Genesis 6,5–8

Eigene Übersetzung

  1. Und Jahwe sah, dass das Böse des Menschen groß auf der Erde war und alles Streben der Gedanken seines Herzens den ganzen Tag nur böse war.
  2. Und Jahwe bereute, dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, und es bekümmerte ihn bis ins Herz.
  3. Und Jahwe sprach: Ich werde den Menschen, den ich geschaffen habe, vom Angesicht der Erde vertilgen – vom Menschen bis zum Tier, bis zum Kriechtier und bis zum Vogel des Himmels –, denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe.
  4. Doch Noah fand Gunst in den Augen Jahwes.

Kommentar

In diesem Text wird Jahwe mit sehr menschlichen Worten beschrieben. Für einen Menschen wäre es normal, irgendwann seine Handlungen zu bereuen – aber wie kann ein allwissender Gott dazu kommen? Vor allem, da es an anderen Stellen ganz klar heißt, dass Gott kein Mensch ist und nicht bereut (Numeri 23,19).

Manche sehen hier einen Widerspruch und denken, der ursprüngliche Schreiber müsse „zu dumm“ gewesen sein, dies zu bemerken. Doch das ist eine eher arrogante Haltung, die davon ausgeht, wir heutigen Menschen seien klüger als alle früheren Generationen. Eine solche Sichtweise verstärkte sich besonders seit der Aufklärung, manchmal sogar mit falschen Behauptungen über die Vergangenheit untermauert,1Vgl. z.B. https://www.mdr.de/wissen/faktencheck/faktencheck-mittelalter-flache-erde-100.html hat aber mehr mit unserer Selbstwahrnehmung als mit historischen Tatsachen zu tun.

Als Numeri 23,19 niedergeschrieben wurde, war dem Schreiber (ob Mose oder nicht) sicherlich bewusst, dass in der Sintflutgeschichte dasselbe Verb für das scheinbar Gegenteilige verwendet wird. Ohne die Spannung der Texte aufzulösen entsteht eine neue Frage: Wieso konnten die frühen Autoren so etwas schreiben, ohne darin einen Widerspruch zu sehen?

Dass Jahwes Emotionen hier so menschlich wirken, wird noch verstärkt durch die Aussage, dass es ihn „bis ins Herz“bekümmerte. Das entspricht einer hebräischen Ausdrucksweise:
Emotionen werden häufig mit inneren Organen verbunden – Herz לֵב, Eingeweide רַחֲמִים, Nieren כְּלָיוֹת usw.2Vgl. Detlef Kühlein, Genesis, Die Bibel für Kopf und Herz (Der bibletunes-Kommentar) (bibletunes.de; Faithlife, 2022).

Herausfordernder ist jedoch, dass er überhaupt bereut. Das hebräische Verb נחם (nacham) hat ein breites Bedeutungsspektrum. Grundlegend steht es für ein schweres Ausatmen.

  • etwas bereuen,
  • getröstet werden,
  • Schmerz empfinden,
  • Mitgefühl haben.

Es muss also nicht bedeuten, dass Gott „einen Fehler gemacht hat“. Es kann bedeuten, dass er tiefen Schmerz über den Zustand des Menschen empfindet.3Vgl. M. Stephen Davis, „Repentance of God“, in Holman Illustrated Bible Dictionary, hg. von Chad Brand u. a. (Nashville, TN: Holman Bible Publishers, 2003), 1376–1377.

Trotzdem bleibt diese Beschreibung herausfordernd – besonders wenn wir uns Gott oft eher als stoisch, unberührbar und über allen Dingen vorstellen. Hier aber begegnet uns ein emotionaler Gott, der sowohl Schmerz als auch Gunst empfinden kann und auf das Handeln der Menschen hin seine Pläne ändert.


Eine weitere Herausforderung im Text ist die Frage, warum Gott auch die Tiere vernichten will, obwohl der Mensch die Ursache der Bosheit ist.
Wenn der Mensch so schlimm ist – warum dann auch die Tiere?

Und es bleibt offen, was genau die Menschen getan haben. Der Text sagt nur, dass die Bosheit „groß“ war. In den Versen davor wird erwähnt, dass die Menschen sich „Frauen nahmen, wie sie wollten“. Doch können Ehen wirklich die große Sünde gewesen sein, die die Flut auslöste?

Vers 5 sagt über das Handeln des Menschen, dass „alles Streben und jeder Gedanke seines Herzens den ganzen Tag nur böse war.“ Es scheint also nicht (nur) um die Ehen zu gehen, doch es werden keine konkreten Beispiele genannt was den Mensch so böses getan hat.

Selbst Jesus beschreibt die Zeit Noahs nicht mit dunklen Sünden, sondern mit alltäglichen Handlungen:

„Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie wurden verheiratet …“
– Lukas 17,26–27 (Elberfelder)

Jesu Vergleich mit der Zeit des Endes (bei der viele glauben, dass wir uns jetzt darin befinden) geht damit nur darauf ein, dass die Menschen nicht auf die Zeichen achteten und ihren normalen Alltag lebten. Manche Prediger nutzen diesen Text auch, um zu betonen, dass es am Ende so schlimm und böse sein wird – das mag schon sein, aber eigentlich beschreibt Jesus hier nicht die Bosheit. Es sei denn, Essen, Trinken und Heiraten waren die bösen Sünden, für die die vorsintflutliche Welt vernichtet wurde.


Fragen zum Nachdenken

  1. Was denkst du – warum konnten die ursprünglichen Autoren so schreiben, ohne darin einen Widerspruch zu sehen?
  2. Wie wirkt die Beschreibung Gottes auf dich in diesen Texten? Wie fordert sie dein Gottesbild heraus?
  3. Wieso gibt der Text keine klarere Aussage darüber, was die Sünde genau war? Was könnte so schlimm gewesen sein?
  4. Was will Jesus uns mit dem Vergleich zur Zeit Noahs sagen? Warum geht er dabei spezifisch nicht auf die Bosheit ein?

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