Matthäus 3,7–12
Eigene Übersetzung
7 Als er aber viele Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Otternbrut! Wer hat euch angewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen?
8 Bringt nun Früchte, die der Gesinnungsänderung entsprechen,
9 und meint nicht, bei euch selbst sagen zu können: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch, dass Gott aus diesen Steinen Kinder Abrahams erwecken kann.
10 Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum nun, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
11 Ich taufe euch mit Wasser zur Gesinnungsänderung; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht würdig, ihm die Sandalen zu tragen. Er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen.
12 Seine Worfschaufel ist in seiner Hand, und er wird seine Tenne gründlich reinigen: den Weizen wird er in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.
Kommentar
In dieser Predigt Johannes des Täufers wird deutlich, dass er keinerlei Scheu hat, seine Zuhörerschaft scharf zu konfrontieren. Eine sprachliche Härte, wie sie heute nur noch selten in der Verkündigung anzutreffen ist.
Rückblickend erscheint seine Kritik an den Pharisäern und Sadduzäern nachvollziehbar, insbesondere im Licht der späteren Konflikte mit Jesus und der Ereignisse um die Kreuzigung. Für die damalige Zeit jedoch war ein solch negatives Bild keineswegs selbstverständlich. Vor allem die Pharisäer genossen im Volk hohes Ansehen. Sie entstammten größtenteils dem einfachen Volk und bildeten eine religiöse Elite. Ihre öffentliche Anklage dürfte in ihrer Wirkung vergleichbar sein mit einer pauschalen Verurteilung heutiger evangelikaler Prediger, Theologen und Evangelisten als „Otternbrut“. Die Kritik zielte weniger auf ihre Lehre als auf die Diskrepanz zwischen äußerer Frömmigkeit und innerer Haltung.
Die Sadduzäer hingegen waren weniger populär. Sie gehörten nicht nur zur religiösen, sondern häufig auch zur gesellschaftlichen Oberschicht.1 Ihr Wohlstand und ihre enge Zusammenarbeit mit den römischen Besatzern trugen zusätzlich zu ihrem schlechten Ruf bei. Entsprechend finden sich in den antiken Quellen kaum positive Darstellungen dieser Gruppe.2
In der populären Darstellung gelten die Sadduzäer oft als „liberal“ und die Pharisäer als „konservativ“. Dieses Schema greift jedoch zu kurz. Beide Gruppen waren religiös konservativ. Die Sadduzäer akzeptierten ausschließlich die fünf Bücher Mose als verbindliche Schrift3, während die Pharisäer neben den übrigen Schriften vor allem auch eine umfangreiche mündliche Überlieferung berücksichtigten.4 In diesem Punkt standen die Sadduzäer dem Prinzip einer ausschließlichen Schriftbindung sogar näher als die Pharisäer.
Johannes richtet seine Kritik jedoch nicht primär gegen die Theologie beider Gruppen, sondern gegen ihre Praxis. Ihnen fehlen die Früchte, die eine echte Gesinnungsänderung erwarten ließe. Diese Kritik lädt dazu ein, den Maßstab nicht nur an der religiösen Elite der damaligen Zeit anzulegen, sondern auch an sich selbst zu prüfen, ob das eigene Leben entsprechende Früchte hervorbringt.
Beide Gruppen gingen von einem kommenden Zorn und einem endzeitlichen Gericht aus.5 Zwar unterschieden sie sich in Fragen wie Auferstehung und ewiges Leben, doch die Gewissheit eines göttlichen Gerichts war gemeinsam. Genau dieses Gericht greift Johannes auf. Die Bildsprache der Verse 10 und 12 macht deutlich, dass Johannes dieses Gericht als unmittelbar bevorstehend versteht. Derjenige, der nach ihm kommt, wird es vollziehen.
Die Aussage, dass dieser Kommende mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen wird, ist exegetisch umstritten. Manche sehen darin zwei Bezeichnungen für eine einheitliche Wirkung, andere – im Kontext plausibler – unterscheiden zwei verschiedene Taufen: die Taufe mit dem Heiligen Geist für die Umkehrbereiten und die Taufe mit Feuer als Bild für das endzeitliche Gericht.6
Diese Deutung fügt sich in die zuvor verwendeten Fruchtbilder ein. In Vers 8 geht es um Früchte der Umkehr, in Vers 12 um Weizen und Spreu. Der Weizen wird gesammelt, die Spreu verbrannt. Wenn von „unauslöschlichem Feuer“ die Rede ist, liegt der Fokus nicht auf der Dauer des Brennens, sondern auf der Unabwendbarkeit des Gerichts: Was Gott dem Feuer übergibt, kann von niemandem mehr aufgehalten werden.
Fragen zum Nachdenken
- Wann ist es angebracht, mit der Schärfe zu sprechen, die Johannes hier verwendet?
- Wie können wir uns selbst ehrlich prüfen und, wenn nötig, zur Umkehr bereit sein?
- Was lernen wir aus Johannes’ Selbstverständnis und seiner Demut gegenüber dem Kommenden?
Quellen
- John D. Barry u. a., Faithlife Study Bible (Bellingham, WA: Lexham Press, 2012, 2016).↩︎While their writings are no longer extant, the information available suggests that the Sadducees were a rather small group of individuals and families who maintained a strong influence on the leadership of the Jewish people under Roman rule. They were popular with the aristocracy and the wealthy, but they did not enjoy the support of most of the people.
- Joel Willitts, NT202 A Survey of Jewish History and Literature from the Second Temple Period, Logos Mobile Education (Bellingham, WA: Lexham Press, 2015).↩︎We want to now consider what we can know from our sources about the Sadducees. And while the group, Sadducees, is quite well known, our sources about them are quite few, and in many respects, they’re hostile. We have, in other words, no sympathetic source material for the Sadducees. No one seems to like them in our ancient source material.
- David S. Dockery, Hrsg., Holman Bible Handbook (Nashville, TN: Holman Bible Publishers, 1992), 518.↩︎The Sadducees, who were generally aristocrats, had accommodated themselves to a degree of Hellenistic influence. They carefully guarded the prosperity they enjoyed from commerce with the Gentile world. They were religiously conservative in that they supported the temple and the priesthood and held to the traditional faith of the Hebrew Scriptures. They accepted only the Pentateuch as Scripture, but not the Prophets or Writings. They regarded the more recent rulings the Pharisees applied to the Torah as ill-founded, repressive, contrary to the authority of the written law, and contrary to the best interests of the people and the nation. Neither did they believe in angels or in resurrection.
- S. Westerholm, „Pharisees“, in Dictionary of Jesus and the Gospels, hg. von Joel B. Green und Scot McKnight (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1992), 609.↩︎The Pharisees appear in our sources as a distinct party in Judaism of the late Second Temple period, with their own vision of what Israel’s* standing as God’s covenant people entailed. Characteristic of the Pharisaic position was their adherence to a body of traditional material (Gk paradosis) handed down “from the fathers,” which defined correct behavior in a number of ways and which represented both an interpretation of and a supplement to Pentateuchal Law
- Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 155–156.↩︎Wer hat euch angeleitet, dem kommenden Zorn zu entfliehen? bedeutet: Im jetzigen Zustand können sie dem Gericht Gottes nicht entkommen. ὑποδείκνυμι [hypodeiknymi] heißt „zeigen“ oder „Weisung geben“, wir versuchten, beide Elemente durch die Übersetzung anleiten aufzunehmen. Zorn, ὀργή [orgē], verdeutlicht durch μελλούση [mellousē], kommend oder „zukünftig“, meint die Verurteilung der Sünder, der Gottlosen und Gottesfeinde im Endgericht Gottes. Dass es ein solches Endgericht gibt, steht für alle, den Täufer, die Pharisäer und die Sadduzäer, fest. Und auch für das Gottesbild im NT stellt Gustav Stählin mit Recht fest, dass der Zorn Gottes ebenso wie seine Liebe „ein wesentlicher und unaufgebbarer Zug im … Gottesbild“ bleibt. Hier herrscht eine Kontinuität „im NT wie im AT, bei Jesus wie bei den Propheten, bei den Aposteln wie bei den Rabbinen“.
- Ibid, 162–163.↩︎Aber in welchem Verhältnis stehen Geist und Feuer zueinander? Die Auffassungen differieren hier erheblich. Gaechter zum Beispiel sieht in beiden – Geist und Feuer – „Medien desselben Aktes“ und will sie als Hendiadyoin im Sinne von „durch das Feuer des heiligen Geistes“ auffassen. Nolland plädiert entschieden für das Gegenteil. Seiner Meinung nach liegen hier zwei Akte vor. Die Taufe mit dem Geist sei „purifikatorisch“ und die Kulmination („culmination“) der Johannestaufe. Die Taufe mit dem Feuer bedeute dagegen das spätere Gericht. Die Art, wie das NT sonst von der Jesustaufe spricht, nämlich als einer Taufe mit dem Geist ohne Erwähnung des Feuers (vgl. Apg 1,5; 2,38; 10,47; 11,16; 19,1ff; 1Kor 12,13), lässt uns die zweite dieser Auffassungen favorisieren. Wir sehen mit John Nolland und Friedrich Lang im taufen mit Feuer also das endzeitliche Gericht. Ist diese Auffassung richtig, dann kommt der Messias zuerst als einer, der durch Taufe und Geistverleihung rettet, und dann als der endzeitliche Richter, der im Feuer des Gerichts alles Böse und alle Gottesfeinde straft.
6 Replies to “Er verurteilt die religiöse Elite”