Genesis 3,8–15
Eigene Übersetzung
- Und sie hörten die Stimme Jahwes, des Gottes, im Garten wandelnd im Wind des Tages, und der Mann und seine Frau versteckten sich vor Jahwe Gott mitten im Garten Eden.
- Und Jahwe Gott rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
- Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, denn ich bin nackt, und ich versteckte mich.
- Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, nicht davon zu essen?
- Und Adam sprach: Die Frau, die du mir gegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß.
- Und Jahwe Gott sprach zur Frau: Was hast du da getan? Und die Frau sprach: Die Schlange hat mich betrogen, und ich aß.
- Und Jahwe Gott sprach zur Schlange: Weil du dies getan hast, verflucht bist du unter allem Vieh und unter allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen, und Staub sollst du essen alle Tage deines Lebens.
- Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen: Er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen.
Kommentar
Die „Stimme Gottes“ könnte sich auch auf andere von Gott hervorgerufene Geräusche beziehen (z. B. Fußtritte, falls Gott in menschlicher Gestalt erschien, oder andere Geräusche, die seinem Kommen vorausgingen).
Der „Wind des Tages“ wird traditionell als die Kühle des Tages verstanden, also der frische Abendwind.1John M’Clintock und James Strong, „Wind“, in Cyclopædia of Biblical, Theological, and Ecclesiastical Literature, Supplement—A–Z (New York: Harper & Brothers, Publishers, 1894), 12:941.
J. J. Niehaus, der viele biblische Theophanien typologisch in Bezug auf die Theophanie am Sinai interpretiert, schlägt auch hier die Idee eines Sturmwinds vor – als Zeichen des göttlichen Gerichts.“2Puttagunta Satyavani, Seeing the Face of God: Exploring an Old Testament Theme(Carlisle, Cumbria: Langham Monographs, 2014), 44–46.
Die genaue Bezeichnung „Wind des Tages“ kommt sonst in der Bibel nicht vor. Das, was dem am ehesten ähnelt, findet sich in der Poesie des Hohenliedes, wo davon die Rede ist, dass „der Tag verhaucht“ (Hld 2,17; 4,6).
Die Verbindung von Wind und Gericht findet sich jedoch auch in anderen Texten, etwa in Jeremia 4,11 und Hosea 13,15.
Weitere Vorschläge jüdischer Gelehrter zur Bedeutung des Ausdrucks ‚Wind des Tages‘ sind, dass er entweder eine Himmelsrichtung angibt (Gott kommt aus oder geht in Richtung Westen) oder eine mildere Form einer sturmwindähnlichen Theophanie darstellt.3Michael Carasik (Hrsg.), Genesis: Introduction and Commentary, übers. von Michael Carasik, The Commentators’ Bible (Philadelphia: The Jewish Publication Society, 2018), 40.
Die Vielzahl an Auslegungen zeigt, dass die Bedeutung nicht eindeutig ist. Die Tendenz der traditionellen christlichen Auslegung scheint im zeitlichen Moment zu liegen, während viele jüdische Auslegungen den Wind eher Gott selbst zuschreiben – oder ihn als Richtungsangabe verstehen.
Gottes Kommunikation mit Adam ist ebenfalls bemerkenswert. Er beginnt nicht mit einer Anklage, sondern mit Fragen: „Wo bist du?“, „Wer hat dir das gesagt?“, „Hast du gegessen?“
Natürlich wusste Gott die Antworten bereits, doch er gibt Adam zunächst die Möglichkeit, selbst zu sprechen. Auch bei meinem bald dreijährigen Sohn merke ich, wie sehr es ihm hilft, wenn ich nach einem Fehlverhalten mit Fragen komme und ihm so ermögliche, über sein Handeln nachzudenken und es selbst einzuordnen.
Adams Antwort ist nicht nur eine einfache Schuldverschiebung auf die Frau. In dem Versuch, die Verantwortung von sich abzulenken, schiebt er sie letztlich sogar auf Gott zurück: „Die Frau, die du mir gegeben hast…“.
Hier spielt sicherlich auch eine Rolle, ob man dem verbreiteten Verständnis folgt, Adam habe mitgegessen, weil er Eva nicht verlieren wollte – oder ob man annimmt, dass er die ganze Zeit über dabei gewesen ist und somit Mitschuld an Evas Essen trägt.
Eva schiebt die Schuld wiederum auf die Schlange – allerdings ohne hinzuzufügen: „… die du geschaffen hast“.
Gott verurteilt zunächst die Schlange. Sie wird dazu verflucht, Staub zu essen. Was damit genau gemeint ist, ist nicht völlig klar. Es wirkt optisch vielleicht so, als würde eine am Boden kriechende Schlange tatsächlich Staub essen, doch faktisch tut sie das nicht.
Der jüdische Gelehrte Radaq weist auf die Verbindung hin, dass die Schlange Adam und Eva zum Essen verführt hat und dass ihre erste Strafe ebenfalls das Essen betrifft.4David M. Carr, Genesis 1–11, hg. von Renate Klein, übers. von Gerlinde Baumann, Internationaler Exegetischer Kommentar zum Alten Testament (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2024), 151.
Möglicherweise handelt es sich um ein Bild der völligen Erniedrigung, wie es auch in Psalm 72,9, Jesaja 49,23 und Micha 7,17 vorkommt.5Ulrich Berges, Christoph Dohmen, und Ludger Schwienhorst-Schönberger, Hrsg., Jesaja 55–66, übers. von Ulrich Berges, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament (Freiburg; Basel; Wien: Herder, 2022), 596.
Wenn die Schöpfung wiederhergestellt wird und Löwen wieder Gras fressen, wird die Schlange weiterhin Staub fressen (Jes 65,25). Dies bedeutet, dass sie Staub frisst, weil sie keine Tiere mehr frisst. Die Schlange ist damit das einzige Wesen, das die Folgen des Fluches dauerhaft behalten wird.6James B. Jordan, Trees and Thorns: Studies in the First Four Chapters of Genesis (West Monroe, LA: Theopolis Books: An Imprint of Athanasius Press, 2021), 221–222.
Vers 15 scheint eine doppelte Bedeutung zu haben. Zum einen beschreibt er die natürliche Feindschaft zwischen Menschen und Schlangen. Zum anderen geht es jedoch offenbar um eine besondere Schlange und um einen besonderen Nachkommen: Dies ist die erste Verheißung auf den Sieg, den Jesus über Satan erringen wird.
Auch die jüdischen Schreiber haben offensichtlich die Bedeutung dieser Stelle gesehen. Hier erscheint die erste kleine Abschnittsbegrenzung (ein wenig Leerraum im Text) seit Genesis 2,4.
Fragen zum Nachdenken
- Worum könnte es sich beim Wind des Tages handeln? Hat die Deutung einen Einfluss auf das Verständnis des Textes?
- Was können wir aus Gottes Kommunikationsweise mit Adam lernen?
- Warum könnte der Fluch über die Schlange auch in der wiederhergestellten Welt bestehen bleiben?
- 1John M’Clintock und James Strong, „Wind“, in Cyclopædia of Biblical, Theological, and Ecclesiastical Literature, Supplement—A–Z (New York: Harper & Brothers, Publishers, 1894), 12:941.
- 2Puttagunta Satyavani, Seeing the Face of God: Exploring an Old Testament Theme(Carlisle, Cumbria: Langham Monographs, 2014), 44–46.
- 3Michael Carasik (Hrsg.), Genesis: Introduction and Commentary, übers. von Michael Carasik, The Commentators’ Bible (Philadelphia: The Jewish Publication Society, 2018), 40.
- 4David M. Carr, Genesis 1–11, hg. von Renate Klein, übers. von Gerlinde Baumann, Internationaler Exegetischer Kommentar zum Alten Testament (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2024), 151.
- 5Ulrich Berges, Christoph Dohmen, und Ludger Schwienhorst-Schönberger, Hrsg., Jesaja 55–66, übers. von Ulrich Berges, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament (Freiburg; Basel; Wien: Herder, 2022), 596.
- 6James B. Jordan, Trees and Thorns: Studies in the First Four Chapters of Genesis (West Monroe, LA: Theopolis Books: An Imprint of Athanasius Press, 2021), 221–222.
Verlinkte Beiträge