Jesaja 2,12–22
Eigene Übersetzung
- Denn [es gibt] einen Tag für Jahwe Zebaoth über alles Stolze und Hohe und über alles Erhobene und Niedrige.
- Und über alle hohen und erhobenen Zedern des Libanons und über alle Eichen Baschans.
- Und über alle hohen Berge und über alle erhobenen Hügel.
- Über jeden hohen Turm und über jede feste Mauer.
- Und über alle Tarsisschiffe und über alle kostbaren Boote[?].
- Und den Hochmut des Menschen wird er beugen, und die Höhe der Männer lässt er sinken; doch Jahwe allein wird erhaben sein an jenem Tag.
- Und die Götzen werden völlig vergehen.
- Und sie werden kommen in die Höhlen der Felsen und in die Löcher der Erde vor dem Schrecken Jahwes und der Pracht seiner Herrlichkeit, wenn er sich erhebt, um die Erde erbeben zu lassen.
- An jenem Tag wird der Mensch seine silbernen Götzen und seine goldenen Götzen, die er sich gemacht hat, um vor ihnen niederzufallen, den Maulwürfen und Fledermäusen hinwerfen,
- um in die Höhlen der Felsen und in die Klüfte der Steine zu kommen vor dem Schrecken Jahwes und der Pracht seiner Herrlichkeit, wenn er sich erhebt, um die Erde erbeben zu lassen.
- Lasst ab vom Menschen, der Atem in seiner Nase hat; denn was gilt er schon?
Kommentar
Der vorliegende Abschnitt setzt die Prophetie der vorausgehenden Verse fort. Zwar markiert der masoretische Text hier einen neuen Sinnabschnitt, der eine leichte formale Abgrenzung zum Vorhergehenden erkennen lässt, doch besteht thematisch eine enge Kontinuität. Während Vers 11 bereits auf „jenen Tag“ verweist, entfaltet Vers 12 nun die inhaltliche Dimension dieses „Tages des Herrn“ weiter.
Die vorhergehenden Aussagen waren eindeutig an Juda adressiert, und auch in diesem Abschnitt bleibt der historische Bezug zu Juda bestehen. Gleichzeitig fällt jedoch eine zunehmende Universalisierung der Sprache auf. Diese Erweiterung legt nahe, dass Jesaja hier nicht lediglich das konkrete Gericht über Juda beschreibt, sondern dieses Gericht zugleich typologisch als Vorausbild des universalen endzeitlichen Gerichts fungiert.1
Charakteristisch für diesen Text ist die ausgeprägte Verwendung von Parallelismen. Durch diese rhetorische Struktur wird der umfassende Wirkungsbereich des göttlichen Gerichts verdeutlicht: Es richtet sich gegen alles, was im menschlichen Denken mit Erhabenheit, Macht, Sicherheit und Reichtum assoziiert wird.
Die Zedern des Libanons gelten im alttestamentlichen Zeugnis als besonders kostbares Baumaterial und stehen paradigmatisch für wirtschaftlichen Wohlstand, architektonische Pracht und politische Macht. Sie wurden bevorzugt für den Bau von Tempeln und Palästen verwendet. In ähnlicher Weise repräsentieren die Eichen von Baschan hochwertiges Bauholz und damit materielle Stärke.2
Türme und befestigte Mauern fungieren im alttestamentlichen Sprachgebrauch als Symbole militärischer Sicherheit und menschlicher Schutzsysteme. Die Tarschisschiffe wiederum stehen für den durch Fernhandel erworbenen Reichtum und verweisen auf wirtschaftliche Macht und internationale Vernetzung.
In der Zusammenführung dieser Motive – Pracht, Sicherheit und Wohlstand – wird die Ursache menschlichen Hochmuts sichtbar. Gerade dieser Hochmut aber steht im Zentrum des göttlichen Gerichts. Gott selbst ist es, der die menschliche Selbstüberhebung erniedrigt und jede Form vermeintlicher Autonomie relativiert.
Mit dem Erscheinen Jahwes wird offenbar, dass alle diese Sicherheiten letztlich trügerisch sind. Ebenso wird deutlich, dass auch die Götzen, auf die der Mensch sein Vertrauen gesetzt hat, keinerlei rettende Funktion besitzen. Die Theophanie Jahwes ist von einem solchen Schrecken begleitet, dass nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Schöpfung in Erschütterung gerät.
Bezüglich der Götzen ist zu beachten: Für Juda galt die Herstellung und Anbetung von Götzen als klare Sünde. Den übrigen Völkern jedoch hat Gott den Umgang mit Götzen zugestanden, sodass ihr Götzendienst nicht als direkte Sünde bewertet wird. Gleichwohl gilt auch für die übrigen Völker, dass sie in Anbetracht des kommenden Gerichts erkennen werden, dass ihre Götzen letztlich machtlos sind.
Die Gewissheit dieses Gerichts wird durch die nahezu wortgleiche Wiederholung der Aussagen in den Versen 19 und 21 verstärkt. Die Bildsprache ist von außerordentlicher Eindringlichkeit: Angesichts der offenbar werdenden Herrlichkeit Jahwes suchen die Menschen verzweifelt Zuflucht in Höhlen, Erdspalten und Felsspalten, um sich seinem Angesicht zu entziehen.
Obwohl diese Botschaft zunächst an Juda gerichtet ist, tritt hier erneut der universale Horizont der Prophetie hervor. Die Offenbarung des Johannes greift Jahrhunderte später dieselben Motive in Offenbarung 6,15–17 auf, um die Wiederkunft Christi zu beschreiben. Dort wird die Erscheinung Jesu in göttlicher Herrlichkeit ausdrücklich mit Jahwe identifiziert. Auch hier fliehen die Menschen in Höhlen und wünschen sich, von den Bergen bedeckt zu werden.3
Der abschließende Imperativ in Vers 22 – „Lasst ab vom Menschen, der Atem in seiner Nase hat“ – richtet sich aller Wahrscheinlichkeit nach erneut spezifisch an Juda.4 In der Geschichte Israels zeigte sich wiederholt die Tendenz, Sicherheit bei fremden Nationen zu suchen, politische Bündnisse einzugehen und von anderen Völkern lernen zu wollen. Der Prophet entlarvt dieses Verhalten als grundlegend fehlgeleitet. Im Angesicht des kommenden Gerichts wird offenbar, dass auch diese Verbündeten nichts weiter sind als vergängliche Menschen, deren Lebensatem allein von Gott abhängt.
Der Text fordert daher zu einer radikalen Neuorientierung auf: weg vom Vertrauen auf Menschen, Götzen, Reichtum und militärische Macht, hin zu einem ausschließlichen Vertrauen auf Jahwe, den Schöpfer und Erhalter allen Lebens.
Fragen zum Nachdenken
- Was bedeutet es für Gottes Volk, dass das Gericht an Juda mit dem Weltgericht verbunden wird?
- Worauf setzen wir unser Vertrauen?
- Wann ist es angemessen, auch auf weltliche Sicherheiten und Rücklagen zu vertrauen, und wann nicht?
Quellen
- Vgl. C. I. Scofield, Hrsg., Scofield-Bibel, 1. Auflage. (Witten; Dillenburg; CH Dübendorf: SCM R. Brockhaus; Christliche Verlagsgesellschaft; Missionswerk Mitternachtsruf, 2015), 843.↩︎»An jenem Tag« bedeutet dasselbe wie »der Tag des Herrn« (Jes 2,10–22; Offb 19,11–21). Die Prophetie geht hier von der allgemeinen Voraussage zur besonderen über, von den geschichtlichen und erfüllten Gerichten über Assyrien zur schlussendlichen Zerstörung aller heidnischen Weltmächte beim Wiederkommen des Herrn in Herrlichkeit.
- Vgl. John D. Barry u. a., Faithlife Study Bible (Bellingham, WA: Lexham Press, 2012, 2016), Jes 2,13–16.. ↩︎2:13 cedars of Lebanon A highly prized building material symbolizing earthly wealth and splendor (1 Kgs 5:6; Ezek 27:5).
the large trees of Bashan Another prized building resource symbolic of material wealth and power (Ezek 27:6).
2:16 the ships of Tarshish Symbolic of wealth produced by economic trade. The references in Isa 2:13–14 to Lebanon, Bashan, and the trading ships from Tarshish (see text note) focus on the primary wealth-building industries for the nations around Israel and Judah. Ezekiel’s oracles against the king of Tyre in Ezek 27 also reference these three areas in association with the power and wealth of the Phoenicians. - Vgl. William MacDonald, Kommentar zum Alten Testament, übers. von Christiane Eichler u. a., 2. Auflage. (Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung, 2010), 933–934.↩︎2,12–18 Ohne Übergang blickt Jesaja nun auf das Gericht an jenem Tag des HERRN, der dem Herrschaftsantritt Christi vorausgehen wird. Der HERR der Heerscharen wird mit allem menschlichen Hochmut abrechnen, sowohl mit dem persönlichen Hochmut (Zedern und Eichen) als auch mit Regierungen (hohe Berge) oder militärischen Mächten (Turm und Mauer) oder wirtschaftlicher Macht (Schiffe und kostbare Boote). Die Erhabenheit des Menschen wird erniedrigt, und der HERR allein wird erhöht sein. Die Götzen wird man wegtun.
- Vgl. John A. Martin, „Isaiah“, in The Bible Knowledge Commentary: An Exposition of the Scriptures, hg. von J. F. Walvoord und R. B. Zuck (Wheaton, IL: Victor Books, 1985), 1039.↩︎Then the prophet called on Judah to stop trusting in man (v. 22; cf. Ps. 118:8–9). Man is merely like a vapor. His breath can be snuffed out quickly. Therefore to trust in him is nonsensical, for man is easily removed (Isa. 2:9, 11–12, 17). In view of God’s coming judgment Judah should begin to turn to Him in the present. God’s glory should cause them to live righteous, holy lives and thus escape His severe judgment.