Deuteronomium 14,28-29
Eigene Übersetzung
28) Am Ende von drei Jahren bringe den ganzen Zehnten von deinem Ertrag jenes Jahres heraus, und lege ihn in dein Tor.
29) dann komme der Levit, denn er hat keinen Anteil und kein Erbe mit dir und der Fremdling und der Waise und die Witwe, welche in deinen Toren lebt und sie sollen essen und satt werden, damit Jahwe dein Gott dich segnet in allen Taten deiner Hand, welche du tust.
Gedanken zum Text
Wieder ein recht kurzer Abschnitt im masoretischen Text, mit dem ich aber auch einige Herausforderungen sehe.
An sich ist der Text ja einfach zu verstehen: Alle 3 Jahre gibt es einen Sozialzehnten. Aufgrund der Stellung hier ist anzunehmen, dass der zweite Zehnte jedes dritte Jahr anders verwendet wird, oder ist hier etwa ein dritter Zehnter gemeint?
Wenn es von „deinen Toren“ spricht, geht es um das Stadttor. Alle befestigten Städte in Israel (und auch bei den umgebenden Völkern zu dieser Zeit) hatten einen großen Raum im Tor, wo Gericht gesprochen wurde und Händler von außerhalb ihre Güter angeboten haben. Vergleichbar mit dem Stadt- oder Dorfplatz alter deutscher Städte.
Der Levit, der in deinen Toren lebt, ist demnach auch der, der in deiner Stadt lebt (und nicht in deinem Haus). Da der erste Zehnte für den Tempeldienst war, hatten nur die Leviten, die am Tempel dienten, Anteil daran, während die Leviten, die in anderen Städten wohnten, ausgeschlossen waren – und ohne Landbesitz waren sie tendenziell ärmer.
Also ist hier im Text eigentlich schon ziemlich klar beschrieben, was gemeint ist. Aber dann stellen sich doch Fragen:
- Warum erst jedes dritte Jahr? Brauchten die Armen nicht ständig etwas zu essen?
- Durften sie nur essen oder auch mitnehmen, was sie wollten? – Aber auch dann: Man nimmt doch nicht genug Essen mit, um 3 Jahre davon zehren zu können.
Ich vermute, dass sie tatsächlich etwas mitnehmen konnten. Wenn eine ganze Stadt den Zehnten ihres Ertrags jedes dritte Jahr gab, dann wäre es unmöglich gewesen, dass die Leviten, Witwen und Waisen alles direkt am Tor verzehren konnten…
Dabei frage ich mich, ob es vielleicht nicht bei allen gleichzeitig war. Beim Sabbatjahr ist das siebte Jahr ja für alle gleich, aber könnte es sein, dass jeder für sich selbst die drei Jahre abzählen musste? Dann hätte es jedes Jahr Essen für die Armen im Tor gegeben – und nur ein Drittel der Stadt wäre beteiligt, was die Menge überschaubarer gemacht hätte (auch wenn es immer noch ziemlich viel gewesen sein dürfte).
Auch wenn ich im Text keinen Hinweis gefunden habe, der darauf hindeutet, dass die Zählung nicht einheitlich war, erscheint mir das am logischsten.
Und was war dann an den Festtagen? Falls es sich um den zweiten Zehnten handelte, haben dann die anderen in der Stadt die Zehntengeber des Jahres bei den Festen mitversorgt?
Und was machen wir heute daraus? Gestern habe ich darüber geschrieben, wie wir den Festtagszehnten als einen großen Segen empfinden. Einen spezifischen Sozialzehnten alle drei Jahre – egal, ob zusätzlich oder statt des zweiten Zehnten – haben wir nicht.
Wir handhaben es so, dass der Teil des zweiten Zehnten, den wir nicht für die Sabbatfeier benötigen, für gute Zwecke gespendet wird. Selten hier bei uns in der Stadt, aber immer wieder, um den Hunger von Ärmeren zu stillen (so auch gerade im Sambesi-Tal, wo ich morgen wieder das gesammelte Geld hinschicken würde – vielleicht möchtest du auch etwas beisteuern?).
Wir rechnen es jedoch nicht konkret heraus.
Sollten wir das vielleicht tun?
Wäre es am besten:
- Immer ein Drittel des zweiten Zehnten direkt auf ein weiteres Konto für soziale Zwecke in der eigenen Stadt zu legen?
- Jeden dritten Monat den gesamten zweiten Zehnten auf dieses Konto zu überweisen?
- Ein ganzes Jahr lang den gesamten zweiten Zehnten für soziale Zwecke in der eigenen Stadt zu spenden?
Oder sollte ich eine der Methoden wählen, aber die Begrenzung auf die eigene Stadt aufheben, da diese in unserer globalisierten Welt nicht mehr so relevant ist wie damals in Israel?
Genauso wie beim Festtagszehnten bin ich auch hier überzeugt, dass dieser Zehnte für Christen nicht verpflichtend ist. Aber die Prinzipien Gottes sind generell gut, und es ist sicher sinnvoll, zu überlegen, wie man sie in die moderne Zeit übertragen und umsetzen kann.
Für diesen Punkt habe ich noch keine gute Lösung gefunden. Vielleicht hast du Ideen dazu?
Ich würde mich freuen, deine Gedanken dazu in den Kommentaren zu lesen.
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