitten habe, um sie freizulassen und damit seine „Herrlichkeit“ zu verkünden.2
Es kann natürlich sein, dass wir über die Bosheit der Niniviten untereinander wenig wissen – oder es geht tatsächlich primär um den Umgang mit Fremden und Kriegsgefangenen.
Da aber auch Israel (manchmal auf Gottes Gebot hin) Krieg führte und alle in einer Stadt tötete, zeigt sich der zentrale Unterschied darin, dass die Kriegsgefangenen in Assyrien zuvor gefoltert wurden.
Dass die Sünde Sodoms (und Ninivehs) tatsächlich mit dem Umgang mit Fremden oder sozial Schwachen zu tun hat, könnte man darin bestätigt sehen, dass auch in Jesaja – nachdem Israel mit Sodom verglichen wird – ihre bösen Taten unter anderem darin bestehen, zu unterdrücken und Witwen und Waisen kein Recht zu verschaffen.
Ohne sicher sagen zu können, wie es vor der Sintflut wirklich war, könnte all dies zusammengenommen darauf hindeuten, dass die Bevölkerung untereinander relativ normal gelebt haben mag, jedoch ohne Rücksicht auf die Schwächsten der Gesellschaft und auf Außenstehende.
Wenn Noah im Kontrast dazu als gerecht bezeichnet wird, dann müsste seine Gerechtigkeit nicht nur eine innere Haltung gewesen sein, sondern sich auch in Gastfreundschaft gezeigt haben (ähnlich wie bei Lot in Sodom).
Fragen zum Nachdenken
- Sind die Vergleiche mit Sodom und Niniveh überzeugend? Wenn nicht, wie stellst du dir die Menschen der vorsintflutlichen Welt vor?
- Weshalb waren fehlende Gastfreundschaft und der grausame Umgang mit Kriegsgefangenen für Gott so schlimm?
- Wie können wir sicherstellen, dass unsere Gerechtigkeit sich auch in der Praxis zeigt?
- Kenneth L. Barker, Micah, Nahum, Habakkuk, Zephaniah, Bd. 20 of The New American Commentary (Nashville: Broadman & Holman Publishers, 1999), 220.Vgl auch E. Ray Clendenen, „Jonah, Book Of“, in Holman Illustrated Bible Dictionary, hg. von Chad Brand u. a. (Nashville, TN: Holman Bible Publishers, 2003), 942.Nineveh lived by bloodshed and seemed to relish the opportunity to inflict more destruction on others. “All warfare, modern as well as ancient, is violent, but Assyria surpassed the ancient Near Eastern world in terms of violence and bloodshed.” The shedding of blood ensured the continued plunder the armies of Assyria brought to the country. Nahum concluded that a nation built on bloodshed could not endure. Maier appropriately concluded:
The atrocious practice of cutting off hands and feet, ears and noses, gouging out eyes, lopping off heads and then binding them to vines or heaping them up before city gates; the utter fiendishness by which captives could be impaled or flayed alive through a process in which their skin was gradually and completely removed—this planned frightfulness systematically enforced by the “bloody city” was now to be avenged.↩︎Assyrian brutality and cruelty were legendary. The Assyrians were known to impale their enemies on stakes in front of their towns and hang their heads from trees in the king’s gardens. They also tortured their captives—men, women, or children—by hacking off noses, ears, or fingers, gouging out their eyes, or tearing off their lips and hands. They reportedly covered the city wall with the skins of their victims. Rebellious subjects would be massacred by the hundreds, sometimes burned at the stake. Then their skulls would be placed in great piles by the roadside as a warning to others. - Boyd Seevers, Warfare in the Old Testament (Grand Rapids, MI: Kregel Publications, 2013), 241–242. ↩︎Their rulers and kings boasted about these acts. Tiglath-pileser III wrote that he “impaled alive (the enemy king’s) chief ministers; and I made his country behold them” (cf. Fig. 6.5). Ashurnasirpal II boasted, “I fixed up a pile of corpses in front of the city’s gate. I flayed the nobles, as many as rebelled, and spread their skins out on the piles … I flayed many within my land and spread their skins out on the walls.” Another ruler “removed the hands and lower lips of eighty of their troops. I let them go free to spread the news of my glory.” “The news of my glory” undoubtedly included news of the atrocities and would hopefully discourage others from resisting demands for surrender (compare Nahash’s treatment of the inhabitants of Jabesh Gilead in 1 Samuel 11:2).
Hallo Ruben, Ich hab mal gelesen, dass untadelig sich vom Wort her auf die physische Erscheinung bezieht, dass also hier bedeuten kann, dass Noah neben seinem gerechten Charakter auch genetisch rein war. Keine Engels – DNA. Du gehst auf die genetische Hybridisierung der Menschheit leider gar nicht ein.
Hallo Petra,
danke für deinen freundlichen Kommentar. Das hebräische Wort für untadelig (תָּמִים, tamim) kann auch körperliche Unversehrtheit bedeuten – zum Beispiel bei Opfertieren. Es wird jedoch auch an anderen Stellen für moralische Reinheit gebraucht. Im Kontext von Noah spricht vieles dafür, dass es dort ebenfalls moralisch gemeint ist.
Im Hebräischen ist es üblich, ähnliche Gedanken mehrfach mit leicht unterschiedlichen Begriffen auszudrücken. Über Noah heißt es:
Er war gerecht.
Er war untadelig (tamim).
Er wandelte mit Gott.
Die erste und die dritte Aussage beziehen sich eindeutig auf seinen Charakter. Wenn tamim hier körperliche oder genetische Reinheit meinte, wäre die Platzierung zwischen zwei moralischen Eigenschaften ungewöhnlich. Zudem unterstreicht die Wendung „in seiner Generation“ den Kontrast zu den Menschen um ihn herum, die im direkten Kontext des Textes als moralisch verdorben beschrieben werden.
Auf Theorien der Hybridisierung zwischen Menschen und Engeln gehe ich hier nicht ein – in einem früheren Beitrag habe ich erklärt, warum ich diese Theorie aus der zweiten Tempelperiode für wenig haltbar halte und zwei alternative Auslegungen vorgeschlagen (siehe hier).
Selbst wenn man Mischwesen-Theorien akzeptiert, erscheint es wenig überzeugend, tamim hier als Hinweis auf physische Reinheit zu lesen. Spannend wäre, ob deine Quelle dafür solide linguistische Gründe liefert oder lediglich auf einer isolierten Wortstudie basiert, ohne den Kontext zu berücksichtigen.