Genesis 38,12–30

Eigene Übersetzung

  1. Und die Tage wurden viele, und die Tochter Schuas, die Frau Judas, starb. Und Juda wurde getröstet, und er ging hinauf zu den Scherern seiner Schafe nach Timna, er und Hira, sein Freund, der Adullamiter.
  2. Und es wurde Tamar berichtet: Siehe, dein Schwiegervater geht hinauf nach Timna, um seine Schafe zu scheren.
  3. Und sie entfernte die Kleider ihrer Witwenschaft von sich und bedeckte sich mit einem Schleier und verhüllte sich und setzte sich ans Tor von Enajim, welches auf dem Weg nach Timna liegt, denn sie sah, dass Schela groß geworden war, und sie ihm dennoch nicht zur Frau gegeben wurde.
  4. Und Juda sah sie und hielt sie für eine Hure, denn sie hatte ihr Gesicht verhüllt.
  5. Und er bog zu ihr ab zum Weg und sprach: Gib doch und lass mich zu dir eingehen! Denn er wusste nicht, dass sie seine Schwiegertochter war. Und sie sprach: Was gibst du mir, dass du zu mir eingehst?
  6. Und er sprach: Ich werde ein Ziegenböckchen von meiner Herde schicken. Und sie sprach: Wenn du Pfand gibst, bis du sendest.
  7. Und er sprach: Was ist das Pfand, das ich dir geben soll? Und sie sprach: Deinen Siegelring und deinen Faden und deinen Stab, der in deiner Hand ist. Und er gab es ihr und kam zu ihr, und sie wurde schwanger von ihm.
  8. Und sie stand auf und ging und entfernte den Schleier von sich und zog die Kleider ihrer Witwenschaft an.
  9. Und Juda sandte das Ziegenböckchen in der Hand seines Freundes, des Adullamiters, um das Pfand von der Hand der Frau zu nehmen, aber er fand sie nicht.
  10. Und er fragte die Männer ihres Ortes: Wo ist die Heilige, die bei Enajim am Weg war? Und sie sprachen: Hier war keine Heilige.
  11. Und er kehrte zurück zu Juda und sprach: Ich habe sie nicht gefunden, und auch die Männer des Ortes haben gesagt, dass es dort keine Heilige gibt.
  12. Und Juda sprach: Sie soll es behalten, damit wir nicht zum Gespött werden; siehe, ich habe dieses Böckchen gesandt, und du hast sie nicht gefunden.
  13. Und es geschah nach etwa drei Monaten, da wurde Juda berichtet: Tamar, deine Schwiegertochter, hat gehurt, und siehe, sie ist auch schwanger geworden von ihrer Hurerei. Und Juda sprach: Führt sie hinaus, sie soll verbrannt werden!
  14. Sie wurde hinausgeführt, und sie sandte zu ihrem Schwiegervater: Von dem Mann, dem diese gehören, bin ich schwanger. Und sie sprach: Erkenne doch, wem dieser Siegelring und diese Schnur und dieser Stab gehören.
  15. Und Juda erkannte und sprach: Sie ist gerechter als ich, weil ich ihr meinen Sohn Schela nicht gegeben habe. Und er erkannte sie nicht wieder.
  16. Und es geschah zur Zeit ihres Gebärens, siehe, Zwillinge waren in ihrem Leib.
  17. Und es geschah, während sie gebar, da gab einer die Hand, und die Hebamme nahm und band an die Hand etwas Karmesinrotes und sprach: Dieser kam zuerst heraus.
  18. Und es geschah, als er seine Hand zurückzog, siehe, da kam sein Bruder heraus. Und sie sprach: Was für einen Durchbruch hast du für dich durchbrochen! Und er nannte seinen Namen Perez.
  19. Und nach ihm kam sein Bruder, welcher an seiner Hand das Karmesinrote hatte, und sie nannte seinen Namen Serach.

Gedanken zum Text

Es ist immer wieder interessant, dass solche Texte in der Bibel nicht moralisch kommentiert werden. Es wird einfach nur die Begebenheit beschrieben.

Für die meisten Christen ist es klar, dass Prostitution nicht gut ist, und zu einer Prostituierten zu gehen, wird oft als relativ schlimme Sünde gesehen. Der Text scheint es einfach als etwas Normales zu beschreiben. Kein Wort darüber, dass Prostitution generell das Problem war für einen Mann, dessen Frau bereits gestorben ist – nur dass es seine Schwiegertochter war, machte es zum Problem.

Auch schien Tamar zu wissen, dass Juda zu einer Prostituierten eingehen würde, wenn er sie traf – und das, obwohl sie ihn vermutlich nur kannte, als er selbst verheiratet war. Oder hat er es auch getan, als er noch verheiratet war? Auch dazu gibt der Text keine Antwort.

Im Bericht wird sie einfach als Hure bezeichnet, als Hira sie dann für Juda sucht, bezeichnet er sie nur noch als Heilige – als Tempelhure. Interessantes Detail: lieber zur Anbetung falscher Götter bekennen, als zu sagen, man war bei einer Hure. Wahrscheinlich war es generell auch kulturell nicht so angesehen, zu einer Hure zu gehen (ähnlich wie heute), aber für Tempelprostitution galten wohl andere Regeln (vielleicht war auch das mit ein Grund, dass Israel gerne zur Anbetung anderer Götter überging).

Dies ist tatsächlich das erste Mal, dass das Wort „heilig“ (kodesch) im hebräischen Text der Bibel vorkommt. Es ist exakt das gleiche Wort, das für die Stiftshütte, deren Gegenstände und alles, was für Gott abgesondert wird, sowie für ihn selbst verwendet wird.

Manche vertreten ja beim Bibelauslegen die Ansicht, es gäbe ein Gesetz der ersten Erwähnung. Da, wo ein Begriff zuerst erwähnt wird, soll man demnach die Essenz eines Wortes erkennen. Bei manchen Dingen scheint das gut zu passen, aber es als Gesetz der Bibelauslegung zu betrachten, kann manchmal auch zu Problemen führen. Hier würde es dann ja bedeuten, dass wir die Heiligkeit Gottes im Licht der Tempelprostitution verstehen müssten. Hier wird es wohl jedem auffallen, dass dies nicht sein kann, und kaum jemand würde das scheinbare Auslegungsgesetz hier anwenden. Riskanter sind dann aber wohl die Stellen, wo es scheinbar passt, auch wenn die Bibel nie das Ziel hatte, so ausgelegt zu werden.

Zurück zur Geschichte: Ich finde es schon bemerkenswert, dass Juda seine Schwiegertochter gleich verbrennen möchte. Wahrscheinlich war es kulturell okay in der Zeit, eine hurerische Frau zu töten – aber wie aus dem späteren Verlauf zu sehen ist, nicht notwendig. Klar, er wollte einen Weg finden, dass er seinen Sohn ihr nicht zur Schwagerehe geben musste – aber wäre das nicht sowieso hinfällig gewesen? Die Schwagerehe gab es ja nur, damit eine Frau Nachkommen bekommt. Da sie diese über ihre Hurerei bekommen hätte, hätte Juda sie doch einfach in Ruhe lassen können, ohne ihr seinen Sohn geben zu müssen?!?

Zuletzt die Geschichte von den Zwillingen: ein wenig ein Kampf darum, wer zuerst hinauskommt. Es erinnert mich immer wieder an die Geschichte von Jakob und Esau. Ist es zufällig ähnlich, oder ist diese Assoziation bewusst im Text?


Fragen zum Nachdenken

  • Warum erzählt die Bibel oft nur Geschichten, ohne moralisch zu belehren?
  • Wo noch könnten unsere „Methoden der Bibelauslegung“ an ihre Grenzen kommen? Welche Prinzipien sind wirklich wichtig und gut, und was sind nur Abkürzungen mit dem Risiko, in die Irre zu führen?
  • Wo nutzen wir auch Vokabular, das weniger anstößig klingt, um unser eigenes Gesicht zu wahren – auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entspricht?

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