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Matthäus 1,18-25

Eigene Übersetzung

  1. Mit dem Ursprung Jesu Christi verhielt es sich so: Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, wurde sie – noch bevor sie zusammengekommen waren – schwanger befunden vom Heiligen Geist.
  2. Joseph aber, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht der öffentlichen Schande preisgeben wollte, nahm sich vor, sie heimlich zu entlassen.
  3. Während er jedoch darüber nachdachte, siehe: Ein Engel des Herrn erschien ihm im Traum und sprach: „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen. Denn das in ihr Gezeugte ist vom Heiligen Geist.
  4. Sie wird einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk von seinen Sünden retten.“
  5. Dies alles geschah, damit erfüllt würde, was vom Herrn durch den Propheten gesprochen wurde:
  6. „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen Immanuel nennen“, das heißt übersetzt: „Gott ist mit uns.“
  7. Als Joseph vom Schlaf erwachte, handelte er so, wie der Engel des Herrn ihm geboten hatte, und nahm seine Frau zu sich.
  8. Er erkannte sie jedoch nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte, und er gab ihm den Namen Jesus.

Kommentar

Die Jungfrauengeburt ist weithin bekannt – nicht zuletzt, weil sie oft scherzhaft für ungewollte Schwangerschaften herangezogen wird. Doch im Kontext des ersten Jahrhunderts war die Situation für Maria weit gefährlicher als ein moderner Spott.

Nach dem biblischen Gesetz stand auf sexuellen Verkehr einer Verlobten mit einem anderen Mann die Todesstrafe durch Steinigung. Für unverlobte Frauen galt diese Strafe zwar nicht, doch Marias Status als Verlobte machte den Vorwurf schwerwiegend. Wenn Matthäus berichtet, dass Joseph sie „heimlich entlassen“ wollte, kann damit durchaus mehr gemeint sein als die Schonung ihres Rufs – möglicherweise sollte sie vor lebensbedrohlichen Konsequenzen geschützt werden.

Ob die Todesstrafe zur dieser Zeit tatsächlich üblich vollzogen wurde, ist historisch nicht vollständig geklärt. Die Pharisäer waren in vielen Rechtsfragen streng, und das spätere römische Verbot eigenständiger Hinrichtungen galt erst ab etwa 30 n. Chr.1 Zur Zeit von Marias Schwangerschaft wäre eine Steinigung also durchaus denkbar gewesen.

Die größere Herausforderung des Textes liegt jedoch in der Prophetie aus Jesaja 7,14, die Matthäus zitiert. Im hebräischen Text steht ein Wort, das nicht zwingend „Jungfrau“ bedeuten muss. Direkt im folgenden Kapitel (Jes 8) wird tatsächlich ein Kind von der „Prophetin“ geboren, vermutlich Jesajas Frau. Auch der Name „Immanuel“ wurde in der unmittelbaren Erfüllung nicht vergeben – weder dem Kind aus Jesaja 7–8 noch Jesus. Zudem bezieht sich Jesaja 7 im historischen Kontext klar auf die politische Situation des 8. Jahrhunderts v. Chr. Zur Zeit Jesajas, nicht auf die Situation zur Geburt Jesu.

Es gibt viele alttestamentliche Texte, die das Neue Testament messianisch anwendet, obwohl sie im unmittelbaren Kontext nicht vorrangig messianisch erscheinen. Diese Stelle aus Jesaja gilt als eine der schwierigsten.2

Dass „Jungfrau“ dennoch eine legitime Übersetzungsmöglichkeit war, zeigt die Septuaginta: jüdische Gelehrte übersetzten Jesaja 7,14 Jahrhunderte vor Christus bereits mit dem griechischen Wort für „Jungfrau“3 – ein deutlicher Hinweis, dass Matthäus keine abwegige Lesart nutzt. Seine jüdischen Leser hätten eine problematische Argumentation sofort bemerkt.

Damit stellt sich die entscheidende Frage: Warum zitiert Matthäus eine Prophetie, deren unmittelbarer Kontext offensichtlich nicht die Geburt Jesu meint?

Wer hier von einem „Fehler“ ausgeht, unterschätzt sowohl Matthäus als auch seine Leser. Matthäus schreibt klar für Judenchristen, die das Alte Testament detailliert kannten. Sie wussten, dass manche Prophetien eine unmittelbare historische Erfüllung haben und zugleich im größeren heilsgeschichtlichen Rahmen auf den Messias verweisen. Dass die Leser seine Argumentation akzeptierten, zeigt: sie verstanden genau, was Matthäus tat.

Die eigentliche theologische Dynamik liegt darin, dass Jesaja 7,14 im Gesamtzusammenhang mit Jesaja 9,1–7 und Jesaja 11 ein prophetisches Muster aufzeigt: Eine erste Erfüllung in der Zeit Jesajas – und eine vollendete Erfüllung im Messias.4 Dieses typologische Verständnis ist in der frühjüdischen Auslegung verbreitet und wird im Matthäusevangelium mehrfach sichtbar. Darauf wird in späteren Texten zu Matthäus noch näher einzugehen sein.


Fragen zum Nachdenken

  1. Was können wir von Joseph lernen?
  2. Wie können wir eine Haltung bewahren, die versucht zu verstehen bevor sie richtet

Quellen

  1. Phil Logan, „Crimes and Punishments“, in Holman Illustrated Bible Dictionary, hg. von Chad Brand u. a. (Nashville, TN: Holman Bible Publishers, 2003), 367.
    One ancient rabbinic tradition in the Babylonian Talmud (Abodah Zarah 8b) holds that the Jews lost the power to execute criminals for about 40 years. However, incidents in the NT seem to indicate otherwise: statements made at Peter’s trial (Acts 5:27–42), the stoning of Stephen (Acts 7:57–60), attempted lynchings (Acts 9:23–24; 14:19; 23:12–15), the authority to kill foreigners caught trespassing in certain areas of the temple (Acts 21:28–31, a practice reported by Josephus, an ancient Jewish historian), and a statement made by Paul (Acts 26:10). Other ancient Jewish records of stonings and burnings indicates that the Jews may have had the authority to impose the death penalty.
    ↩︎
  2. Vgl. Richard M. Davidson, „Inner-Biblical Hermeneutics: The Use of Scripture by Bible Writers“, in Biblical Hermeneutics: An Adventist Approach, hg. von Frank M. Hasel, Bd. 3 of Biblical Research Institute Studies in Hermeneutics (Silver Spring, MD: Biblical Research Institute; Review & Herald Academic, 2021), 259.
    Isaiah 7:14 has been called “the most difficult of all Messianic prophecies” and is perhaps the most studied text in biblical scholarship.
    ↩︎
  3. Bergman Johnson, Helmer Ringgren, und %M. Tsevat, „בְּתוּלָה“, in Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, hg. von G. Johannes Botterweck, Helmer Ringgren, und Heinz-Josef Fabry (Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1970) 877.
    Hier sei kurz auf Jes 7,14 wegen seiner Bedeutung in der Auslegungsgeschichte eingegangen: ‛Siehe, eine (die) junge Frau (→ צלמה) ist schwanger (wird schwanger werden); sie wird einen Sohn gebären und ihn Immanuel nennen’ (oder im Pl.: ‛junge Frauen sind schwanger’ usw.). צלמה bedeutet nicht ‛Jungfrau’, obwohl natürlich eine ‛almāh ‛Jungfrau’ sein kann. Die Übersetzung ‛Jungfrau’ geht auf παρθένος der LXX zurück;
    ↩︎
  4. Davidson, “Inner-Biblical Hermeneutics,”, 261.
    What is hinted at in the text is made explicit in the larger context of Isaiah 7–12, called the Volume of Immanuel. 4) Although the language used in Isaiah 8:3–4 is so strikingly similar to that of Isaiah 7:14–16 that a local partial fulfillment seems to be implied, when Isaiah’s son was born, he was not named “Immanuel” as the prophecy of Isaiah 7:14 predicted. 5) The name “Immanuel” is used later in chapter 8 in a context that seems to move from the local to the cosmic level (see Isa 8:8). 6) In chapter 8 Isaiah and his sons are said to be “signs” in Israel (Isa 8:18) for future events to be brought about by God. 7) These events move from the local level at the end of Isaiah 8 to the eschatological messianic level in Isaiah 9: the land that was in gloom and darkness (Isa 8:22) will become a land where the gloom is removed (Isa 9:1) and “the people who walked in darkness have seen a great light” (Isa 9:2). Most significantly, 8) while Isaiah’s son was a sign to Israel, Isaiah predicts that in the messianic age the greater Son, the ultimate fulfillment of Isaiah 7:14, will appear: “For unto us a Child is born, unto us a Son is given, and the government will be upon His shoulder. And His name will be called Wonderful Counselor, Mighty God, Everlasting Father, Prince of Peace” (Isa 9:6). 9) This messianic motif is further expanded in Isaiah 11:1–9, the matching passage in the chiastic structure of Isaiah 7–12.
    Finally, in summary, 10) within the wider context of Isaiah 7:14, Isaiah himself, under divine inspiration, indicates that although the prediction will have local and partial fulfillment in the birth of a son in the time of Ahaz, yet this local fulfillment is a type of the ultimate messianic fulfillment in the divine Son, Immanuel.
    ↩︎

3 Replies to “Die Jungfrauengeburt und die eigenartige Prophetieauslegung”

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