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Matthäus 5,3–12

Eigene Übersetzung

  1. Glücklich die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich.
  2. Glücklich die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
  3. Glücklich die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben.
  4. Glücklich, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.
  5. Glücklich die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.
  6. Glücklich die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
  7. Glücklich die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
  8. Glücklich die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Himmelreich.
  9. Glücklich seid ihr, wenn man euch beschimpft und verfolgt und allerlei Böses über euch sagt um meinetwillen.
  10. Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel; genauso haben sie auch die Propheten verfolgt, die vor euch waren.

Kommentar

Der Anfang der Lehre Jesu auf dem Berg sind die sogenannten Seligpreisungen.
Das Wort, das bei Luther mit „selig“ übersetzt wurde, bezeichnet einen Zustand tiefer Zufriedenheit und des Wohlergehens. Dieses Wohlergehen kann religiös verstanden werden – wie auch in diesem Kontext –, es kann aber ebenso ein natürliches, alltägliches Wohlergehen bezeichnen.1

Das Überraschende an Jesu Worten ist jedoch, dass sie gewohnte Vorstellungen radikal umkehren. Großteils werden gerade diejenigen als glücklich bezeichnet, die man normalerweise nicht als glücklich empfinden würde.2

Bei einigen Seligpreisungen ist die Verheißung unmittelbar und logisch mit der beschriebenen Situation verbunden:

  • Trauernde werden getröstet,
  • nach Gerechtigkeit Hungernde werden gesättigt,
  • Barmherzige erfahren selbst Barmherzigkeit.

Bei anderen ist die Verbindung zwischen Beschreibung und Verheißung weniger offensichtlich.

Manche Ausleger sehen in der Reihenfolge der Seligpreisungen eine Entwicklung, einen geistlichen Wachstumsprozess. Zu Beginn scheint dies auch plausibel: Wer erkennt, dass er geistlich arm ist, beginnt darüber zu trauern. Doch schon bald wirkt eine solche lineare Deutung willkürlich.

Dennoch ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Seligpreisungen bewusst aufgebaut sind. Es finden sich acht grundlegende Seligpreisungen, zu denen eine neunte hinzukommt. Auffällig ist, dass bei der ersten und der achten dieselbe Verheißung steht: „denn ihrer ist das Himmelreich“.

Dieses Versprechen ist aber wohl nicht nur auf das Jenseitige Leben bezogen. Im Neuen Testament wird immer wieder deutlich, dass das Himmelreich für die Gläubigen bereits hier auf der Erde beginnt.3

Eine weitere Möglichkeit ist, dass die acht genannten Eigenschaften Erfahrungen oder Merkmale der direkten Adressaten Jesu widerspiegeln – der Jüngergruppe, die er lehrte.

Insgesamt scheinen verschiedene Lebensaspekte beschrieben zu werden. Einige Seligpreisungen sprechen Menschen an, die ihre eigene Sündhaftigkeit erkennen (Arme im Geist, Trauernde). Andere richten sich an Menschen, in deren Leben bereits sichtbare Frucht gewachsen ist (Sanftmütige, Barmherzige, Friedensstifter, Reine im Herzen). Wieder andere betreffen diejenigen, die nach Gerechtigkeit verlangen – für sich selbst oder für andere – sowie schließlich jene, die um ihres Glaubens willen leiden.4

Wahrscheinlich sind damit jedoch nicht verschiedene Gruppen von Jüngern gemeint. Vielmehr sollen all diese Eigenschaften im Leben jedes Christen zu finden sein.5 Trifft dies zu, wird hier die Spannung des christlichen Lebens sichtbar: Der Gläubige erkennt gleichzeitig seine eigene Sündhaftigkeit und trauert darüber, während er doch zugleich schon etwas von der Gerechtigkeit Jesu in seinem Leben widerspiegelt.

Die letzten Worte richten sich dann ausdrücklich an die Jünger. Gerade dann, wenn Jesu Nachfolger Verfolgung erfahren, sollen sie darin einen Grund zur Freude sehen. Dass dies keine theoretische Aussage ist, zeigt bereits Apostelgeschichte 5,41, wo sich die Jünger freuen, um des Namens Jesu willen gelitten zu haben.


Fragen zum Nachdenken

  1. Helfen dir diese Worte Jesu, wenn du selbst durch Leid gehst?
  2. Welche der Seligpreisungen spricht dich persönlich am meisten an?
  3. Welche der von Jesus hervorgehobenen Eigenschaften wünschst du dir stärker in deinem Leben?

Quellen

  1. Roger L. Hahn, „The Beatitudes: Speaking Grace into Reality“, Bible Study Magazine (Bellingham, WA: Lexham Press; Faithlife, 2020), 28.
    The word “beatitude” came into English from Latin. The Vulgate (the standard Latin translation of the Bible from roughly ad 400 to 1400) uses the word beati for each “blessed.” The Greek word is makarios. In ancient Greek literature, this word described the state of the gods and of people who enjoy extraordinary good fortune.2 It came to be associated with the rich because their wealth provided freedom from the ordinary pressures of most people.
    The Septuagint (the third-century BC Greek translation of the Old Testament) uses makarios consistently to translate the Hebrew word ashre, which means fortunate, happy, or blessed. The Hebrew Bible uses ashre to describe when one person blesses another; when God is involved, it uses a different word (barak or ashar). So for both the Hebrew ashre and the Greek makarios, the purpose is to speak congratulations because things will go well with the recipient of the blessing.
    ↩︎
  2. David S. Dockery, Hrsg., Holman Bible Handbook (Nashville, TN: Holman Bible Publishers, 1992), 547.
    We should note one more important characteristic about Jesus’ beatitudes. As announcements of blessing and congratulations, many of the beatitudes are paradoxical. They do not reflect the conventional wisdom of the day that prizes earthly well-being. Jesus said, “Happy are those the world considers unhappy.” The poor in spirit, the mourners, the meek, the hungry, and the persecuted are not normally counted as blessed. Most would view them as unfortunate. The same thing that was true in the ancient world may also be said for our culture today. Such is the nature of Jesus’ beatitudes.
    ↩︎
  3. Neues Leben Bibel (Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2014).
    Wenn Jesus vom nahen Königreich Gottes spricht (Mt 6,33; 19,24; 21,43), im Matthäusevangelium auch Himmelreich Gottes genannt (Mt 3,2; 4,17; 5,3.10.19–20; 6,10; 7,21), das schon damals mitten unter seinen Jüngern gegenwärtig war (Mt 12,28; Lk 17,20–21), meint er damit das Ziel, auf das die gesamte Menschheitsgeschichte seit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Garten Eden (1Mo 3,1–7.24) zuläuft: Die Menschen, die an Jesus glauben, werden wieder mit Gott versöhnt (2Kor 5,18; Kol 1,21) und erkennen in ihm wieder ihren König (1Tim 1,17; 6,13–16; Offb 19,16), sie haben wieder ungehinderte Gemeinschaft mit ihm und geben ihm die Ehre, die ihm zusteht (Offb 4,11; 5,12; 22,3–4). Dieser Zustand, der schon jetzt im Leben der Jesusgläubigen immer wieder Wirklichkeit wird und nach der Entrückung oder nach dem Tod und der Auferstehung der Gläubigen in der Gegenwart Gottes ewig andauern wird, kann nicht durch menschliche Leistungen (Frömmigkeit der Pharisäer) oder Handlungen (Umsturzversuche der Zeloten) erzwungen oder nähergerückt werden: Gott allein bestimmt diesen Zeitpunkt, an dem sein Reich auf der Erde anbricht (Mt 24,36; 25,13).
    ↩︎
  4. Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, hg. von Gerhard Maier, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 130–131.
    Aber zugleich stellen die Seligpreisungen dem, der sie verstehen und auslegen will, die schwierigste Aufgabe. Sie bergen in sich die größte Rätselhaftigkeit. Jesus redet hier vier Gruppen an. Die ersten vier Seligpreisungen gelten den Sündern, die sich als Verlorene erkennen, oder aber Menschen, die sich durch fremde Schuld belastet sehen. Mit einem Wort: sie sind ein tröstlicher Ruf an die Mühseligen und Beladenen. Die zweite Gruppe, nämlich die fünfte und sechste Seligpreisung, öffnet die Gottesherrschaft für die, die bis in den letzten Winkel ihres Herzens denken und tun, was Gott von den vollkommenen Gerechten fordert. Mit einem Wort: hier hören wir den Ruf an die Vollkommensten. Die dritte Gruppe der Angeredeten besteht – wenn wir richtig erklärt haben – aus denen, die jetzt in der heilsgeschichtlichen Entscheidungsstunde richtig wählen, nämlich auf die eigene Reichsgottesverwirklichung verzichten und allein vertrauen auf Gott. In der vierten Gruppe, der die achte und die neunte Seligpreisung gelten, finden wir diejenigen, die um Gottes und Jesu willen Verfolgung leiden. Es ist scheinbar nicht möglich, aus diesen vier verschiedenen Gruppen eine Einheit zu formen. Kann man überhaupt ein geschlossenes Bild der Jüngerschaft aufgrund der Seligpreisungen herstellen? Denn – um die größte Spannung zu nehmen – wer soll in Gottes Reich hineinkommen: der verlorene Sünder oder der vollkommene Gerechte? Mit dieser Rätselhaftigkeit entlassen uns die Seligpreisungen. Sie lösen sie uns nicht. Ahnen wir, daß die Lösung nur in Jesus liegen kann? Mit den offenen Fragen wandern wir weiter hinein ins ungeheure Bergmassiv der sog. Bergpredigt.
    ↩︎
  5. John R. W. Stott und John R. W. Stott, The message of the Sermon on the mount (Matthew 5-7): Christian counter-culture, The Bible Speaks Today (Leicester; Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 31.
    The beatitudes set forth the balanced and variegated character of Christian people. These are not eight separate and distinct groups of disciples, some of whom are meek, while others are merciful and yet others are called upon to endure persecution. They are rather eight qualities of the same group who at one and the same time are meek and merciful, poor in spirit and pure in heart, mourning and hungry, peacemakers and persecuted.
    ↩︎

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