Genesis 4,17–26
Eigene Übersetzung
- Und Kain erkannte seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar den Henoch. Und er wurde Erbauer einer Stadt, und er nannte den Namen der Stadt wie den seines Erstgeborenen: Henoch.
- Und dem Henoch wurde Irad geboren; und Irad zeugte Mehujael, und Mehujael zeugte Metuschael, und Metuschael zeugte Lamech.
- Und Lamech nahm sich zwei Frauen; der Name der ersten war Ada, und der Name der zweiten Zilla.
- Und Ada gebar Jabal; dieser wurde Vater derer, die in Zelten wohnen und Vieh besitzen.
- Und der Name seines Bruders war Jubal; er wurde Vater aller, die mit Zither und Flöte umgehen.
- Und auch Zilla gebar: Tubal-Kain, ein Schmied, der Kupfer und Eisen bearbeitete; und die Schwester Tubal-Kains war Naama.
- Und Lamech sprach zu seinen zwei Frauen: Ada und Zilla, hört meine Stimme, Frauen Lamechs, hört auf meine Rede! Ja, einen Mann habe ich erschlagen wegen einer Wunde, einen jungen Mann wegen einer Strieme.
- Wenn Kain siebenfach gerächt wird, so wird Lamech siebenundsiebzigfach gerächt.
- Und Adam erkannte wieder seine Frau, und sie gebar ihm einen Sohn und gab ihm den Namen Set; denn Gott hat mir einen anderen Samen gegeben anstelle Abels, den Kain erschlagen hat.
- Und auch dem Set wurde ein Sohn geboren, und er gab ihm den Namen Enosch; damals fing man an, den Namen Jahwes anzurufen.
Kommentar
Laut Bibel gab es außer Adam und Eva und ihren Kindern keine anderen Menschen. Manch einer hat sich daher gefragt, woher Kain seine Frau nahm.
Die Bibel beantwortet diese Frage nicht direkt; am wahrscheinlichsten ist, dass er eine seiner Schwestern heiratete.
Auch später in Genesis sehen wir noch, dass Menschen ihre nahen Verwandten heirateten, ohne dass die Bibel negative Konsequenzen erwähnt.1Die Heilige Schrift. Aus dem Grundtext übersetzt. Elberfelder Übersetzung. Edition CSV Hückeswagen (Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 2015).
Heute kennen wir genetische Probleme bei Geschwisterehen. Die Bibel scheint davon in der Frühzeit jedoch nichts zu wissen. Erst nach dem Auszug aus Ägypten wird Geschwisterehe verboten.
Da die Probleme solcher Verwandtenehen durch Mutationen im Erbgut entstehen, ist es naheliegend anzunehmen, dass Gott den Menschen ursprünglich ohne diese Defekte geschaffen hat und sich erst im Laufe der Zeit genügend Mutationen angesammelt haben, um die Risiken zu erhöhen.
In Kains Linie wird dann zunächst etwas Positives berichtet: ein bemerkenswerter Erfindergeist.
Bei Tubal-Kain müsste wahrscheinlich ebenso wie bei seinen Halbbrüdern „Vater derer …“ ergänzt werden; möglicherweise ging diese Formulierung im Überlieferungsprozess des hebräischen Textes verloren.
Mitten in dieses Geschlechtsregister wird Lamechs Rede eingefügt. Er ist der erste Polygamist, und er rühmt sich auch noch, einen jungen Mann erschlagen zu haben – und zwar auf eine Weise, die zeigt, dass er sich für stärker hält als Gott, der Kain „nur“ siebenfach rächt.
Da Lamechs Rede ein poetischer Parallelismus ist, ist davon auszugehen, dass beide Zeilen dieselbe Person meinen: Er hat nicht zwei Männer getötet, sondern einen – einen jungen Mann.
Der Name Set bedeutet schlicht „Ersatz“ und spiegelt den Schmerz und die Enttäuschung wider, die Adam und Eva nach Abels Tod empfunden haben.2Detlef Kühlein, Hosea, Die Bibel für Kopf und Herz (Der bibletunes-Kommentar) (bibletunes.de; Faithlife, 2022).
Enosch bedeutet „Mensch“, anders als Adam jedoch mit Betonung auf Schwäche, Vergänglichkeit und Hinfälligkeit..3Abraham Meister, „Enos“, in Biblisches Namenlexikon (Pfäffikon ZH, Schweiz: Verlag Mitternachtsruf, 1991), 113.
Dass erst jetzt – wohl über 200 Jahre nach der Schöpfung – erwähnt wird, dass man begann, den Namen Jahwes anzurufen, wirkt zunächst eigenartig. Kains Linie hatte offensichtlich wenig Interesse daran, aber Adam und Eva hatten Gott nicht völlig vergessen. Auch Kain und Abel brachten Opfer dar.
Wahrscheinlich geht es hier nicht darum, dass man erstmals religiös handelte, sondern um eine spezifische Form der Hinwendung zu Gott: Eine Möglichkeit ist, dass Gott nun bewusst mit seinem Namen angerufen wurde – im Unterschied zu anderen Göttern.4M. G. Easton, in Illustrated Bible Dictionary and Treasury of Biblical History, Biography, Geography, Doctrine, and Literature (New York: Harper & Brothers, 1893), 228.
Eine andere Idee worum es geht, wäre das bewusste Anrufen Gottes durch Sprache, vielleicht im Rahmen früher Wortgottesdienste.5Erik Larson, „Worship in Jubilees and Enoch“, in Enoch and the Mosaic Torah: The Evidence of Jubilees, hg. von Gabriele Boccaccini u. a. (Grand Rapids, MI; Cambridge, U.K.: William B. Eerdmans Publishing Company, 2009), 371.
Ich denke jedoch, dass es auch mit der Geburt eines Kindes zusammenhängt. Der einfache Glaube eines Kindes – und die Fragen eines Kindes – können Eltern wieder näher zu Gott führen. Viele Menschen, die sich vom Glauben entfernt haben, erinnern sich durch die Geburt eigener Kinder daran, wie wichtig Gott in ihrer eigenen Kindheit war, und beginnen daher wieder bewusster zu glauben.6Michele F. Margolis, From Politics to the Pews: How Partisanship and the Political Environment Shape Religious Identity (Chicago, IL: The University of Chicago Press, 2024).
Vielleicht spiegelt auch Sets Namenswahl das wider: Er erkannte, wie zerbrochen die Welt bereits war (trotz ihres vorsintflutlichen, im Vergleich zu heute „guten“ Zustands). Sein Sohn heißt deshalb „der schwache Mensch“ – und gerade das führt ihn dazu, Gott anzurufen, um Kraft für dieses fragile Leben zu finden.
Fragen zum Nachdenken
- Wieso findet sich der Erfindergeist in Kains und nicht in Sets Linie? Wie wurden sie „Vater aller, die …“, obwohl die Sintflut zwischen ihnen und den späteren Israeliten liegt?
- Hat es eine Bedeutung, dass Polygamie, Mord und Erfindergeist so dicht beieinander auftreten?
- Welche weiteren Verbindungen siehst du zwischen der Geburt des „schwachen Menschen“ und dem Anrufen Gottes?
- Hast du bereits Kinder? Wenn ja, wie hat das deine Beziehung zu Gott beeinflusst? Wenn nein, was würdest du vielleicht ändern, wenn du plötzlich Verantwortung für so ein kleines Wesen hättest?
- 1Die Heilige Schrift. Aus dem Grundtext übersetzt. Elberfelder Übersetzung. Edition CSV Hückeswagen (Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 2015).
- 2Detlef Kühlein, Hosea, Die Bibel für Kopf und Herz (Der bibletunes-Kommentar) (bibletunes.de; Faithlife, 2022).
- 3Abraham Meister, „Enos“, in Biblisches Namenlexikon (Pfäffikon ZH, Schweiz: Verlag Mitternachtsruf, 1991), 113.
- 4M. G. Easton, in Illustrated Bible Dictionary and Treasury of Biblical History, Biography, Geography, Doctrine, and Literature (New York: Harper & Brothers, 1893), 228.
- 5Erik Larson, „Worship in Jubilees and Enoch“, in Enoch and the Mosaic Torah: The Evidence of Jubilees, hg. von Gabriele Boccaccini u. a. (Grand Rapids, MI; Cambridge, U.K.: William B. Eerdmans Publishing Company, 2009), 371.
- 6Michele F. Margolis, From Politics to the Pews: How Partisanship and the Political Environment Shape Religious Identity (Chicago, IL: The University of Chicago Press, 2024).
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