Genesis 3,1–7
Eigene Übersetzung
- Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Jahwe Gott gemacht hatte und sprach zu der Frau: Stimmt es wirklich, dass Gott gesagt hat, dass ihr nicht essen dürft von all den Bäumen des Gartens?
- Und die Frau sprach zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir,
- aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Esst nicht davon und berührt ihn nicht, damit ihr nicht sterbt.
- Und die Schlange sprach zu der Frau: Ihr werdet gewisslich nicht sterben.
- Denn Gott weiß, dass an dem Tag, an dem ihr davon esst, dann werden eure Augen geöffnet, und ihr werdet wie Gott, Gutes und Böses wissen.
- Und die Frau sah, dass der Baum gut zum Essen war und dass er eine Lust für die Augen war und dass der Baum begehrenswert war, einsichtig zu machen. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab auch ihrem Mann, der mit ihr war, und er aß.
- Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie wussten, dass sie nackt waren, und sie nähten Feigenblätter und machten sich Schürzen.
Kommentar
Unmittelbar nach der Erschaffung der Frau nimmt die Erzählung eine dramatische Wendung.
Eine sprechende Schlange wird ohne jede Erklärung eingeführt – als wäre dies selbstverständlich. Bemerkenswert ist, dass der Text keinerlei Hinweis darauf gibt, dass Eva über diese Tatsache erstaunt wäre.
Oft hört man die Vorstellung, die Schlange habe gesagt: „Siehe, ich habe davon gegessen, und nun kann ich sprechen.“ Vielleicht sagte sie tatsächlich etwas in dieser Art – vielleicht auch nicht. Der biblische Text berichtet es jedenfalls nicht. Ebenso wäre denkbar, dass im Garten Eden grundsätzlich alle Tiere sprechen konnten und die Schlange lediglich die einzige war, die ihre Fähigkeit listig und manipulativ einsetzte.
Ein weiterer verbreiteter Gedanke ist, dass Eva allein gewesen sei, getrennt von Adam, als die Versuchung geschah. In vielen Darstellungen entfernt sie sich versehentlich von ihm, und gerade diese Isolation soll es der Schlange ermöglicht haben, sie zu verführen.
Der Text selbst sagt jedoch etwas anderes. Zwar wird nicht berichtet, dass Adam während des Gesprächs etwas sagte oder tat, doch heißt es ausdrücklich, dass sie „ihrem Mann gab, der bei ihr war“ (עִמָּהּ, ʿimmāh – „bei ihr“).
Einige Ausleger, die am traditionellen Bild festhalten möchten, argumentieren, dass der hebräische Ausdruck auch anders verstanden werden könne. Grammatikalisch ist das zwar vielleicht möglich, doch wäre es eine ungewöhnliche Konstruktion und sicherlich nicht das Naheliegende für einen unvoreingenommenen Leser. Die einfache Lesart lautet: Er war bei ihr.
Diese Beobachtung verändert das Bild des Sündenfalls deutlich. In der geläufigen Vorstellung erscheint Adam oft als der, der aus Liebe zu Eva handelt: Er weiß, dass das Essen verboten ist, tut es aber dennoch, um sie nicht zu verlieren – und liebt sie damit mehr als Gott.
Liest man den Text jedoch so, wie er tatsächlich dasteht, dann hat Adam bewusst mitgesündigt, indem er Eva das Handeln überließ. Hier scheint es, als habe er selbst den Wunsch gehabt, von der Frucht zu essen – vielleicht wollte er nur nicht derjenige sein, der den ersten Schritt tut. Doch als Eva die Grenze überschritten hatte, griff auch er zu, um selbst auszuprobieren, was geschieht, wenn man Gott nicht gehorcht.
Der Abschnitt, den der vorhergehende Text beschließt, endet damit, dass sie nackt waren und sich nicht schämten (Gen 2,25). Hier hingegen erkennen sie ihre Nacktheit und bedecken sich – der erste Ausdruck menschlicher Scham.
Im altorientalischen Kontext ist Scham (hebräisch: בּוּשׁ, būš) ein viel stärkeres Konzept als in der westlichen Kultur. Für die ursprünglichen Hörer des Textes dürfte das Moment der Scham daher emotional gewichtiger gewesen sein als die moralische Kategorie der „Schuld“, die in späteren theologischen Lesarten stärker betont wird.
Fragen zum Nachdenken
- Was denkst du – konnte nur die Schlange sprechen, oder war Sprache im Garten Eden vielleicht eine allgemeine Eigenschaft der Schöpfung?
- Vergleiche die Beschreibung des Baumes der Erkenntnis mit der der anderen Bäume in Genesis 2,9. Welche Parallelen fallen dir auf?
- Welche weiteren Implikationen hat es, wenn man annimmt, dass Adam bei Eva war?
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