Genesis 4,1–7

Eigene Übersetzung

  1. Und der Mensch erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger und gebar Kain. Und sie sprach: Ich habe einen Mann erworben mit Jahwe.
  2. Und sie gebar weiter seinen Bruder, Abel. Und Abel wurde Kleinviehhirte, und Kain wurde Ackerbauer.
  3. Und es geschah am Ende der Tage, da brachte Kain von den Früchten des Erdbodens Jahwe eine Opfergabe.
  4. Und Abel, auch er brachte von den Erstgeborenen seiner Herde und von ihrem Fett. Und Jahwe blickte auf Abel und seine Gabe.
  5. Und auf Kain und seine Gabe blickte er nicht. Und Kain wurde sehr zornig, und sein Gesicht fiel.
  6. Und Jahwe sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum fällt dein Gesicht?
  7. Ist es nicht so: Wenn du recht tust, Erhebung? Und wenn du nicht recht tust, dann liegt vor deiner Tür die Sünde (oder: das Sündopfer). Und nach dir ist sein Verlangen; du aber sollst über ihn herrschen.

Kommentar

Dieser Text ist im Hebräischen kein eigener Abschnitt – er geht bis zum Ende des Kapitels. Doch es gibt bereits so viele interessante Aspekte, dass es zu lang wäre, alles in einem Abschnitt zu besprechen.

Schon über den ersten Vers gibt es einige Spekulationen. Das Ende „Ich habe einen Mann erworben mit Jahwe“ steht dabei im Fokus.

Das hier verwendete Wort für erwerben wird für Geburt eher selten benutzt. Meist hat es mit Kaufen zu tun, einige Male aber auch mit der Schöpfertätigkeit Gottes (z. B. Genesis 14,19). Daher wurde argumentiert, Eva habe in Hybris gemeint, sie habe selbst schöpferisch gehandelt.1Abraham Kuruvilla, Genesis: A Theological Commentary for Preachers (Eugene, OR: Resource Publications, 2014), 79–80. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie Gottes Wirken anerkennt und die Wortwahl als Ausdruck des Wunders der Geburt zu Gottes Ehre nutzt.2Michael S. Heiser, The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms (Bellingham, WA: Lexham Press, 2017), 49–51. Der Name Kain ist ein Wortspiel mit dieser Bedeutung (wie es in der Bibel häufig vorkommt): Kain bedeutet „Erworben/Erschaffen“.3Abraham Meister, „Kain“, in Biblisches Namenlexikon (Pfäffikon ZH, Schweiz: Verlag Mitternachtsruf, 1991), 200.

Manche Ausleger sehen darin auch, dass Eva meinte, sie habe einen Mann, Jahwe selbst, geboren.4Arnold G. Fruchtenbaum, What We Know about God: Theology Proper, hg. von Christiane K. Jurik, Ariel’s Come and See Series (San Antonio, TX: Ariel Ministries, 2019), 93. Grammatisch ist das nicht unmöglich, aber eher unwahrscheinlich. Dennoch ist es gut denkbar, dass Eva hoffte, der von ihr geborene Mann sei der verheißene Same, der der Schlange den Kopf zertreten würde.

Abel hingegen bedeutet vermutlich (Wind-)Hauch, Nichts.5M. G. Easton, in Illustrated Bible Dictionary and Treasury of Biblical History, Biography, Geography, Doctrine, and Literature (New York: Harper & Brothers, 1893), 3.

Möglich ist aber auch eine Verwandtschaft mit dem akkadischen aplu, was einfach „Sohn“ bedeutet.6R. K. Harrison, „Abel“, in The International Standard Bible Encyclopedia, hg. von Geoffrey W. Bromiley (Wm. B. Eerdmans, 1979–1988), 4.

Vers 3 spricht von einem Opfer „am Ende der Tage“. Manche sehen darin einfach eine längere Zeitspanne; es könnte aber ebenso das Ende bestimmter festgelegter Tage bedeuten. Die Gestirne wurden ja von Anfang an geschaffen, um Zeiten zu bestimmen. Vielleicht gab es also bereits damals feste Zeitpunkte für Opfer.

Der Text sagt nicht direkt, warum Gott Kains Opfer ablehnte. Manche meinen, das Problem liege darin, dass Kain kein blutiges Sündopfer brachte, sondern ein pflanzliches.7Ernest C. Reisinger und D. Matthew Allen, Worship: The Regulative Principle and the Biblical Practice of Accommodation (Cape Coral, FL: Founders Press, 2001), 38. Diese Theorie klingt zwar interessant, doch das verwendete Wort für beide Opfer ist מִנְחָה (mincha), das zwar auch selten blutige Opfer bezeichnen kann, aber vor allem Getreideopfer (Levitikus 2) oder Geschenke/Tributzahlungen zwischen Menschen (vgl. Genesis 32,19). Bei solchen Gaben wären pflanzliche Opfer kein Problem.

Möglicherweise lag das Problem in der Qualität des Opfers: Bei Kain heißt es schlicht, dass er Feldfrüchte brachte; bei Abel hingegen werden „Erstgeburt“ und „Fett“ erwähnt – zwei Begriffe, die traditionell für besonders Wertvolles stehen.8Miles Custis, „Abel, Son of Adam“, in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).

Es kann aber auch sein, dass es nicht am Opfer selbst lag, sondern an der Haltung des Anbeters. Jonathan Edwards vertrat die Ansicht, dass die „Sünde, die vor der Tür liegt“ nicht vor Kains Tür, sondern vor der Tür des Tempels Gottes liege, wodurch Gott das Opfer nicht annehmen konnte.9Jonathan Edwards, Notes on Scripture, hg. von Harry S. Stout und Stephen J. Stein, The Works of Jonathan Edwards (London; New Haven: Yale University Press, 1998), 15:327.

Statt „Sünde“ könnte man hier aber auch „Sündopfer“ übersetzen – im Hebräischen ist es dasselbe Wort.10Thomas J. Crawford, The Doctrine of Holy Scripture Respecting the Atonement (Edinburgh; London: William Blackwood and Sons, 1883), 517. Dann wäre es ein Hinweis auf Christus, den Erlöser. Würde Kain seine Beziehung zu Gott wieder in Ordnung bringen, könnte er wieder aufblicken – und seine Opfer würden wieder angenommen.

Die weit verbreitete Vorstellung eines Sünddämonen, der wie ein Löwe vor der Tür lauert,11David M. Carr, Genesis 1–11, hg. von Renate Klein, übers. von Gerlinde Baumann, Internationaler Exegetischer Kommentar zum Alten Testament (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2024), 190. halte ich für eher unwahrscheinlich. Zwar könnte der Geschlechtswechsel am Satzende („sein Verlangen“) so gedeutet werden, doch dies passt ebenso gut, wenn der letzte Satz von Abel spricht.

Das Motiv von „Verlangen“ und „Herrschen“ erinnert zudem direkt an das, was Eva zugesprochen wurde – dass ihr Verlangen nach ihrem Mann sein werde und er über sie herrschen soll. Übertragen auf diesen Text könnte es die Beziehung des Erstgeborenen zum später geborenen Bruder meinen.

So verstanden spricht Gott nicht davon, dass Kain sich zusammenreißen und aus eigener Kraft die Sünde besiegen soll, sondern davon, dass er Vergebung annehmen kann. Er muss sich nicht sorgen, dass sein Bruder auf ihn herabblickt, weil sein Opfer nicht angenommen wurde. Das „Herrschen“ bezieht sich zunächst wohl auf das Erstgeburtsrecht, könnte aber auch eine Vorausdeutung auf die tragische Entscheidung über das Leben seines Bruders sein.

Frei paraphrasiert könnte der Vers etwa bedeuten:

Ist es nicht so: Wenn du recht tust, dann erhebt sich dein Gesicht. Wenn du aber Unrecht getan hast, dann liegt das Sündopfer bereit vor deiner Tür. Was deinen Bruder betrifft: Sein Verlangen geht zu dir – er will das Beste für dich und schaut nicht auf dich hinab. Als Erstgeborener wirst du über ihn herrschen.

Fragen zum Nachdenken

  1. Wie muss es wohl für Eva gewesen sein, das erste Baby der Welt in den Armen zu halten – vielleicht mit der Hoffnung, dass er der Messias sei?
  2. Wie können wir Gott heute Gaben bringen? Welche unserer Gaben nimmt er gerne an?
  3. Wie bewusst ist uns im Alltag, dass unser Sündopfer bereits für uns gegeben wurde und wir durch ihn frei und einfach Vergebung und Zugang zu Gott finden können?

  • 1
    Abraham Kuruvilla, Genesis: A Theological Commentary for Preachers (Eugene, OR: Resource Publications, 2014), 79–80.
  • 2
    Michael S. Heiser, The Bible Unfiltered: Approaching Scripture on Its Own Terms (Bellingham, WA: Lexham Press, 2017), 49–51.
  • 3
    Abraham Meister, „Kain“, in Biblisches Namenlexikon (Pfäffikon ZH, Schweiz: Verlag Mitternachtsruf, 1991), 200.
  • 4
    Arnold G. Fruchtenbaum, What We Know about God: Theology Proper, hg. von Christiane K. Jurik, Ariel’s Come and See Series (San Antonio, TX: Ariel Ministries, 2019), 93.
  • 5
    M. G. Easton, in Illustrated Bible Dictionary and Treasury of Biblical History, Biography, Geography, Doctrine, and Literature (New York: Harper & Brothers, 1893), 3.
  • 6
    R. K. Harrison, „Abel“, in The International Standard Bible Encyclopedia, hg. von Geoffrey W. Bromiley (Wm. B. Eerdmans, 1979–1988), 4.
  • 7
    Ernest C. Reisinger und D. Matthew Allen, Worship: The Regulative Principle and the Biblical Practice of Accommodation (Cape Coral, FL: Founders Press, 2001), 38.
  • 8
    Miles Custis, „Abel, Son of Adam“, in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).
  • 9
    Jonathan Edwards, Notes on Scripture, hg. von Harry S. Stout und Stephen J. Stein, The Works of Jonathan Edwards (London; New Haven: Yale University Press, 1998), 15:327.
  • 10
    Thomas J. Crawford, The Doctrine of Holy Scripture Respecting the Atonement (Edinburgh; London: William Blackwood and Sons, 1883), 517.
  • 11
    David M. Carr, Genesis 1–11, hg. von Renate Klein, übers. von Gerlinde Baumann, Internationaler Exegetischer Kommentar zum Alten Testament (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2024), 190.

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