Matthäus 6,1-4
Eigene Übersetzung
- Passt auf eure Gerechtigkeit auf, dass ihr sie nicht vor den Menschen tut, um von ihnen gesehen zu werden! Sonst habt ihr keinen Lohn mehr bei meinem Vater, der in den Himmeln ist.
- Wann immer du Almosen gibst, dann lass nicht die Posaune vor dich her blasen, so wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie von den Menschen gelobt werden. Amen, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon voll empfangen.
- Wenn du aber Almosen gibst, dann soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut,
- damit dein Almosengeben im Verborgenen geschieht, und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir belohnen.
Kommentar
Ähnlich wie Jesus die Gebote verschärft hat und nach der Motivation richtet, so geht er jetzt auch bei anderen positiven Taten auf die Motivation zurück. Sein erstes Beispiel hier betrifft das Almosengeben. Sich um Waisen, Witwen, Fremde und die Armen der Gesellschaft zu kümmern, gebietet Gott immer wieder im Alten Testament. Es war eine der Hauptkritiken, die er an Israel hatte, und einer der am häufigsten genannten Gründe, warum Gott sein Volk ins Exil schickte.
Im Alten Testament wird dabei einfach nur betont, dass es wichtig ist, sich um die Armen zu kümmern und ihnen Recht zu sprechen. Dabei hat sich wohl eine Praxis entwickelt, die dazu führte, dass viele derjenigen, die viele Gaben hatten, diese bewusst öffentlich taten, um für ihre Großzügigkeit Ehre zu erhalten.1 Ziemlich ähnlich wie in unserer heutigen Kultur, in der unzählige Menschen Gutes tun, um es zu filmen und ins Internet zu stellen. Viele von ihnen würden wohl gar nichts geben, wenn nicht die Motivation bestünde, Aufmerksamkeit, Klicks und letztendlich vielleicht sogar mehr Geld als sie selbst weggegeben haben, durch Monetarisierung zu erhalten.
Genau das spricht Jesus an und sagt, dass hiermit bereits aller Lohn abgegolten ist. Sicher ist es besser, wenn die Armen Hilfe bekommen, weil sich jemand selbst zur Schau stellen möchte, als wenn sie keine Hilfe erhalten. Für Jesu Jünger soll jedoch ein höheres Wertesystem gelten. Sie sollen nicht weniger geben als die, die Jesus als Heuchler bezeichnet, jedoch aus anderer Motivation und deshalb im Geheimen.2
Ich selbst bin dann für eine Zeit ins Gegenextrem gegangen. Ich hatte Angst, dass jemand sieht, dass ich etwas gegeben habe oder mich gar dafür lobt. So entstand ein Versuch, aktuell alles Gute, das man tut, zu verstecken und zu hoffen, bloß nicht gelobt zu werden.
Es so zu machen und sich zu wünschen, allein von Gott die Belohnung zu bekommen, ist an sich ja nicht verkehrt. Aber Jesus sagt eigentlich klar, dass es um die Motivation geht. So gibt es auch einige, die es schlecht finden, Dank oder Lob für so etwas zu bekommen, weil sie dann ja keine Belohnung von Gott mehr erhalten. So wird Lob und Dank plötzlich zu etwas Negativem, weil man damit die göttliche Belohnung reduziert. Andere machen es sich extra kompliziert und geben nur bar, damit nicht nachvollzogen werden kann, dass sie etwas gegeben haben.
So hat Jesus es sicher nicht gemeint. Nur wenn die eigene Motivation darin besteht, es zu tun, um von anderen auf dieser Erde Ehre zu bekommen, schließt dies den himmlischen Lohn aus – unabhängig davon, ob man diese tatsächlich bekommt oder auch nicht bekommt.3
Manchmal ist es vermutlich sogar sinnvoll, bewusst öffentlich zu geben, selbst wenn es einem nicht um den Lohn anderer geht. In einem Fall haben wir zum Beispiel, als wir für von einer Dürre betroffene Menschen gesammelt haben, bewusst angegeben, wie viel wir selbst dafür gegeben haben, um andere zu motivieren, ebenfalls mehr zu geben. Der letzte Fall kann natürlich das Risiko bergen, dass man einen Vorwand sucht, den man als echte Motivation verkauft, während es einem eigentlich doch um die Ehre der Menschen geht.4 Da ist es wohl auch herausfordernd, da unser Herz oft sehr trügerisch ist (vgl. Jer 17,9).5
Im Grunde geht es Jesus hier aber wohl nicht darum, uns das Geben kompliziert zu machen, sondern einfach darum, es bewusst für Gott und weil es das Richtige ist zu tun – und nicht aus persönlichen, irdischen Vorteilen.
Fragen zum Nachdenken
- Wie viel Aufwand, um irdischen Lohn zu verhindern, ist gerechtfertigt?
- Für welche anderen Taten gelten diese Prinzipien ebenfalls?
- Warum ist himmlischer Lohn hier die höchste Motivation und nicht einfach das Richtige zu tun, unabhängig von jeglichem Lohn?
Quelle
- Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 194.↩︎Der Jünger soll nicht vor sich her »posaunen«, »wie es die Heuchler in den Synagogen und in den Gassen tun«. Die Pharisäer kündigten durch ein Posaunensignal in der Synagoge an, daß jemand ein größeres Almosen geben wollte. Oder man sandte einen Bläser, der vor dem Spender auf dem Weg zum Tempel oder zur Synagoge herging, wo die Gabe abgegeben werden sollte. Der Grund war zunächst, auf diese Weise auch andere zum Spenden anzureizen. Doch wurde dieser positive Grund in der Praxis ausgehöhlt durch das nur allzu menschliche Bestreben, »von den Leuten gepriesen zu werden«, d. h., vor den Menschen groß dazustehen. Jeder Evangelist, jeder Diakon, jeder über das normale Maß hinaus Opfernde, jede Schwester und jeder, der in der Kirche oder Gemeinde einen Namen hat, kennt diese Gefahr. Sie kann die Wurzel des Segens zerstören. Wir sollten von daher offene Spendenlisten, Abkündigungen privater Opfer, offizielle Mitteilungen über besondere Spenden und Gaben, aber auch die Flüsterpropaganda über fromme Werke möglichst abschaffen. Leider gibt es auch christlichen »Personenkult«, der u. U. den Betreffenden schwer schaden kann. Nicht über »das Maß des Glaubens« hinaus (Röm 12, 3) sollte auch da die Losung sein.
- Maier, Matthäus-Evangelium, 195.↩︎Den falschen Weg, aus lauter Angst gar nichts mehr zu tun oder alles äußere Werk für hohl zu erklären, diskutiert er gar nicht. Gott will, daß wir die offene Hand in seinen Dienst stellen. Das sagte uns bereits die fünfte Seligpreisung. Wo geschieht das heute? Man kann sagen, daß ohne Gaben die freien Werke bald verschwunden wären, ja daß Gesellschaft und Staat in Ländern mit christlichen Gemeinden eine Lawine von Not und Kosten bewältigen müßten. »Almosen« ist z. B. dort, wo Menschen der sog. »Randgruppen«, aber auch der fast vergessenen »Zentralgruppen«, in stiller Hilfe unterstützt und begleitet werden. In den verfolgten Gemeinden des Ostens und anderswo wäre ohne »Almosen« keine Gemeindetätigkeit möglich. Wie nahe ist der Tag, an dem auch bei uns Kirchensteuer und staatliche Ausgleichszahlungen für die Aneignung des Kirchenbesitzes entfallen werden? Dabei sollten wir nicht vergessen, daß das »Almosen« für die Not aller und nicht allein für Gläubige gegeben wird.
- William MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament, übers. von Christiane Eichler, 7. Auflage. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2018), 49.↩︎Jesus beginnt diesen Teil seiner Predigt mit einer Warnung vor der Versuchung, unsere Frömmigkeit durch Almosengeben (Anmerkung Elberfelder Bibel) nicht zur Schau zu stellen, indem wir darauf achten, dass es von anderen gesehen wird. Hier wird nicht die Tat an sich verurteilt, sondern die Haltung, die dahintersteht. Wenn öffentliche Anerkennung die Motivation ist, dann bleibt diese Anerkennung auch der einzige Lohn, denn Gott belohnt Heuchelei nicht.
- Charles H. Spurgeon, Das Evangelium des Reiches, 2. Auflage der Neuausgabe. (Augustdorf: Betanien, 2020), 68.↩︎Almosen dürfen öffentlich gegeben werden, aber nicht um der Öffentlichkeit willen. Es ist wichtig, dass unser Ziel ein rechtes sei, denn wenn unser Ziel falsch ist und wir es erreichen, so wird unser Erfolg ein Misserfolg sein. Wenn wir geben, um gesehen zu werden, so werden wir gesehen werden und sonst nichts. »Ihr habt keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel«; wir verlieren den einzigen Lohn, der des Habens wert ist. Aber wenn wir geben, um unserem Vater zu gefallen, werden wir unseren Lohn von seiner Hand bekommen. Auf unsere Absicht und unseren Zweck müssen wir »achthaben«, denn niemand geht den richtigen Weg, ohne sorgfältig auf den Weg zu achten. Unser Almosengeben sollte eine heilige Pflicht sein, sorgfältig vollbracht, nicht zu unserer eigenen Ehre, sondern um Gott zu erfreuen. Möge jeder Leser sich fragen, wieviel er in der von dem König vorgeschriebenen Weise getan hat.
- William MacDonald, Kommentar zum Alten Testament, übers. von Christiane Eichler u. a., 2. Auflage. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2010), 1000.↩︎Es gibt eine Bosheit in unseren Herzen, der wir uns selbst nicht bewusst sind und die wir dort nicht vermuten; ja, es besteht die allgemeine Fehlhaltung unter den Menschenkindern, zumindest das eigene Herz für ein ganzes Stück besser zu halten, als es wirklich ist. Das Herz, das Gewissen des Menschen ist in seinem verdorbenen und gefallenen Zustand trügerischer als alles andere. Es ist durchtrieben und hinterlistig und darauf aus, zu betrügen; von diesem Wort wird der Name Jakob (Überlister, Betrüger) abgeleitet.
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