Jesaja 1,1-9
Eigene Übersetzung
- Vision Jesajas, des Sohnes Amoz, die er geschaut hat über Judah und Jerusalem in den Tagen Usijas, Jotams, Ahaz, Hiskias, den Königen von Judah.
- Höre, Himmel; horche, Erde; denn Jahweh hat gesprochen: Ich habe Söhne großgezogen und erhöht, und sie haben gegen mich rebelliert.
- Ein Rind kennt seinen Käufer und ein Esel die Krippe seines Herrn. Israel kennt nicht, mein Volk versteht nicht.
- Wehe, sündige Nation, Volk schwer von Schuld, Same der Übeltäter, Söhne des Verderbens: sie haben Jahweh verlassen, den Heiligen Israels beschämt, sie haben sich abgewandt.
- Worauf sollt ihr noch geschlagen werden, ihr Vermehrer der Widerspenstigkeit? Das ganze Haupt ist krank und das ganze Herz matt.
- Von der Fußsohle bis zum Kopf ist an ihm keine heile Stelle, Quetszwunde und Strieme und offene Schlagwunde; sie wurden nicht ausgedrückt und nicht verbunden und nicht mit Öl gelindert.
- Euer Land ist wüst, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; euren Erdboden verzehren Fremde vor euch. Eine Öde wie vom Umsturz durch Fremde.
- Und die Tochter Zion ist übrig geblieben wie eine Hütte im Weinberg, wie ein Nachtlager im Gurkenfeld, wie eine bewachte Stadt.
- Wenn nicht Jahweh Zebaoth einen kleinen Rest gelassen hätte, wären wir wie Sodom, wir glichen Gomorra.
Kommentar
Gleich in der Einleitung sagt uns der Schreiber, in welcher Zeit Jesaja gedient hatte. Wenn man den furchtbaren Zustand Israels hört, den er daraufhin beschreibt, bekommt man den Eindruck, dass diese Könige sämtlich schlecht gewesen seien mussten. Interessanterweise ist es aber ganz anders: von den vier Königen seiner Dienstzeit war nur einer wirklich böse.
Usija
- Usija war ein guter und erfolgreicher König. (2 Chronik 26,5-8)
- Er tat, was Gott wohlgefiel. (2 Chronik 26,4)
- Zu seiner Zeit blühte Judah auf; er eroberte Städte zurück und baute die Verteidigung Jerusalems aus. – (2 Chronik 26,1 ; 2 Chronik 26,9)
- Er hatte ein sehr großes Heer. (2 Chr 26,11-14)
- Nur gegen Ende seiner Herrschaft wurde er übermütig und maßte sich an, selbst Räucheropfer darbringen zu dürfen. (2 Chronik 26:16)
- Daraufhin erkrankte er an Lepra (scheint aber seine Schuld dann eingesehen zu haben). (2 Chronik 26,20)
Jotam
- Auch Jotam war ein guter König, der nach dem Willen Gottes handelte. (2 Chronik 27,2)
- Aber der Schreiber der Chroniken lässt uns wissen, dass das Volk trotzdem böse war. (2 Chronik 27,3)
Ahaz
- Der einzige wirklich böse König unter den vieren. (2 Chronik 28,1-2)
- Er brachte seine Söhne als Götzenopfer dar. (2 Chronik 28,3)
- Sein Handeln war Grund, dass Gott sein Volk demütigte. (2 Chronik 28,19)
- Er zerstörte Tempelgeräte und beendete den Tempeldienst und opferte stattdessen anderen Göttern. (2 Chronik 28,24)
Hiskia
- Wieder ein guter König. (2 Chronik 29,2)
- Öffnete den Tempel wieder. (2 Chronik 29,3-19)
- Führte das lange nicht mehr richtig gefeierte Passahfest wieder ein. (2 Chronik 30)
- Zerstörte systematisch Götzenbilder. (2 Chronik 31,1)
- Zu seiner Zeit zerstörten Sanherib von Assur viel in Juda (2 Chronik 32)
- Wurde aber am Ende hochmütig. (2 Chronik 32,24-25)
- Auf eine von Gott gesandte Krankheit hin demütigte er sich wieder. (2 Chronik 32,26)
Die Vision, die daraufhin kommt, beschreibt ein verwüstetes Judah, das böse ist und zugleich sehr leidet unter Feinden. Dies trifft sicher nicht auf die Zeit Usijas zu — zwar kann es durchaus sein, dass einiges vom Volk noch böse war, wenn es auch unter Jotam noch böse war, ist anzunehmen, dass auch unter dem guten König Usija viele ungerecht handelten. Aber bei dem militärischen Erfolg und der Stärke des Königreichs unter Usija passt die Beschreibung von Vers 7 keinesfalls zu Usija. Auch unter Jotam war das Land nicht so schlimm dran.
Unter Ahaz würde die Bosheit des Volkes gut passen, aber wenn wir die Vision weiter anschauen, wie sie in Vers 10 weitergeht, sehen wir, dass es um eine Zeit geht, in der Jahwe Opfer gebracht wurden, was bei Ahaz nicht passt, da dieser ja den Tempeldienst abgeschafft hat.
Die Vision am Anfang von Jesaja scheint also nicht seine erste Vision gewesen zu sein, sondern eher etwas, das später in Bezug auf den letzten König zu dem Jesaja sprach — eine Einleitung beim fertigen Buch für die Leser dieses fertigen Buches.
Hier passt die Beschreibung des Landes als verwüstet sehr gut. Sanherib, der König von Nineveh, hat große Teile Judas zerstört und Jerusalem ist wirklich ziemlich allein stehen geblieben, passend zu der Beschreibung in Vers 8.
Dennoch verwundert es, dass hier das Volk so negativ wegkommt. Hat es doch gerade erst wieder angefangen, Passah zu feiern und Götzen zu beseitigen. Bezieht sich die Krankheit (Verse 5–6) auf den geistlichen Zustand des Volkes oder nur auf den physischen Zustand des zerstörten Landes? Es klingt, als wäre es eine Mischung von beidem; aber wenn dies so ist, warum ist das Haupt krank, wenn es doch einen guten König hat? Oder bezieht es sich auf die Zeit, in der Hiskia hochmütig wurde? Vielleicht aber auch schon auf seinen Sohn, der anfing, Koregent zu sein und der später zum schlimmsten König Judas werden wird.
Ich vermute, dass es durchaus noch in die Zeit Hiskias spricht und zeigt, dass, auch wenn er als König zu den besseren gehörte, das ganze Volk so sehr von Bösem durchsäuert war, dass es trotzdem als völlig krank bezeichnet wird. Herausfordernd ist hier, dass, wenn dies stimmt, auch ein von außen relativ gut aussehendes Volk — selbst in der Zeit religiöser Reform und Rückbesinnung auf Gott — im Herzen zu fern von Gott sein kann. Kann es sein, dass selbst dann, wenn wir bei uns Erweckung und Reformation sehen, die Beurteilung Gottes noch negativ ausfallen kann; dass selbst dann Gott sagt: „Mein Volk kennt mich nicht“? — Oder gehe ich zu scharf mit dem Volk ins Gericht und es bezieht sich doch auf die Zeit Manasses, in der auch jeder Außenstehende die Bosheit erkennen würde?
Interessant ist die Parallele eines von Fuß bis Kopf kranken Körpers zum Zustand Usijas, des ersten Königs der Zeit Jesajas, nachdem er anmaßend wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob die Parallele bewusst geschaffen ist, da Usija Ausschlag hatte; hier aber ein Körper voller verschiedener zugefügter Wunden beschrieben wird. Es ist auffällig und vielleicht auch bewusst. Wird hiermit auch eine Verbindung dazu gemacht, dass das Volk die ganze Zeit der vier Könige über geistlich krank war?
Interessant auch die ersten beiden Worte in Vers vier: im Hebräischen steht hier הֹ֣וי׀ גֹּ֣וי (Hoi Goi — Wehe, Nation). Die Elberfelder gibt im Kommentar korrekterweise an, dass Goi ein Wort ist, das häufig für heidnische Nationen verwendet wird. Als nächstes wird es jedoch wieder als עַ֚ם (Ami — mein Volk) bezeichnet, eine sehr typische Bezeichnung für Gottes Volk. Hier erweckt der Kommentar der Elberfelder den Eindruck, dass Israel mit heidnischen Nationen gleichgestellt wird und Jesaja deshalb das Wort Goi verwendet. Dies ist nicht ganz auszuschließen; ich halte es aber auch für möglich, dass hier Jesaja in seiner prophetischen Rede Goi aufgrund des Klangs gewählt haben könnte, da Wehe und Nation im Hebräischen sehr ähnlich klingen. Diese Art von Reim (bzw. Reim insgesamt) ist in hebräischer Poesie bei weitem nicht so häufig wie in deutscher Poesie, aber es wird durchaus immer wieder mal bewusst genutzt, und mir scheint es hier durchaus sehr passend für den Weheruf.
Zuletzt fällt noch auf, dass Gott in Vers 9 als Jahweh Zebaoth bezeichnet wird. Luther übersetzte es als „HERR der Heerscharen“. Es ist eine Bezeichnung für den militärischen Gott; der militärisch und kriegerisch starke Gott hat einen Rest in Judah übriggelassen. In einer Zeit, in der Judah von den Assyrern verwüstet wurde und der Rabshakeh Sanheribs meinte, selbst Jahwe könnte Jerusalem nicht vor der Macht Assyriens und seiner Götter beschützen (2 Chronik 32,13-14), steht dieses Wort als Bestätigung: Gott ist souverän und er ist der eigentliche Feldherr. Auch wenn Assyrien vernichtet und verbrannt hat, ist er der, der eigentlich den Kampf in der Hand hat und er, nicht Assyrien, entscheidet, wie der Kampf ausgeht und wer überlebt und wer nicht.
Exkurs
Im Studium der Könige ist mir 2. Chronik 31,3 aufgefallen. Hier spricht es von den (An-)Teilen, die Hiskia als Opfer für die Sabbate, Neumonde und Festzeiten gab. Dies klingt recht ähnlich wie Kolosser 2,16, wo es davon spricht, dass keiner einen richten soll wegen Speise und Trank oder einem Teil eines Festes oder Neumondes oder Sabbats. Der Teil für diese Tage, den Hiskia bot, waren seine Opfer. Kann es sein, dass auch Paulus im Kolosserbrief von Opfern an diesen Tagen spricht?
Auch „Speise und Trank“ könnte sich vielleicht auf Speise- und Trankopfer beziehen, die in Numeri 28 auch im Kontext der Opfer der Sabbate, Neumonde und Festtage auftreten. Hier passen die griechischen Worte der LXX für Speise- und Trankopfer jedoch nicht so gut zu den Worten in Kolosser wie bei dem Text der Opfer Hiskias.
Ich bin noch nicht sicher, ob Paulus wirklich so verstanden werden möchte, aber die Parallele an Worten ist schon sehr auffällig, und das Wort für „Teile“ im Kolossertext scheint ein bisschen eigenartig. Viele Übersetzungen machen daraus etwas wie „irgendein Fest“, aber das wirkt grammatisch eher ungeschickt. Passender wäre wohl, das „Teil“ auf alle drei Elemente zu beziehen: „irgendein Teil eines Festes, Neumondes oder Sabbats“ — ob dieses Teil nun ein Opfer ist oder irgendein anderer Bestandteil dieser Tage.
Das bedarf aber sicher einer Überprüfung von jemandem, dessen Griechisch besser ist als meins, da dieses leider deutlich schwächer ist als mein Hebräisch.

Fragen zum Nachdenken
- Wie können wir beurteilen, ob unsere religiöse Frömmigkeit Gott wohlgefällig ist oder ob es nur nach außen gut aussieht, Gott aber unser geistliches Leben von Kopf bis Fuß krank sieht?
- Was macht es mit dir, wenn du in einer Situation, die fast hoffnungslos aussieht, hörst, dass Gott alles in der Hand hat und es genauso aussieht, wie er es möchte?
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