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Matthäus 5,1–2

Eigene Übersetzung

  1. Als er aber die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm.
  2. Und er öffnete seinen Mund und lehrte sie und sprach:

Kommentar

Wenn man an die Bergpredigt denkt, hat man oft bestimmte Bilder vor Augen – etwa Darstellungen aus Jesusfilmen, in denen Jesus stehend umhergeht und zu einer großen Menschenmenge predigt.

Der Bericht des Matthäus zeichnet jedoch ein etwas anderes Bild. Es heißt nicht, dass Jesus aufsteht, um zu predigen. Vielmehr sieht er die Volksmenge, steigt auf den Berg, setzt sich und beginnt dann, seine Jünger zu lehren.1

Dabei bleibt zunächst offen, wie viele Jünger hier gemeint sind. Häufig wird von den Zwölf gesprochen, die jedoch erst später im Matthäusevangelium ausdrücklich als solche berufen werden.2 An anderen Stellen ist von einer größeren Zahl von Jüngern die Rede, etwa von siebzig. Offenbar gab es unterschiedliche Kreise von Nachfolgern, die in verschiedenem Maß an Jesu Dienst beteiligt waren. Es ist daher möglich, dass hier die Zwölf gemeint sind, ebenso denkbar ist jedoch eine größere Gruppe von Jüngern.3

Unabhängig davon ist klar, dass nicht die gesamte Volksmenge direkt angesprochen wird. Der Text macht deutlich, dass Jesus, nachdem er die Volksmenge gesehen hatte, den Berg bestieg und sich setzte, um seine Jünger zu lehren. Er wendet sich also nicht unmittelbar an die Menge.

Dass Jesus sich zum Lehren setzt, erinnert zudem an die Praxis der Schriftlehre in der Synagoge, bei der der Lehrer nach der Lesung Platz nahm, um den Text auszulegen.

Im weiteren Verlauf der Rede finden sich dennoch Aussagen, die offenbar auch auf eine größere Zuhörerschaft zielen. In Matthäus 7,28 heißt es schließlich, dass sich die Volksmenge über seine Lehre wunderte.4

Daraus ergeben sich mehrere mögliche Deutungen. Es wäre denkbar, dass Jesus zunächst zu seinen Jüngern sprach und anschließend zur Volksmenge überging. Matthäus erwähnt jedoch keinen expliziten Übergang. Ebenso möglich ist, dass Jesus während der gesamten Rede zu seinen Jüngern sprach, dies jedoch in einer Weise tat, dass auch die umstehende Volksmenge zuhören konnte – und vermutlich auch sollte.

Wie die konkrete Dynamik aussah, lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren. Später wird die Volksmenge als sehr groß beschrieben, teils mit mehreren Tausend Menschen. Es ist schwer vorstellbar, dass eine derart große Menge eng um eine kleine Gruppe versammelt war und jedes Wort verstehen konnte. Wahrscheinlich wurde das Gesagte in irgendeiner Form weitergetragen oder über größere Distanz hinweg gehört.


Fragen zum Nachdenken

  1. Warum motiviert das Sehen der großen Volksmenge Jesus dazu, sich mit seinen Jüngern zurückzuziehen und sie zu lehren?
  2. Verändert sich unser Verständnis der Bergpredigt, wenn wir sie primär als ein Gespräch Jesu mit seinen Jüngern vor den Ohren des Volkes lesen und nicht als direkte Predigt an die Volksmenge?

Quellen

  1. Gerhard Maier, Matthäus-Evangelium, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 102.
    Hält man sich eng an die Gedankenführung des Matthäus, dann tritt das Unerwartete des Handelns Jesu scharf hervor. Statt die Menge der Zuströmenden zu steigern oder die Massen zu einer Aktion zu formieren, trennt sich Jesus von den Massen. Noch schärfer kommt dieses Verhalten Jesu in Joh 6, 15 zum Ausdruck: »Da Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn greifen, damit sie ihn zum König machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst allein.« Aber auch Mark 1, 35ff. und 1, 45 und Luk 6, 12 berichten ähnliches. Wir begegnen hier einem Jesus, der das Gegenteil eines Agitators oder Demagogen darstellt. Er will sich nicht vom Jubel der Massen emportragen lassen, sondern die Menschen mit Gott in Verbindung bringen. Er ist aufs äußerste bemüht, nicht mit den falschen Messiassen verwechselt zu werden, von denen uns Apg 5, 36f. zwei Beispiele nennt.
    ↩︎
  2. Gerhard Maier, Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 1–14, hg. von Gerhard Maier u. a., Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament (Witten; Giessen: SCM R.Brockhaus; Brunnen Verlag, 2015), 241–242.
    Der zweite Hinweis liegt in der Bezeichnung Jünger (μαθηταί [mathētai]). Dass von seinen Jüngern die Rede ist, macht deutlich, dass schon damals eine Gruppe von Menschen vorhanden war, die ihre Nachfolge hinter Jesus her als verbindlich betrachtete. Seine Jünger ist nicht dasselbe wie die zwölf Apostel, die ja erst später berufen wurden (Mt 10,1ff), es schließt aber ziemlich sicher einige der späteren Apostel ein, z.B. Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes (Mt 4,18ff). Jedenfalls taucht der Name Jünger hier erstmals im Matthäusevangelium auf. Jünger, μαθητής [mathētēs], entspricht dem hebr. תַּלְמִיד [talmīd], und Zahn weist mit Recht darauf hin, dass auch der Talmud Jesu Nachfolger als Talmidim bezeichnet.
    ↩︎
  3. Gerhard Maier, Lukas-Evangelium, Bd. 1 of Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 265.
    Um Jesus und die Zwölf stand auch »eine große Menge seiner Jünger« (V. 17). Noch einmal sehen wir, daß viele Jünger ins Bergland hinaufgezogen waren und daß die Zwölf nur eine ganz kleine Auswahl darstellen. Zugleich sehen wir, daß Jesu Wirksamkeit bisher großen Erfolg gehabt hat. Sonst könnte man nicht von der »großen Menge seiner Jünger« sprechen (vgl. Joh 6,60.66). Vielleicht übernahmen »seine Jünger« ähnliche Hilfsdienste wie die Jünger des Täufers am Jordan, z.B. Hinführen zu Jesus (vgl. Mt 19,13), Gebet und Fürbitte (vgl. Lk 11,1) und Ordnen der Massen (vgl. Joh 6,10)
    ↩︎
  4. R. T. France, Matthew: an introduction and commentary, Bd. 1 of Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 113.
    The crowds, apparently here left behind, are found in 7:28–29 to have been also listening, but that can only be as a more remote audience, for passages like 5:11–16 are clearly addressed only to disciples. Perhaps a rigid distinction between disciples and crowd should not be pressed: there were varying degrees of commitment. But the primary audience is clearly the ‘insiders’.
    ↩︎

9 Replies to “Die Berglehre Jesu”

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