Matthäus 10,1–4
Bibeltext (Menge-Übersetzung)
- Er rief dann seine zwölf Jünger herbei und verlieh ihnen Macht über die unreinen Geister, so daß sie diese auszutreiben und alle Krankheiten und jedes Gebrechen zu heilen vermochten.
- Die Namen der zwölf Apostel aber sind folgende: Zuerst Simon, der auch Petrus heißt, und sein Bruder Andreas; sodann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes;
- Philippus und Bartholomäus; Thomas und der Zöllner Matthäus; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Lebbäus (mit dem Beinamen Thaddäus);
- Simon, der Kananäer, und Judas, der Iskariote, derselbe, der ihn verraten hat.
Kommentar
Unmittelbar nachdem Jesus die Jünger dazu aufgerufen hat, für Arbeiter in der Ernte zu beten, verleiht er ihnen Vollmacht, ähnliche Heilungen und Austreibungen zu vollbringen wie er selbst. Die Vollmacht kam nicht aus ihnen selbst heraus – Jesus gab sie ihnen.
Manche Theologien vertreten heute die Ansicht, dass Christen allein durch ausreichend Glauben alles tun könnten. Oft wird dies auf einzelne Aussagen Jesu gestützt, die aus ihrem Zusammenhang herausgelöst werden. Andere sehen diese Vollmacht als ein allgemeines Privileg aller Christen an.
Die Bibel scheint dies jedoch nicht zu unterstützen. Die Jünger besaßen diese Macht nicht von sich aus, und auch ein wachsender Glaube entfachte sie nicht in ihnen. Jesus selbst verlieh ihnen diese Vollmacht.
Außerdem gibt der vorausgehende Abschnitt einen klaren Zusammenhang vor: Die Vollmacht wurde gegeben, damit die Jünger die reife Ernte einbringen konnten, also Menschen für das Reich Gottes gewinnen. Jesus gab ihnen diese Vollmacht nicht in erster Linie, damit es ihnen persönlich gut geht oder damit sie sich gegenseitig heilen konnten, wie es in manchen charismatischen Gruppen im Zusammenhang mit der Gabe der Heilung teilweise praktiziert wird.
Zu den Namen
Auffällig ist, dass einige der Jünger Beinamen, zusätzliche Beschreibungen oder Erklärungen erhalten, andere jedoch nicht.
Beispiele sind:
- Simon, der Petrus genannt wird,
- Andreas als „sein Bruder“,
- Jakobus als „Sohn des Zebedäus“,
- Johannes ebenfalls als „sein Bruder“,
- Matthäus als „der Zöllner“,
- Jakobus als „Sohn des Alphäus“,
- Judas mit dem Beinamen Thaddäus (hier in manchen Handschriften als Lebbäus),
- Simon als „der Kananäer“,
- Judas als „der Iskariote“.
Keine zusätzlichen Beschreibungen erhalten dagegen:
- Philippus,
- Bartholomäus,
- Thomas.
Diese Verteilung von Beinamen und Beschreibungen zieht sich durch das gesamte Neue Testament. Sie stellt zugleich ein bemerkenswertes Indiz dafür dar, dass die Evangelisten tatsächliche Ereignisse aus dem Israel des ersten Jahrhunderts beschreiben – oder zumindest über sehr genaue Kenntnisse der damaligen Region verfügten.
Die Vergabe der Beinamen wirkt nämlich nicht zufällig. Vielmehr korreliert sie auffällig mit der Häufigkeit der jeweiligen Namen auf Gräbern und anderen Inschriften aus Judäa zwischen 330 v. Chr. und 200 n. Chr. Die umfangreichste Studie zu diesem Thema untersuchte 3.911 jüdische Namen.1 Dabei wurden unter anderem folgende Häufigkeiten festgestellt:
- Simon (Shim’on): 243 Belege (7,10 %)
- Judas (Yehuda): 164 Belege (4,79 %)
- Johannes (Yochanan): 112 Belege (3,27 %)
- Jakobus (Ya’akov): 73 Belege (2,13 %)
- Matthäus (Mattitiyahu): 62 Belege (1,81 %)
- Philippus (Philippos): 7 Belege (0,20 %)
- Andreas (Andreas): 3 Belege (0,09 %)
- Bartholomäus (Bar-Talmay): 2 Belege für den Vaternamen Talmay (0,06 %)
- Thomas (Te’oma): 1 fraglicher, nicht gesicherter Beleg
Dies passt bemerkenswert gut zur Verteilung der Beinamen im Neuen Testament. Offenbar wurden diese Zusätze nicht vergeben, weil sie besonders schön klangen, sondern weil sie nötig waren, um Personen eindeutig zu identifizieren.
Der einzige Name, der etwas aus dem Muster herausfällt, ist Andreas. Obwohl der Name sehr selten vorkommt, wird er häufig als „Bruder des Simon/Petrus“ bezeichnet. Das lässt sich jedoch gut dadurch erklären, dass hier die Verwandtschaftsbeziehung hervorgehoben wird – und möglicherweise auch Simon noch stärker identifiziert werden soll.
Auch die Namen vieler anderer Personen, denen Jesus in den Evangelien begegnet, passen gut zu diesem Muster der Namensverteilung. Das unterscheidet die Evangelien deutlich von vielen gnostischen Schriften, deren Namensverteilung wesentlich stärker die Verhältnisse in Ägypten widerspiegelt.
Natürlich beweist dies für sich genommen noch nicht, dass die berichteten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben. Es spricht jedoch deutlich dafür, dass die Berichte auf realen Begebenheiten beruhen und fest im jüdischen Umfeld des ersten Jahrhunderts verwurzelt sind.
In einer Zeit, in der alternative Evangelien zunehmend populär werden und oft als die „verborgene Wahrheit“ dargestellt werden, sind solche Daten hilfreich. Sie liefern gute Indizien dafür, dass viele dieser späteren Schriften nicht wirklich in das Judentum des ersten Jahrhunderts passen. Die Kirche verwarf sie daher nicht einfach deshalb, weil ihre Lehre missfiel, sondern weil sie nicht einmal aus dem Umfeld stammten, in dem Jesus gewirkt hatte.
Anwendung
Jesus sah die Not der Menschen, rief seine Jünger dazu auf, für Arbeiter zu beten, und befähigte anschließend genau diese Arbeiter.
Die Jünger waren nicht dazu berufen, den Auftrag aus eigener Kraft zu erfüllen.
Auch heute dürfen wir die gleiche Gewissheit haben: Wenn Jesus einen Auftrag für uns hat, ist er es auch, der uns dazu befähigt.
Für die Jünger des ersten Jahrhunderts bestand diese Befähigung in Wundertaten, die Jesus ihnen ermöglichte. Wenn Jesus heute von uns Wunder erwartet, wird er uns ebenfalls dazu befä
- 1 Tal Ilan, Lexicon of Jewish Names in Late Antiquity, Bd. 1, Part I: Palestine 330 BCE–200 CE, Texte und Studien zum antiken Judentum 91 (Tübingen: Mohr Siebeck, 2002). ↩︎
