Genesis 2,4-17

Eigene Übersetzung

  1. Dies ist die Geschichte des Himmels und der Erde in ihrer Erschaffung, am Tag, als Gott Jahwe Himmel und Erde gemacht hat.
  2. Ehe alles Strauch des Feldes auf der Erde wurde und ehe alles Kraut des Feldes sprosste – denn Jahwe Gott hatte es nicht regnen lassen auf der Erde und es war kein Mensch da, um den Erdboden zu bearbeiten –
  3. Und ein Nebel stieg auf von der Erde und gab der ganzen Erdoberfläche zu trinken.
  4. Und Jahwe Gott formte den Menschen, Staub vom Feld, und blies in seine Nase Atem des Lebens, und der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele.
  5. Und Jahwe Gott pflanzte einen Garten im Osten und setzte dort den Menschen, welchen er gemacht hatte.
  6. Und Jahwe Gott ließ von dem Erdboden alle Bäume hervorsprießen, lieblich anzusehen und gut zur Nahrung, und den Baum des Lebens inmitten des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
  7. Und ein Fluss ging hervor aus Eden, um den Garten zu tränken, und von dort teilte er sich und wurde zu vier Anfängen.
  8. Der Name des Ersten war Pischon; er umfließt das ganze Land Hawila, dort gibt es Gold.
  9. Und das Gold dieses Landes ist gut; dort ist das Bedolach-Harz und der Karneolstein.
  10. Und der Name des zweiten Flusses ist Gihon; er umfließt das ganze Land Kusch.
  11. Und der Name des dritten Flusses ist Tigris; er fließt gegenüber von Assur. Und der vierte Fluss ist der Euphrat.
  12. Und Gott Jahwe nahm den Menschen und stellte ihn in den Garten Eden, um ihn zu bearbeiten und zu bewahren.
  13. Und Gott Jahwe gebot dem Menschen und sprach: Von allen Bäumen des Gartens darfst du gewisslich essen.
  14. Aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem sollst du nicht essen; denn an dem Tag, an dem du von ihm isst, sollst du gewisslich sterben.

Kommentar

Dieser zweite Schöpfungsbericht wird oft kritisiert und als aus einer anderen Quelle stammend betrachtet als der erste Bericht. Dies liegt unter anderem daran, dass Gott im ersten Bericht ausschließlich mit dem Titel „Gott“ bezeichnet wird, während hier sowohl Titel als auch Bundesname („Jahwe“) verwendet werden. Außerdem scheint sich der Aufbau vom ersten Bericht zu unterscheiden. Daraus wurde geschlossen, es handle sich um eine zweite und eigenständige Schöpfungsgeschichte.

Was dabei jedoch übersehen wird, ist der unterschiedliche Fokus und Zweck der beiden Darstellungen. Beide Berichte wollen nicht in erster Linie wissenschaftliche Details liefern, sondern die Entstehung der Welt darstellen und dabei theologische Wahrheiten über Gott und den Menschen vermitteln.

Im ersten Bericht liegt der Schwerpunkt besonders auf der Vollmacht und Souveränität Gottes.
Hier dagegen geht es viel stärker um die Bundes- und Beziehungsebene. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass der Bundesname Gottes (Jahwe) konsequent verwendet wird.

Wir sehen außerdem, wie Gott fürsorglich einen Garten für den Menschen bereitet, ihn schafft, indem er ihm nahekommt und ihm den Lebensatem einhaucht, und wie er ihm eine Aufgabe und zugleich ein Gebot gibt.

Dieser Bericht steht auch in unmittelbarer Verbindung zum Sündenfall. Während der erste Bericht mit dem Sabbat abgeschlossen wird, endet dieser nicht im idyllischen Zustand des Gartens, sondern führt direkt in die Erzählung des Ungehorsams hinein. Im masoretischen Text zeigt sich dies unter anderem daran, dass der Abschnitttext strukturell von Gen 2,4 bis Gen 3,15 reicht. (Ich habe hier dennoch einen Abschnitt gesetzt, um es nicht zu lang zu machen)

Was die Bewässerung in Vers 6 betrifft, ist der genaue Begriff unsicher. „Nebel“ ist nur eine mögliche Übersetzung. Klar ist lediglich, dass ein Zustand beschrieben wird, den Israeliten gut verstanden: In ihrem Klima war Wachstum entweder vom Winterregen abhängig oder von gezielter Bewässerung. Ein Garten, der von einem Fluss gespeist wird, war daher etwas Besonderes. Er verlangte zwar Arbeit, aber weit weniger als die Weinberge Israels, die über Zisternen bewässert werden mussten.

Die Angabe, dass der Garten „im Osten“ lag, ist am wahrscheinlichsten aus israelitischer Perspektive gemeint: also östlich von Kanaan, jenseits der Wüste, im Gebiet des sogenannten „Fruchtbaren Halbmondes“, wo auch Euphrat und Tigris fließen. Die anderen beiden Flüsse sind heute nicht mehr sicher zu identifizieren, vermutlich handelte es sich jedoch ebenfalls um Flüsse, die den Israeliten vertraut waren.

Die Erwähnung der Flussnamen hilft uns also kaum, den Garten Eden geographisch genau zu lokalisieren – zumal die Sintflut die Erdoberfläche grundlegend verändert hat. Aber die Beschreibung zeigt, wo der Garten nach Vorstellung der damaligen Hörer zu verorten war: in jener fruchtbaren Region östlich des Landes Israel.

Auffällig ist außerdem, dass Gott dem Menschen viele gute und schöne Bäume schenkt – und einen, dessen Frucht verboten ist. Dadurch wird dem Menschen die Möglichkeit zur Entscheidung gegeben. Seine Bundestreue kann sich nur in der Möglichkeit zum Ungehorsam zeigen.

Noch eine kleine Beobachtung zum Hebräischen:
„Gewisslich essen“ und „gewisslich sterben“ haben dieselbe grammatische Form. Das Geschenk und die Warnung stehen sprachlich gleich stark nebeneinander.


Fragen zum Nachdenken

  1. Wie hilft uns die israelitische Perspektive dabei, diesen Bericht besser zu verstehen?
  2. Was bedeutet es für uns, dass der Garten an einem für Israeliten vorstellbaren Ort beschrieben wird?
  3. Welche Bedeutung könnte die Erwähnung von Gold und Edelsteinen im Zusammenhang mit dem Garten Eden haben?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert