Matthäus 5,27–32
Eigene Übersetzung
- Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen.
- Ich aber sage euch, dass jeder, der eine Frau mit begehrlichem Blick ansieht, bereits in seinem Herzen mit ihr die Ehe gebrochen hat.
- Wenn aber dein rechtes Auge dich zur Sünde verführt, dann reiß es aus und wirf es von dir! Denn es ist besser für dich, dass ein Teil von dir verloren geht, als dass dein ganzer Körper in die Gehenna geworfen wird.
- Wenn aber deine rechte Hand dich zur Sünde verführt, dann schneide sie ab und wirf sie von dir! Denn es ist besser für dich, verstümmelt zu sein, als dass dein ganzer Körper in die Gehenna kommt.
- Es wurde aber gesagt: Wer seine Frau entlassen will, soll ihr einen Scheidebrief geben.
- Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt – es sei denn wegen einer Sache, die Ehebruch betrifft –, der macht, dass mit ihr Ehebruch begangen wird; und wer eine Entlassene heiratet, der bricht die Ehe.
Kommentar
Nach dem sechsten Gebot verschärft Jesus nun auch das siebte Gebot.
Zunächst zur Definition: In diesem Gebot geht es primär um Ehebruch. Ehebruch setzt immer eine bestehende Ehe voraus. In meiner Jugend habe ich diesen Text zeitweise so verstanden, als dürfe man überhaupt keine sexuelle Lust empfinden. Das sagt der Text jedoch nicht. Er verbietet nicht, eine Frau attraktiv zu finden, sie heiraten zu wollen oder sich vorzustellen, mit ihr zu schlafen.
Hier geht es explizit um Ehebruch. Kulturell wird der Text wohl zunächst so verstanden worden sein, dass jemand, der eine verheiratete (oder verlobte) Frau begehrlich anschaut, bereits Ehebruch begeht.1
Generell war Polygamie zur Zeit Jesu nicht in gleichem Maße verpönt wie heute.2 Daher könnte ein Hörer auch so gedacht haben, dass ein verheirateter Mann, der eine unverheiratete Frau begehrlich ansieht, keinen Ehebruch begeht.
Auch wenn das Alte Testament hier weniger streng wirkt, sind spätere neutestamentliche Texte klar monogam ausgerichtet. Damit ist davon auszugehen, dass Jesu Aussage in beide Richtungen gilt: Wenn einer der beiden Beteiligten verheiratet ist, beginnt der Ehebruch bereits mit der begehrlichen Lust.
Dann bringt Jesus zwei sehr drastische Bilder, um den Ernst der Sache zu verdeutlichen. Es wäre besser, den Körper zu verstümmeln, als diese Schuld auf sich zu laden. Der Zusammenhang mit dem Auge ist offensichtlich: Es ist das Auge, das sieht und Begehrde weckt – ähnlich wie bereits im Garten Eden.
Die Hand kann hier als Symbol für das Handeln verstanden werden. Das entspräche erneut der Abfolge der sogenannten Ursünde: sehen – begehren – nehmen.
Eine andere, ebenfalls diskutierte Auslegung ist, dass hier Selbstbefriedigung gemeint sein könnte und Jesus diese so scharf verurteilt, dass es besser wäre, die rechte Hand abzuhauen, als sie dafür zu benutzen.3 Diese Auslegung halte ich jedoch für weniger wahrscheinlich.
In der ersten Auslegung (Begehren einer verheirateten Frau und anschließendes Handeln) könnte die Erwähnung der Gehenna erneut zunächst irdisch verstanden werden. Die Gehenna war der Ort, an dem nach einer Hinrichtung die Leichen verbrannt wurden. Ehebruch wurde nach dem Gesetz mit der Todesstrafe (Steinigung beider Beteiligten) geahndet.
Sollte tatsächlich Selbstbefriedigung gemeint sein, wäre eine rein endgerichtliche Deutung der Gehenna plausibler.
Diese geistliche Bedeutung ist ohne Frage auch in der ersten Auslegung vorhanden. Wie bereits in der vorherigen Andacht gezeigt, ist sie jedoch vermutlich nicht die einzige, sondern eher eine sekundäre Ebene.
Das Gebot zum Scheidebrief stammt aus Deuteronomium 24,1. Damit wurde vorgeschrieben der Frau einen Beleg der Scheidung zu geben und sie damit freizugeben.4 Jesus macht jedoch deutlich, dass dies kein Freifahrtschein für beliebige Scheidungen und Wiederverheiratungen war.
Zur Zeit Jesu gingen manche Juden mit Ehescheidung sehr locker damit um.5
Die letzte Aussage dieses Abschnitts ist erneut sehr hart: Wer eine entlassene Frau heiratet, begeht Ehebruch. Das hat in konservativen Kreisen immer wieder dazu geführt, dass geschiedene Männer und Frauen – unabhängig vom Grund der Scheidung – zu lebenslangem Alleinsein verpflichtet wurden.
Ob das wirklich Jesu Intention wir ist unklar. Vielleicht ist es nur eine stark zugespitzte Aussage, die kulturell besonders Sinn machte, um die Missstände besonders häufigen Heiratens und Scheiden scharf zu kritisieren.
Fragen zum Nachdenken
- Warum ist Jesus in diesem Abschnitt so kompromisslos hart?
- Was hältst du von der Theorie, dass hier Selbstbefriedigung gemeint sein könnte?
- Warum galt das Heiraten einer entlassenen Frau als Ehebruch?
Quellen
- Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 312.↩︎Wie in 5,21ff der Zorn, so wird in 5,27ff die ehebrecherische Begierde verurteilt: Jeder, der eine Frau ansieht, um seine Begierde auf sie zu richten, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen. Auch hier muss man sorgsam hören. Mit Frau ist die Ehefrau, also die mit einem anderen verheiratete Frau, gemeint. Für ansieht ist das Allerweltswort gebraucht, βλέπειν [blepein] = „sehen“, „hinsehen“. Die entscheidenden Worte sind πρὸς τὸ ἐπιθυμῆσαι αὐτήν [pros to epithymēsai autēn], um seine Begierde auf sie zu richten. πρὸς τό [pros to] bezeichnet hier den Zweck und die Folge. Im Verlauf des Anblickens entsteht also die Begierde (vgl. Jak 1,14f), und der Betreffende erliegt ihr innerlich und bleibt dabei, die Frau anzusehen.
- Hausoul Raymond R., „Das Buch Maleachi“, in Das Buch Haggai und Das Buch Maleachi, hg. von Helmuth Pehlke, Bd. 43 of Edition C Bibelkommentar Altes Testament (Witten: SCM R. Brockhaus, 2011), 423.↩︎Polygamie war im Mittleren Osten weit verbreitet und wurde im Alten Testament auch nicht direkt getadelt (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 2.21). Die Propheten der Bibel verwendeten allerdings das Bild einer monogamen Ehe zwischen Jahwe und Israel als Vorbild der optimalen Ehe (Jes 50,1; 54,6–7; 62,4–5; Jer 2,2; Hos 1–14).
- Carl Friedrich Keil, Commentar über das Evangelium des Matthäus (Leipzig: Dörffling und Franke, 1877), 165.↩︎Der Versuch von Achel. aber, unter dem rechten Auge die geschlechtliche Liebe und den intersexuellen Verkehr, resp. die zu dieser Thätigkeit disponirte Seite oder die dazu geschaffenen Organe unsers inwendigen Menschen zu verstehen, bedarf als allegorische Umdeutung keiner ernsten Widerlegung.
- Adolf Schlatter, Das Evangelium nach Matthäus: Ausgelegt für Bibelleser, Zweite Auflage., Bd. I of Schlatters Erlӓuterungen zum Neuen Testament (Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1954), 61.↩︎5. Mose 24,1, verlieh dem Manne das Recht, die Frau zu entlassen, setzte aber fest, daß der Mann ihr eine schriftliche Bescheinigung ausstellen müsse, daß er jeden Anspruch an sie aufgebe. Um der Unordnung und Laune entgegenzuwirken, verlangte das Gesetz eine förmliche, nachweisbare Lösung des Verhältnisses und verstattete dem Manne nicht, bloß mit Worten der Frau die Türe zu weisen. Mit dieser Ordnung der Ehe konnte sich aber noch viel Härte, Grausamkeit und Unkeuschheit verbinden, die darum nicht rein wurde, weil am Scheidebrief nichts auszusetzen war.
- Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch (München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, 1922–1926), 312.↩︎Die alte Synagoge kennt eine ganze Reihe von Scheidungsgründen; dabei vertritt die Schule Schammais den strengeren Standpunkt, während die Schule Hillels zum Teil lax bis zur Frivolität urteilt. Die alttest. Grundstelle ist Dt 24, 1: „Wenn ein Mann ein Weib heiratet u. die Ehe mit ihr vollzieht, u. wenn sie dann keine Gnade in seinen Augen findet, weil er an ihr etwas Schandbares עֶרְיַת דָּבָר gefunden, u. er ihr einen Scheidebrief schreibt“ usw. Der Ausdruck ערות דבר, wörtlich: „eine Schande von Sache“, d. h. eine schändliche Sache, ist völlig unbestimmt u. kann sowohl etwas moralisch Schandbares, als auch etwas physisch Widerwärtiges bezeichnen.
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