Matthäus 2,13-18

  1. Als sie aber weggezogen waren, siehe, da erschien ein Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter mit und flieh nach Ägypten, und bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird bald nach dem Kind suchen, um es zu vernichten.
  2. Er aber stand auf, nahm das Kind und seine Mutter noch in der Nacht und floh nach Ägypten.
  3. Und er blieb dort bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was vom Herrn durch den Propheten gesagt ist: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“
  4. Als Herodes sah, dass er von den Magiern hintergangen worden war, wurde er sehr zornig und sandte aus und ließ alle Jungen in Bethlehem und in seinem ganzen Gebiet töten, die zwei Jahre alt und darunter waren, nach der Zeit, die er bei den Magiern genau erforscht hatte.
  5. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist:
  6. „Eine Stimme ist in Rama gehört worden, Weinen und lautes Klagen: Rahel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr.“

Kommentar

Hier hat Gott seinen Sohn beschützt, indem er Josef im Traum begegnete – aber viele unschuldige Kinder kamen um. Hier wiederholt sich die grausame Tat, die zur Zeit der Geburt des Mose schon einmal durchgeführt wurde.

Wie kann der Mensch so grausam sein? Ich finde es schwer, über diesen Text nachzudenken, weil der Gedanke, einen kleinen Jungen zu verlieren, einfach unvorstellbar ist. Ein wenig ironisch ist es zudem, dass die drei nach Ägypten fliehen – in das Land, in dem der erste Kindermord stattgefunden hatte.

Zudem geht es hier weiter mit der Erfüllung von Prophetien, die – wenn man sie nachschlägt – gar nicht vom Messias zu handeln scheinen. Die erste in diesem Abschnitt zitierte Prophetie stammt aus Hosea 11,1. Liest man Hosea 11,1–2 im Zusammenhang, ist sehr offensichtlich, dass es hier nicht um den Messias geht:

„Als Israel jung war, gewann ich es lieb,
und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
So oft ich sie rief, gingen sie von meinem Angesicht weg.
Den Baalim opferten sie,
und den Götzenbildern brachten sie Rauchopfer dar.“
(Hos 11,1–2)

Hier geht es ganz offensichtlich um den Auszug Israels aus Ägypten unter Mose, nicht um den Messias. Es scheint unsinnig anzunehmen, dass Matthäus – oder seine Leser – dies nicht bemerkt haben sollten. Umso mehr stellt sich die Frage, wie Matthäus hier ernsthaft von einer erfüllten Prophetie sprechen kann.

Es gibt zwei Gründe, warum Matthäus dies dennoch tut und warum es für seine Leser kein Problem darstellte. Zum einen wird der Messias Jesus als der vollkommene Israelit dargestellt. Viele Motive und Erfahrungen Israels wiederholen sich im Leben Jesu.1 Das zeigt sich auch im weiteren Wirken Jesu, etwa wenn seine 40 Tage in der Wüste die 40 Jahre der Wüstenwanderung Israels spiegeln.2

Zum anderen scheint das Zitat – wie bereits bei der Jungfrauengeburt – bewusst als Verweis auf den weiteren Kontext gedacht zu sein. Auch wenn Hosea 11,1 klar vom alten Israel spricht, zeigt der folgende Abschnitt besonders Gottes Schutz und väterliches Handeln gegenüber seinem Sohn.3

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum Matthäus dieses Zitat bereits bei der Flucht nach Ägypten einbaut und nicht erst bei der Rückkehr Jesu aus Ägypten.4

Ähnlich verhält es sich mit dem Zitat aus Jeremia 31,15–17. Auch hier geht es im ursprünglichen Kontext nicht um ermordete Kinder,5 sondern um Kinder, die in die babylonische Gefangenschaft geführt wurden:

„Eine Stimme ist in Rama gehört worden,
Klage, bitteres Weinen:
Rahel beweint ihre Kinder.
Sie will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder,
denn sie sind nicht mehr da.

Es gibt Hoffnung für deine Nachkommenschaft, spricht der HERR,
und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren.“
(Jer 31,15–17)

Doch gerade der weitere Kontext dieses Abschnitts führt deutlich zum messianischen Hoffnungshorizont. Rahel wird immer wieder weinen müssen, bis schließlich der Messias kommt und der neue Bund geschlossen wird (Jer 31,31).6

Als apologetische Prooftexte wirken beide Zitate zunächst sehr ungewöhnlich. Liest man sie jedoch als bewusste Verweise auf ihren größeren Zusammenhang, gewinnen sie deutlich an Tiefe. Zugleich fordern sie uns dazu auf, diese Texte nicht isoliert, sondern in ihrem biblischen Kontext zu lesen.


Fragen zum Nachdenken

  1. Warum baut Matthäus solche Zitate ein, obwohl ihm klar gewesen sein muss, dass sie für einen oberflächlichen Leser zunächst falsch oder irritierend wirken?
  2. Wie können wir von dieser Art der Schriftauslegung profitieren, und was können wir aus der Methode Matthäus’ lernen?

Quellen

  1. Theodor Zahn, Introduction to the New Testament, übers. von Melancthon Williams Jacobus (Edinburgh; London; New York: T&T Clark; Simpkin, Marshall, Hamilton, Kent and Co. Limited; Charles Scribner’s Sons, 1909), 538.
    By this also a word of prophecy found fulfilment, not a prophecy with regard to the coming Messiah, but a passage in which Hosea recalls historically Israel’s departure from Egypt (2:15). The fact that the child Jesus fled to Egypt and not to Damascus, for example, the author regards as a significant ordering of events on the part of God from which we should recognise the repetition of the history of Israel in the history of Jesus; He was no more unfitted for the fulfilment of His vocation by His residence in Egypt than was Israel by theirs.
    ↩︎
  2. John Anthony Dunne, „Jesus, Temptation of“, in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).
    In Matthew and Luke’s accounts, Jesus is tempted in the wilderness for forty days (Matt 4:2; Luke 4:2). The specific temptations depicted by Matthew and Luke, however, likely occur at the conclusion of the forty day period of temptation (Bock, Luke 1:1–9:50, 369–370). This forty day temptation recalls Israel’s 40 years wandering in the wilderness (Num 14:20–38). The specific temptations that Jesus experiences, and His scriptural responses taken from Deut 6 and 8, demonstrate further parallels between the two events. These parallels may identify Jesus as Israel’s representative, the true Israel, the one who remained obedient in all the places where Israel failed (Holwerda, Jesus and Israel, 44–45; Lunde, Following Jesus, 219; France, Jesus and the Old Testament, 51). The correspondence between these two events can be considered typological because God intended the pattern between the original type (Israel), and the antitype (Jesus). Thus, Israel’s disobedience was intended to prefigure Jesus’ complete obedience to God.
    ↩︎
  3. Richard M. Davidson, „Inner-Biblical Hermeneutics: The Use of Scripture by Bible Writers“, in Biblical Hermeneutics: An Adventist Approach, hg. von Frank M. Hasel, Bd. 3 of Biblical Research Institute Studies in Hermeneutics (Silver Spring, MD: Biblical Research Institute; Review & Herald Academic, 2021), 256.
    Matthew 2:15 represents another instance in which the critical scholars who charge Matthew with unfaithfulness to the Old Testament context have themselves failed to discern the larger context of Hosea 11:1, which unfolds the exodus typology of the Bible writers.
    It is true that Hosea 11:1 in its immediate historical context refers to the past historical exodus of ancient Israel from Egypt. The verse reads: “When Israel was a child, I loved him, and out of Egypt I called My son.” The next verse describes the historical circumstances of the nation of Israel’s turning away from Yahweh to serve the Baals.
    However, it is crucial to see not only the immediate context but also the wider context of this verse. C. H. Dodd demonstrates how the New Testament writers often cite a single Old Testament passage as a pointer for the reader to consider the whole larger context of that passage, showing that the larger context of Hosea 11:1—both in the book of Hosea itself and in other contemporary eighth-century prophets—describes a future New Exodus connected with Israel’s return from exile and the coming of the Messiah.
    ↩︎
  4. Walter C. Kaiser, Jr., The Uses of the Old Testament in the New (Chicago: Moody Press, 1985), 51.
    The fact that Matthew introduced this quote at verse 15 and not after verse 20 or even verse 22 clearly points to the fact that the Exodus or departure, of the Holy Family from Egypt is not his reasion for introducing the quotation at this point. Instead, the emphasis falls exactly where it did in the context of Hosea: the preserving love of God for his seed, Israel.
    ↩︎
  5. ibid, 56.
    Did Jeremiah specifically predict the slaughter of infants in Bethlehem during Jesus‘ day? No, not specifically, but generaically he did. A generic prophecy, according to Willis J. Beecher, „is one which regards an event as occurring in a seiries of parts, separated by intervals, and expresses itself in language that may apply indifferently to the nearest part, or to the remoter parts, or to the whole. – […]
    The words are indeed proverbial and in that sense are timeless […]
    Again, the whole context of the book of comfort must be brought to bear on the total understanding of this passage. Thus Rachel must weep yet once more in Herod’s time before that grand day of God’s new David and new Israel.
    ↩︎
  6. ibidm 55.
    Rachel has continued to weep, according to this proverb, for an unspecified length of time, but especially on thouse occasions when her children were once again visited by the grim hand of death, calamity, and national disruption. […] Clearly, the context of Rachel’s weeping lies within the bounds of the ultimate hope of God’s final eschatological act.
    Thus, Jermiah’s message and intention were not confined to the people of his day. In fact, there are clear eschatological signals in his expression. „At that time“ (Jer 31:1) is the time indicated in Jeremiah 30:24, „in the latter days“ (i.e., „in the end of the days“). It is the era of the „new covenant“ (Jer. 31:31-34) and the day when his covenant with David and the Levitical priests come to fruition (Jer. 33:17-26).
    ↩︎

2 Kommentare

  1. Was du hier nicht sehen möchtest ist, dass hier „Prophetien“ im Nachhinein gedeutet werden, Stichwort „Texas sharpshooter fallacy“
    Siehe dazu auch: https://qr.ae/pCOKtt
    Wer so mit Prophetien umgeht, der kann alles Beliebige in die Bibel hineinlesen. Und wer sagt denn, dass die Leser/Hörer vom Matthäusevangelium so einfach Zugang zu den AT-Texten hatten, um sich vom Kontext der Bibelstellen zu überzeugen? Diejenigen, die eine Ahnung von AT hatten, nämlich die Schriftgelehrten, die haben Jesus klar als falschen Messias erkannt. Diejenigen, die ungebildet waren (siehe Apg. 4,13), größtenteils nicht lesen konnten, den man also alles einreden konnten, die haben Jesus als Messias betrachtet.

    Der Kindermord ist ziemlich sicher eine Erfindung von Matthäus.
    Die Frage stellt sich auch, warum Herodes alle Kinder in Bethlehem umbringen lassen sollte. Warum sollte er hunderte Kinder (er beauftrage alle männlichen Kinder unter 2 Jahren in Bethlehem und im umliegenden Gebiet zu ermorden) umbringen lassen und sich den Ärger der Bevölkerung zuziehen, wenn er ganz einfach einen einzelnen Königsanwärter jederzeit später beseitigen könnte? Und wer würde schon einen Haufen Kinder umbringen, nur weil ein paar Fremde, die aus dem Osten kamen, der Meinung sind, dass gerade der Messias geboren wurde? Es hätte mit Sicherheit einen massiven, blutigen Aufstand der Juden gegeben, der in der Geschichtsschreibung nicht unerwähnt geblieben wäre, denn kein Volk sieht tatenlos zu, wie die eigenen Kinder umgebracht werden.

    Und letztlich ist noch interessant, was der Auslöser für den Kindermord ist. Der Auslöser des ganzen ist der Stern, dem die Weisen folgen, der sie nach Jerusalem statt nach Bethlehem führte! Man muss sich das mal vorstellen, ein von Gott gelenkter Stern, der sie ja dann schlussendlich direkt und präzise zum Haus führte, wo Jesus geboren wurde (Mt. 2,9), macht vorher einen Abstecher nach Jerusalem. Nur deswegen landen sie bei Herodes, der von der Geburt des vermeintlichen Königs Jesus überhaupt erst dadurch erfährt. Hätte der Stern die Weisen direkt vom Morgenland nach Bethlehem geführt, hätten die Kinder nicht sterben müssen. Der Tod der Kinder geht also ganz allein auf Gottes Konto, der ja offensichtlich den Stern gelenkt haben muss.

    1. Eine Möglichkeit ist, die matthäischen „Erfüllungszitate“ grundsätzlich als nachträgliches Hineinlesen zu verstehen. Dieses Argument ist nachvollziehbar und in sich konsistent – unter der Voraussetzung, dass Matthäus entweder sehr ignorant war oder bewusst manipulativ vorging und davon ausging, dass seine Leser den alttestamentlichen Kontext nicht kannten oder nicht überprüfen konnten.

      Genau diese Voraussetzung halte ich jedoch für fragwürdig. Auffällig ist nämlich: Matthäus geht sehr selektiv mit solchen Formeln um. Bereits kurz später greift er auf Jesaja zurück, wo ein messianischer Zusammenhang wesentlich naheliegender ist – und dort verzichtet er explizit auf die Formel „damit erfüllt würde…“.
      Wenn Matthäus seine Hörer grundsätzlich als bibelunkundig oder leichtgläubig eingeschätzt hätte, wäre gerade dort eine explizite Markierung viel sinnvoller gewesen. Stattdessen verwendet er die Erfüllungsformel gerade bei Texten, die uns heute als „aus dem Kontext gerissen“ erscheinen. Das spricht eher dafür, dass er davon ausging, dass seine Argumentation verstanden und zumindest als legitim wahrgenommen werden konnte.
      Der methodisch bequemere Ansatz ist zu sagen: „Matthäus und seine Leser waren naiv oder unwissend.“ Der deutlich anspruchsvollere – und aus meiner Sicht historisch plausiblere – Ansatz ist, ernsthaft zu fragen, warum diese Bezüge für damalige Hörer argumentativ tragfähig gewesen sein könnten, auch wenn sie uns fremd erscheinen.

      Zur Frage der Bildung: Ob die Mehrheit lesen konnte, ist letztlich nebensächlich. In der Antike funktionierte Textkenntnis primär über orale Rezeption. Selbst Lesekundige hatten selten privaten Zugang zu Schriftrollen. Entscheidend ist daher nicht Alphabetisierung, sondern ob die Zielgruppe im synagogalen und religiösen Kontext sozialisiert war, in dem die Schriften regelmäßig öffentlich gelesen und ausgelegt wurden. Für die mutmaßlich jüdisch-christliche Hörerschaft des Matthäus ist das zumindest plausibel – auch wenn es sich weder beweisen noch widerlegen lässt.

      Zum Kindermord selbst: Von „hunderten Kindern“ zu sprechen ist sehr wahrscheinlich anachronistisch. Bethlehem dürfte zur Zeit Jesu etwa 1.000 Einwohner gehabt haben. Selbst unter Einbeziehung des „umliegenden Gebiets“ – das kaum im modernen administrativen Sinn zu verstehen ist – bewegen sich realistische Schätzungen eher im Bereich einiger Dutzend Kinder, nicht mehrerer Hundert. Das relativiert nicht die Grausamkeit, aber die historische Plausibilität.

      Vor dem Hintergrund der bekannten Biographie des Herodes ist das Geschehen keineswegs abwegig. Josephus schildert ihn als extrem paranoid, bereit, selbst Familienmitglieder präventiv zu töten. Dass es zu keinem dokumentierten Aufstand kam, ist tragisch, aber nicht überraschend. Terrorregime erzeugen selten offene Revolten. Dass uns außerhalb des Matthäusevangeliums keine Quelle überliefert ist, ist bedauerlich, aber kein Beweis gegen die Historizität.

      Der stärkste Einwand ist aus meiner Sicht jedoch der letzte, und den kann man nicht einfach auflösen. Der Auslöser des Geschehens ist der Stern. Er führt die Weisen zunächst nach Jerusalem – nur etwa neun Kilometer von Bethlehem entfernt – und damit zu Herodes. Erst später leitet er sie präzise zu dem Haus, in dem Jesus ist. Ohne diesen ersten Weg nach Jerusalem hätte Herodes von der Geburt dieses vermeintlichen Königs nie erfahren, und es wäre nicht zum Kindermord gekommen.
      Man kann zur Kenntnis nehmen, dass Jerusalem als Hauptstadt in unmittelbarer Nähe lag und dass es aus der Perspektive der Weisen naheliegend gewesen sein mag, dort einen neugeborenen „König der Juden“ zu vermuten. Aber selbst das ändert nichts am Kern des Problems: Wenn Gott den Stern lenkt, hätte er ihn auch anders lenken können. Hätte Gott dieses Massaker verhindern wollen, hätte er dazu Mittel gehabt. Der Text selbst liefert dafür keine Erklärung.

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